Insiderhändler oder Opfer eines SVP-Feldzugs?

Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen einen früheren KPMG-Manager wegen Insiderdelikten. Der Ex-Revisor führt seinen beruflichen Absturz auf eine Kampagne von Christoph Mörgeli und seiner Partei zurück.

Verdächtige Transaktionen mit Wertpapieren haben Daniel Senn ins Visier der Bundesanwaltschaft gebracht. Foto: IStock

Verdächtige Transaktionen mit Wertpapieren haben Daniel Senn ins Visier der Bundesanwaltschaft gebracht. Foto: IStock

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Daniel Senn ist nicht irgendwer. Zu seinen besten Zeiten war er so etwas wie der Revisor der Nation. Bei grossen Skandalen vertraute man gerne ihm und seinem Arbeitgeber, dem Wirtschaftsprüfer KPMG, heikle Gutachten an. So 2003 beim Geldwäschereiverdacht gegen den – inzwischen freigesprochenen – Banker Oskar Holenweger. Senn untersuchte Holenwegers Bank Tempus und liquidierte sie. Auch bei den Devisenspekulationen von Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand 2012 war seine Arbeit gefragt. Senn überprüfte die Devisengeschäfte auf die Konformität mit dem Reglement der Schweizerischen Nationalbank – und kam zum Schluss, dass Hildebrand nichts Unzulässiges getan hatte.

Dann kam der Absturz.

Ende Januar 2013 schied Senn über­raschend aus der KPMG aus. Er habe sich entschieden, nach 16 Jahren einen neuen Karriereschritt zu machen. Und man werde, schrieb das Unternehmen damals in einer Medienmitteilung, «mit ihm eng verbunden bleiben». Senn erklärt heute, der Rücktritt sei «aufgrund unter­schiedlicher Ansichten hinsichtlich der Geschäftsstrategie im Bereich Financial Services» erfolgt. Die KPMG beantwortet keine Fragen zum Fall Senn.

Am 30. Januar 2014 entzog die Eidgenössische Revisionsaufsicht (RAB) Senn die Zulassung als Revisionsexperte für fünf Jahre, also bis Ende 2019. Seither wird gerätselt, was gegen den einstigen Top-Revisor vorliegt. Die RAB äussert sich nicht zum Fall. Eine mögliche Er­klärung für Senns Karriereknick gibt ein Urteil des Bundesstrafgerichts vom 24. Juni 2015. Darin steht, dass die Bundesanwaltschaft gegen den Manager wegen Verdachts auf Insiderhandel ermittelt. Auf Anfrage bestätigt die Bundesanwaltschaft den Sachverhalt.

Recherchen des «Tages-Anzeigers» zeigen nun erstmals, was dem mittlerweile 58-jährigen Daniel Senn vor­geworfen wird: Er soll als sogenannter Primärinsider illegale Transaktionen mit Optionen von Roche, Wertpapieren der Deutschen Pfandbriefbank AG und der Regionalbankengruppe Valiant ge­tätigt haben. Auch soll er vertrauliche Informationen über Firmen, für deren Revision er zuständig war, gegen Be­zahlung an Dritte weitergegeben haben.

Über die Konten der Kinder

Im Zentrum der Ermittlungen stehen drei verdächtige Transaktionen: Sie ­sollen am 30. Juli 2009, am 3. August 2009 und am 11. April 2012 via Swissquote über zwei Konten bei der Bank Sara­sin gelaufen sein, die auf den Namen seiner beiden erwachsenen Kinder lauten. Zwei weitere Konten bei der Privatbank gehören Daniel Senn. Die Bundesanwaltschaft wertet auch Kontounterlagen bei der Thurgauer Kantonalbank, Swissquote und Postfinance aus.

Bei allen drei erwähnten Firmen gibt es einen Bezug zu KPMG. Die Bücher von Roche werden seit Jahren von dieser Firma geprüft, allerdings vom britischen Arm. Jene der Deutschen Pfandbriefbank wird von der deutschen KPMG testiert. Die Berner Regionalbankengruppe Valiant liess ihre Rechnung bis 2013 von der KPMG Bern prüfen. Ver­ant­wort­licher Revisor: Daniel Senn.

Senn bestreitet die Vorwürfe. Er habe nie mit Valiant-Aktien gehandelt. Von der Pfandbriefbank habe er Anleihen gehabt. «Aber wie kann man mit Anleihen Insiderhandel betreiben? Ich kann diesen Vorwurf nicht verstehen.»

Mit Roche-Optionen hat es laut Senn zwei Deals gegeben – beides «Fehltransaktionen». Ein Abschluss sei noch gleichentags storniert worden. Die zweite Transaktion, bei der ein «kleiner Gewinn» resultierte, habe er erst nach der Rückkehr aus den Ferien entdeckt. Er habe dafür gesorgt, dass der Handel sofort rückgängig gemacht worden sei. Hatte er die Wertpapiergeschäfte veranlasst? Er wisse bis heute nicht, wer den Auftrag dazu gegeben habe. «Ich war der Meinung, ich sei es nicht gewesen», erklärt er. Als Mitglied der KPMG-Leitung sei es ihm nicht erlaubt gewesen, Aktien von Revisionskunden zu halten. Weil es aber immer wieder zu Fehlern komme, gebe es eine zehntägige Frist, um diese zu korrigieren.

Warum die Wertpapier­transaktionen über die Konten seiner beiden er­wachsenen Kinder liefen, will Senn nicht sagen. Er habe aber darauf ge­achtet, dass sie keine Papiere von Gesellschaften kauften, in die er involviert gewesen sei.

Der einst renommierte KPMG-Revisor ist laut eigenen Aussagen bis heute noch nie von der Bundesanwaltschaft einvernommen worden. Und auch seine beiden Kinder seien noch nie um Auskunft angegangen worden. Die Verjährung der Senn zur Last gelegten Taten dürfte bereits ab nächstem Jahr eintreten.

Wenn er sich schon unschuldig fühlt, wie erklärt er sich dann den beruflichen Absturz und die laufenden Ermitt­lungen? Für Senn gibt es darauf eine Antwort: Er sei das Opfer eines Rachefeldzugs der SVP.

Mörgelis «Schmierenkomödie»

Dass die Partei ihm nicht wohlgesinnt ist, ist kein Geheimnis. Bankier Holenweger hat ein Staatshaftungsbegehren beim Bund eingereicht. Er will für den Verlust seiner Bank von Bund und KPMG entschädigt werden. Breite Unter­stützung erhält er von der SVP. Auch im Fall Philipp Hildebrand steht Senn als Buhmann der SVP da.

Interessant ist das Wirken des ­Zürcher SVP-Nationalrats Christoph Mörgeli. Er zerzauste den «seltsamen Revisor» nicht nur verbal und nannte seine Arbeit eine «Schmierenkomödie». Er lieferte auch Hinweise. «Die Gerüchte verdichten sich, dass Senn selber ein höchst aktives Börsenkonto bei der Bank Sarasin unterhält», schrieb Mörgeli am 22. März 2012. Woher er diese Information hatte, ist bis heute nicht geklärt. Der Politiker sprach 2012 auch bei der Eidgenössischen Revisions­aufsichts­behörde vor. Die Abklärungen der Aufseher verliefen aber im Sande.

Und nun kommt ein weiterer Tipp­geber ins Spiel. Es war, wie Recherchen zeigen, die Anfrage eines Journalisten der «NZZ am Sonntag» bei der RAB, die neuen Schwung in die Causa Senn brachte. Per Mail erkundigte sich der Medienvertreter am 15. Oktober 2013 zum Gerücht, der KPMG-Manager habe als Revisionsexperte mittels Verfügungsmacht über Bankkonten seiner beiden Kinder Transaktionen durchgeführt. Das RAB beantwortete die Fragen nicht.

Was der Journalist nicht wusste: Die Behörde nahm seine Anfrage zu den Akten und konfrontierte Senn unter Strafandrohung erstmals mit dem Vorwurf, er habe Insidertransaktionen gemacht. Die Behörde erwähnte die Existenz ­eines Whistleblowers. Senns Rechts­anwalt verlangte, dass die Vorwürfe ­konkretisiert und der Name des Informanten offengelegt werde. Senn und sein Anwalt vermuteten Mörgeli als Anonymus. Gleichzeitig machte der Jurist die Behörde darauf aufmerksam, dass die Kinder von Senn erwachsen seien und nicht dem Revisionsaufsichtsgesetz unterlägen. Senn verweigerte alle Auskünfte zu den Konten. Die RAB gab den Namen nicht preis. Am 12. Dezember 2013 reichten Senn und seine Kinder bei der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland Strafanzeige ein gegen Unbekannt wegen Verletzung des Bankgeheimnisses.

Der Journalist erfuhr erst am 13. Dezember 2013 in einer Mail der RAB, dass seine Anfrage Teil eines hängigen Ver­fahrens sei. Man habe seinen Namen aber unkenntlich gemacht. Senns Rechtsanwalt verlange die Offenlegung des ­Namens. Die RAB bat den Journalisten um Instruktionen. Dieser protestierte und verlangte, dass seine Anfrage aus den Akten entfernt werde oder zu­mindest seine Identität in den weiteren Verfahren geschützt werde.

Noch gleichentags entzog die RAB Senn die Zulassung als Revisionsexperte und reichte an dessen Wohnort Frauenfeld bei der Staatsanwaltschaft Straf­anzeige wegen Verstosses gegen das Revisions­aufsichts­gesetz und wegen Verdachts auf Insiderhandel ein. Am 5. März 2014 eröffnete auch die Bundesanwaltschaft ein Verfahren gegen Senn. Gemäss neuem Insiderstrafrecht ist sie für solche Ermittlungen zuständig. Die Verfahren wurden zusammengelegt.

Die Akte ruht wegen der Fifa

Ist Senn den Verlockungen des schnellen, aber illegalen Aktiendeals erlegen? Oder wurde er Opfer eines politischen Rachefeldzugs? Das werden die Ergebnisse der Ermittlungen zeigen. Vorläufig jedoch ruht die Akte weiterhin in der Schublade. Die Abteilung WiKri I (Börsendelikte/­allgemeine Wirtschaftskriminalität) der Bundesanwaltschaft ist vollauf mit dem Fall Fifa beschäftigt.

Bereits etwas zurückkrebsen musste die Revisionsaufsichtsbehörde. Senn hatte gegen deren Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Am 3. März 2015 haben die Streitparteien bei einer Verhandlung vor dem Gericht einen Vergleich geschlossen. Statt des ursprünglichen Zulassungsverbots bis Ende 2019 gilt jetzt die Sprachregelung, wonach Senn «freiwillig» auf die Zulassung bis zum 1. Januar 2017 verzichtet hat. Darüber hinaus haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart.

Inzwischen weiss Senn auch, wer der «anonyme Informant» bei der RAB war. Aufgrund seiner Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland wegen Verletzung des Bankgeheimnisses musste die RAB am 24. Juni auf Anordnung des Bundesstrafgerichts die Identität des Journalisten lüften. Der Journalist ist von der Staatsanwaltschaft befragt worden. Unter Berufung auf den Quellenschutz hat er die Aussage verweigert. Nun haben die Berner das Verfahren sistiert.

Nachdem der Entscheid des Bundes­straf­gerichts in der «NZZ am Sonntag» publik gemacht wurde, holte Christoph Mörgeli am 23. Juli 2015 in der «Welt­woche» erneut zu einem Rundschlag aus: «Eine behördliche Wagenburg», ­bestehend aus der Revisions­aufsichts­behörde, dem Parlament, der KPMG, der Finma und dem Bundesrat, sorgte dafür, dass im Fall Senn bis heute «kaum etwas nach aussen sickerte». Denn es gehe in diesem Skandal letztlich nur um die Abwehr der Forderungen von Oskar Holenweger und um die Weisswaschung von Philipp Hildebrand.

Mörgeli war für den «Tages-Anzeiger» nicht zu sprechen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2015, 23:06 Uhr

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