Wirtschaft
Führt die Schweiz einen Währungskrieg?
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 25.09.2012 82 Kommentare
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Die Meldung kam am Morgen: Eine Analyse der Ratingagentur Standard & Poor's (S & P) legte nahe, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) durch ihre Untergrenzenpolitik die Ungleichgewichte in Europa verstärke (wir berichteten). Nämlich dadurch, dass sie Anleihen von Staaten mit guter Bonität – etwa Deutschland, Holland oder Finnland – aufkaufte und dadurch deren Zinsen sinken würden. S & P schätzt, dass die SNB (SNBN 1100 0.00%) von Anfang 2012 bis Juli 2012 auf diesem Wege Regierungsobligationen dieser Länder in Höhe von 80 Milliarden Euro gekauft hat. Die SNB selbst gibt keine Details darüber bekannt, wie sie ihre Reserven bewirtschaftet.
Allerdings meldete sich die SNB am Dienstagabend zu Wort: In einer Mitteilung schreibt sie, die Studie von S & P enthalte einen «fundamentalen Fehler». Sie ignoriere den beträchtlichen Anstieg der SNB-Depositen bei anderen Zentralbanken und internationalen Institutionen. Die Schlussfolgerung von S & P, dass die SNB Staatsanleihen von Euro-Kernländern in der Grössenordnung von 80 Milliarden Euro gekauft habe, sei daher unbegründet. Dass die SNB einen Teil ihrer Euro-Bestände in Staatsanleihen von Ländern mit guter Bonität anlegt, ist wohl unbestritten. Es stellt sich allenfalls die Frage nach der Grössenordnung. Der Vorwurf also, wonach die SNB mit ihrer Untergrenzenpolitik einen Einfluss auf die Zinsen anderer Staaten hat, ist kaum von der Hand zu weisen. Auch hier stellt sich allenfalls die Frage nach dem Ausmass.
Mag der Vorwurf von S & P, die SNB trage zur Verschärfung der Ungleichgewichte in Europa bei, etwas extrem klingen, ganz von der Hand zu weisen ist er wohl nicht. Was also ist davon zu halten, die SNB führe eine Art verdeckten Währungskrieg?
Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise ist immer wieder von einem Währungskrieg die Rede. Der brasilianische Finanzminister hat die USA beschuldigt, einen solchen Krieg anzetteln zu wollen, aber auch Christoph Blocher hat die Schweiz schon als Opfer eines solchen Krieges gewähnt.
Wer von einem Währungskrieg spricht, meint in der Regel die Zustände in den 1930er-Jahren. Der Erste Weltkrieg hatte für den Welthandel zwei fatale Folgen: Er schwächte das britische Imperium so sehr, dass es nicht mehr in der Lage war, seine Rolle als Hüterin des globalen Freihandels zu spielen. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass alle Industriestaaten mehr oder weniger pleite waren. Um ihrer Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen, suchten sie ihr Heil im Export. Das Resultat war eine «beggar thy neighbour»-Politik. Will heissen: Alle Industriestaaten erhoben einerseits hohe Zölle für Importe, und gleichzeitig manipulierten ihre Zentralbanken die Währung, um so ihre Exporte zu fördern. Das Resultat war ein Nullsummenspiel: Weil sich alle gleich verhielten, profitierte keiner. Der Währungskrieg endete in einem richtigen Krieg.
Zwischen Notwehr und Manipulation
Um ein ähnliches Desaster zu verhindern, veranstalteten die Siegermächte noch während des Zweiten Weltkrieges eine Konferenz im US-Ferienort Bretton Woods. Dort wurde unter der Leitung der USA eine neue Weltordnung gezimmert. Sie hat drei Pfeiler: Internationaler Währungsfonds (IWF), Weltbank und Welthandelsorganisation (WTO). Der internationale Handel und die Währungspolitik sind heute deshalb institutionell weit stärker abgestützt als in den 1930er-Jahren. Eine nackte «beggar thy neighbour»-Politik ist kaum noch möglich. Allerdings wäre es auch naiv, zu glauben, dass im Währungsbereich deshalb reine Marktwirtschaft herrschen würde. Seit US-Präsident Nixon zu Beginn der 1970er-Jahre die ursprüngliche Ordnung aufgelöst hat und die wichtigsten Währungen nicht mehr via Dollar an Gold gebunden sind, herrscht ein Regime, das man «dirty float» nennt. Bei diesem dreckigen Float mischen die Zentralbanken mit, wenn es um den Aussenwert ihrer Währung geht. Aber es ist ihnen nicht erlaubt, sie schamlos zugunsten ihrer Exportwirtschaft zu manipulieren.
Die SNB hat gegenüber dem Euro eine künstliche Untergrenze von 1.20 Franken festgelegt, den sie um jeden Preis verteidigt. Ist dies nun eine Massnahme innerhalb eines akzeptierten «dirty float» oder bereits eine unerlaubte Währungsmanipulation? So genau weiss das niemand. Angesichts der Tatsache, dass die SNB offensichtlich in Notwehr gehandelt hat – der Euro hat wegen der Krise um die Einheitswährung massiv an Wert verloren, nicht weil die SNB irgendetwas getan hätte –, haben die anderen bisher ein Auge zugedrückt und das Vorgehen der SNB mehr oder weniger stillschweigend gebilligt.
Eine unendliche Übergangslösung
Die 1.20-Franken-Grenze ist von der SNB stets als Übergangsmassnahme gedacht worden. Doch ein Ende der Eurokrise zeichnet sich nicht ab, und bei der SNB stapeln sich die Euro-Staatsanleihen. Sie müssen gekauft werden, um den Kurs des Frankens zu drücken. Inzwischen sind es umgerechnet rund 400 Milliarden Franken. Um was für Anleihen es sich dabei im Detail handelt, gibt die SNB nicht bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass es eher deutsche und holländische Papiere sind als spanische und italienische.
Hier setzt nun die Kritik der Ratingagentur S & P an: Damit betreibe die SNB einen indirekten Währungskrieg, sagt sie, denn durch den Aufkauf von deutschen, holländischen und finnischen Staatsanleihen – in welchem Ausmass ist nicht klar – trage die SNB dazu bei, dass die Zinsen dieser Papiere künstlich tief gehalten werden. Die Zinsen der Defizitsünder, vor allem Spanien und Italien, hingegen drohen immer wieder in Bereiche zu steigen, die für die beiden Länder nicht mehr tragbar sind. Es kommt zum viel zitierten Spread zwischen den Zinsen der einzelnen Staatsanleihen. Die Wirkung ist die gleiche wie bei den Währungsmanipulationen der «beggar thy neighbour»-Politik: Die Wirtschaften der Länder mit tiefen Zinsen haben einen Wettbewerbsvorteil.
Die SNB hat keine andere Option
Rein technisch gesehen stimmt die Argumentation von S & P. Indirekt verstärkt die SNB mit ihrer Untergrenze tatsächlich die Ungleichgewichte in Europa. Aber sie hat gar keine andere Option, sie handelt nach wie vor aus Notwehr. So gesehen bleibt es unwahrscheinlich, dass die Schweiz demnächst unter massiven internationalen Druck kommen wird. Die Kritik der Ratingagentur zeigt aber, dass dies jederzeit der Fall sein kann. Irgendwann wird die SNB-Politik an Grenzen stossen – nicht nur, weil das Währungsrisiko zu gross wird, sondern auch das politische. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.09.2012, 18:58 Uhr
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82 Kommentare
S+P, Moodys und alle anderen namhaften US-Ratingagenturen wurden nach der Subprime-Krise im 2008 von der Finanzaufsichtsbehörde befragt, weshalb sie so viele CDOs mit AAA+ bewertet hatten, obwohl sie wussten, dass es sich um Ramschpapiere handelte. Die Antwort aller Verantwortlichen lautete: "es sind nur Meinungen!". Ein Phänomen+Rätsel bleibt,weshalb immer noch die ganze Finanzwelt auf sie hört!? Antworten
Natürlich führt sie Währungskrieg.Wie sollte sie auch anders als extrem exportabhängiges Land.China und EU haben bekanntlich seit 2000 mit Ausschaltung des Währungsmarktes die Marktwirtschaft aus den Angeln gehoben und damit den W'krieg begonnen.Die Auswirkungen sind katastrophal,nur noch nicht spürbar wegen Liquiditätsschwemmen.Warum Toleranz? Hat Freiheitsverlust im W Widerstandskraft gelähmt? Antworten
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