«Schattenbanken sind ein Schönwettersystem»

Niemand kennt die Risiken, die im globalen Schattenbankensystem schlummern: Finanzprofessor Maurice Pedergnana über eine dringend nötige Finanzreform.

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Herr Pedergnana, das Schattenbankensystem ist grösser als je zuvor. Wie kommt das?
Die übergeordnete Logik des Wandels ist, dass die Finanzwelt von einem Hausbankensystem hin zu einem am Kapitalmarkt orientierten System übergeht. In einem solchen System landen Bankkredite nicht mehr zwingend in der Bilanz von Banken, sondern ausserhalb – in irgendwelchen Gefässen für irgendwelche Investoren.

Wie schädlich ist dieser Übergang?
Der Systemwechsel per se ist nicht das Problem. Nehmen wir das Beispiel der Hedgefonds – einem Teil des Schattenbankensystems. Diese Fonds halten nicht nur Papiere, sondern leihen sich aus den Wertschriftendepots einer Bank auch Papiere für den Leerverkauf aus. Man kann nicht sagen, dass dieses System per se destabilisierend ist. Fakt ist aber, dass das Schattenbankensystem als Ganzes sehr gefährlich werden kann.

«Schattenbanken»: Das tönt nach Unterwelt, nach Illegalität.
Das ist ein Missverständnis. Das passende Bild ist effektiv, dass es eine Seite des Bankensystems gibt, die von der Sonne beleuchtet wird – und eine andere Seite, die vergleichsweise dunkel ist. Ohne reguläre Banken kann das Schattenbankensystem gar nicht funktionieren. Bis anhin herrscht darüber allerdings viel zu wenig Transparenz. Aufschluss über die Ausserbilanzrisiken einer Bank erhalten Sie höchstens im Kleingedruckten – wenn überhaupt.

Welcher Mangel wiegt schwerer: der an Transparenz oder der an Vorschriften?
Das hängt von der Situation ab. Das Schattenbankensystem ist in der Quintessenz ein Schönwettersystem: Wenn Ausfälle in diesem Segment drohen, werden die Märkte extrem nervös. Die Akteure wissen letztendlich nicht, wo ihre Positionen abgerechnet werden. Das zeigt sich etwa am Beispiel von Lehman Brothers. Vier Jahre nach dem Zusammenbruch der Bank ist man noch immer daran, die Verpflichtungen und Ansprüche zu entflechten.

Hätte eine frühe Regulierung der Schattenbanken die Finanzkrise verhindert?
Das lässt sich nicht einheitlich sagen. Zum Teil hat das System eine blasenbildende, zum Teil eine mildernde Wirkung. Teile des Schattenbankensystems haben in der Krise sogar für Stabilität gesorgt. Deutsche Unternehmen, die über Private Equity finanziert wurden, haben die Krise beispielsweise besser überstanden als bankenfinanzierte Unternehmen. Andererseits gab es regulierte Finanzmarktteilnehmer wie AIG, die das Schattenbankensystem bewusst zur Risikosteigerung benutzt haben – ohne dass der Verwaltungsrat das wahre Ausmass der Risiken erkannt hätte.

Es heisst, die seit der Finanzkrise eingeführten, härteren Bankenregeln hätten selbst zur Abwanderung in die Schattenwelt geführt.
Die Ansicht ist berechtigt. Es heisst auch: «Geld ist immer schneller als der Regulator.» Auf neue Regulierungen reagiert die Finanzbranche jeweils mit grosser Kreativität. Sie nutzt jede Möglichkeit zur Regulierungsarbitrage – und das nicht erst seit der Finanzkrise. Allerdings versuchen Banken seit Jahrzehnten, Risiken aus ihrer Bilanz herauszunehmen und in Vehikel ausserhalb der Bilanz umzulagern. Obwohl weitsichtige Ökonomen dies seit langem kritisiert hatten, sahen die Behörden darin ursprünglich etwas Positives.

Doch dann bewirkte die Finanzkrise einen Sinneswandel.
Das Wissen der Regulatoren ist heute um ein Vielfaches grösser als zuvor. Doch es ist tatsächlich so: Die Regulierung des Schattenbankensystems liess lange auf sich warten und wurde durch die Inaktivität der Regulatoren begünstigt. Bankkredite mässiger Qualität, welche die Bilanz belastet hätten, wurden nach wie vor durch den Fleischwolf gedreht und künstlich zu Filetstücken aufgewertet. Was nicht wieder in der Bankbilanz landete, wanderte nochmals durch den Fleischwolf und blieb schlussendlich bei Finanzinvestoren hängen.

Sind die Behörden mit ihren Regulierungsvorschlägen nun auf dem richtigen Weg?
Absolut. Die Vorschläge der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sind stringent und überzeugend. Es sind keine überhasteten, sondern sauber durchdachte Massnahmen. Sowohl die amerikanische Notenbank wie auch die Europäische Kommission mit ihrem Grünpapier haben die Handlungsrichtung vorgespurt. Ein weiterer Vorteil ist, dass sich seit 2010 ein internationales Gremium wie das Financial Stability Board der Sache annimmt. Es braucht ein koordiniertes Vorgehen aller Länder, um die Transparenz im Schattenbankensystem zu erhöhen. Schwierig wird sein, die Regulierung in allen Märkten umzusetzen.

Wo liegen die Hindernisse?
Eines der grössten Risiken der Weltwirtschaft liegt in China. Das dortige Schattenbankensystem ist extrem intransparent – der Regulierungsbedarf ist riesig. Wenn sich das FSB-Papier in China nicht umsetzen lässt, könnte das zu grösseren Problemen führen. Im Westen haben die Investoren ja auch etwas genug von diesen «Special-Purpose-Vehikeln» der Banken bekommen. Doch das chinesische Bankensystem ist integral auf solchen Vehikeln aufgebaut. Ohne Schattenbankensystem, so sagt die Ratingagentur Fitch, wäre Chinas Bankensystem bereits kollabiert – und damit die Finanzierungsquelle für die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der Welt.

In der Schweiz ist das Schattenbankensystem doppelt so gross wie das BIP. Was kommt da auf uns zu?
Wenn alle mitmachen, wird der weltweite Wettbewerb durch die neue Regulierung nicht verzerrt. De facto betroffen werden Obligationenfonds, ETFs, verbriefte Hypotheken sein: Das Geschäft der Schweizer Banken mit solchen Produkten wird zum Grossteil über Orte wie London, Guernsey oder die Cayman Islands abgewickelt. Man kann das Schattenbankensystem nicht national isoliert betrachten.

Wie soll sich die Schweiz verhalten?
Sie sollte auf keinen Fall einen Extrazug fahren. Die Schweiz ist ja selbst auch im Financial Stability Board vertreten. Sie sollte die Zusammenarbeit mit den anderen Regulatoren eins zu eins übernehmen.

Wird das Schweizer Bankensystem dadurch sicherer?
Nochmals: Das Schattenbankensystem funktioniert bei schönem Wetter bestens. Doch als Bergsteiger müssen Sie immer mit einem unerwarteten Wetterumsturz rechnen und deshalb Vorkehrungen treffen. Der Derivatmarkt gehört zum Alltagsgeschäft – auch von Kantonalbanken. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass man sich nicht einfach darauf verlassen kann, dass solche Märkte immer liquid sind. Eine erhöhte Transparenz – etwa mittels der Abwicklung von Derivatgeschäften über zentrale Gegenparteien, so wie es das FSB vorschlägt – macht diese Märkte sicherer. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.11.2012, 16:25 Uhr)

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Der Regulierungszug fährt los: Paradeplatz in Zürich.

Empfehlungen des FSB

Das Financial Stability Board (FSB) hat am gestrigen Sonntag einen lang erwarteten Bericht über das Schattenbankensystem veröffentlicht. Darin beziffert das FSB das Ausmass des Schattenbankensystems für verschiedene Länder (siehe Grafiken oben). Wie das FSB schreibt, ist das Schattenbankensystem 2011 auf 67 Billionen Dollar angewachsen.

Weiter gelangt das FSB mit konkreten Politikempfehlungen an die Öffentlichkeit. Ziel ist eine stärkere Regulierung des Schattenbankensystems, um dessen Risiken für reguläre Banken zu minimieren.

So sollen etwa Geldmarktfonds transparenter gemacht werden, um das plötzliche Abziehen von Investorengeldern zu verhindern. Weiter empfiehlt das Gremium Mindeststandards zur Berechnung von Verlusten aus verschiedenen Formen von Sicherheiten, die bei Repo-Geschäften benutzt werden.

Mitglieder des FSB, das seinen Sitz bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel hat, sind Institutionen aus den G-20-Staaten sowie internationale Einrichtungen wie die Weltbank, die Europäische Zentralbank und die Europäische Kommission. Auch die Schweiz ist mit der Nationalbank und dem Finanzdepartement im FSB vertreten.

Das Schattenbankensystem

«Man kann das Schattenbankensystem nicht unabhängig vom regulierten Bankensystem betrachten», sagt Finanzexperte Maurice Pedergnana (siehe Interview).

Das Schattenbankensystem umfasst alle Finanzintermediäre, die bankähnliche Dienstleistungen erbringen, aber nicht über eine Bankenlizenz verfügen und folglich auch nicht über das Bankengesetz reguliert sind. Eine einheitliche Definition für das Schattenbankensystem existiert nicht.

Zum System dazugezählt werden so unterschiedliche Finanzmarktakteure wie Hedgefonds, Private-Equity-Gesellschaften, Geldmarktfonds, ausserbilanzielle Zweckgesellschaften und traditionelle Fondsgesellschaften. Typischerweise finden Teile des Investmentbanking von Grossbanken ausserhalb des regulierten Bankgeschäfts statt.

Zur Person

Maurice Pedergnana ist Professor an der Hochschule Luzern. Der 47-Jährige ist zudem Chefökonom der Zugerberg Finanz AG sowie Geschäftsführer der Swiss Private Equity and Corporate Finance Association (Seca).

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