Goldrausch in Zug: In 13 Tagen 230 Millionen Dollar gesammelt

Die Steueroase wird zum Eldorado für Geldmacher, die von einer digitalen Plattform profitieren wollen. Ein Fall ist dabei besonders krass.

Auf einem Bildschirm ist die Livedaten-Erfassung des Ethereum-Netzwerks in den Räumen einer Firma dargestellt. Bild: Keystone

Auf einem Bildschirm ist die Livedaten-Erfassung des Ethereum-Netzwerks in den Räumen einer Firma dargestellt. Bild: Keystone

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Die Region Zug, wo die Steuern tief und die Regulierung schwach ist, zieht digitale Goldgräber magisch an. Ein amerikanisches Ehepaar ist besonders dreist. Kathleen und Arthur Breitman haben, zusammen mit ein paar Gesinnungsgenossen, eine digitale Plattform erstellt, auf der Dritte Zusatzprogramme für Nutzer und Investoren laufen lassen können. Abgekupfert haben sie die Idee bei der in Baar ZG domizilierten Plattform Ethereum und ihrer Digitalwährung ­Ethereum. Im Projekt der Breitmans sahen kalifornische Risikokapitalgeber um Marc Andreessen ein so grosses Potenzial, dass sie einen Teil ihres Fonds von 10 Millionen Dollar investierten – ein paar Millionen also.

Danach nahm das Ehepaar die Abkürzung. Anstatt wie andere Digitalgründer über Jahre sieben Tage die Woche zu schuften und Geldgeber bei jeder weiteren Finanzierungsrunde mühsam von den Erfolgsaussichten ihres Projekts zu überzeugen, setzten Breitmans auf die Gier und Ahnungslosigkeit gewöhnlicher Anleger, die seit der Kursexplosion von Bitcoin und Ether das grosse Geld wittern. Und das ging so: Die Jungfirma strebte nicht wie andere einen Börsengang an, was im Bankerjargon IPO genannt wird. Nein, Breitmans starteten ein ICO – ein Initial Coin Offering –, in dem an das Anlegerpublikum digitale Anteile verkauft werden, die mit Bitcoin oder Ether bezahlt werden.

Ein Weltrekord

Der Rechnung ging voll auf. Gestern war die von den Breitmans am 1. Juli gestartete Geldabholaktion zu Ende. Sie brachte umgerechnet rund 230 Millionen Dollar ein. Das ist neuer Weltrekord in der Welt der digitalen Geldgräber.

Das Geld fliesst an die im Auftrag des Ehepaars gegründete Tezos-Stiftung mit Sitz in Zug. Auch hier haben Breitmans zuerst an sich selbst gedacht. In einem Transparenz-Memorandum, das auf ­Tezos.com nur zu finden ist, wenn man auf das nichtssagende Kürzel DLS klickt, steht höchst Ungewohntes aus Sicht der Szene digitaler Start-ups. Laut dem Memo erhält das Ehepaar «8,5 Prozent der Beiträge, die bei dem Fundraising eingegangen sind». Rechnet man die eingegangenen Bitcoin und Ether um, ergibt das gegen 20 Millionen Dollar. Dieses Geld können Breitmans herausnehmen – sie sind also bereits Multimillionäre, selbst für den nicht so unwahrscheinlichen Fall, dass Tezos ein Flop wird. Die Anleger dagegen würden ihren gesamten Einsatz verlieren. Damit nicht genug. Das Ehepaar erhält darüber hinaus 10 Prozent aller Anteile an Tezos, die gestern umgerechnet 23 Millionen Dollar wert waren. Wird Tezos ein Erfolg, machen sie nochmals grosse Kasse. Breitmans rechtfertigen sich, sie hätten dafür ihre Plattform eingebracht. Diese ist aber erst eine Betaversion und die Aussicht auf Gewinn nicht abschätzbar.

«Hände weg!»

Ein Grund dafür, weshalb auf die Konten von Tezos umgerechnet, grob gesagt, gegen eine Viertelmilliarde Dollar floss, ist, dass Breitmans es bewusst unterliessen, einen Maximalbetrag einzubauen, bei dem die Sammelaktion automatisch gestoppt wird. Was in Internetforen von der Branche heftig kritisiert wurde. Denn andere digitale Jungunternehmer deckeln ihre Geldsammelei meist bei 20 oder 30 Millionen Dollar. Ein Profianleger verglich Breitmans auf Reddit.com mit Jeff Skilling, dem Chef von Enron, der nach der Pleite des US-Energiekonzerns wegen Bilanzbetrugs 14 Jahre Gefängnis kassierte. «Hände weg, nicht investieren», rieten Branchenkenner in ihren Blogs.

Wie gierig Breitmans, aber auch die Anleger sind, zeigt der Vergleich mit ­Ethereum, die 2014 bei ihrer ersten Sammelaktion in zwei Wochen 12 Millionen Dollar einnahm. Ethereum musste bescheiden anfangen, ist heute aber etabliert – die bisher ausgegebenen Ether sind derzeit 20 Milliarden Dollar wert.

Über Zug wurde eine weitere Mega-Sammelaktion abgewickelt. Die israelische Jungfirma Bancor, deren Projekt auf der Plattform von Ethereum aufbaut, holte diese Woche über ihre Stiftung Bprotocol in Zug umgerechnet 152 Millionen Dollar bei Anlegern ab. Bancor will andere Händler von Digitalwährungen ausschalten – es sei einfacher und günstiger, Digitalwährungen über ihre automatische, von Software gesteuerte Plattform abzuwickeln. Die Erfolgaussichten ihres Projekts: ungewiss. Verlustwahrscheinlichkeit für die Anleger: beträchtlich. Klar ist nur: Die Gründer von Bancor sind steinreich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 07:18 Uhr

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