Das Volatilitäts-Drama
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 14.11.2011 28 Kommentare
Das Wechselspiel zwischen Angst und Hoffnung schlägt sich in heftigen Kursschwankungen nieder: Die Entwicklung des Schweizer Börsenindex SMI über die vergangenen sechs Monate.
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Die gängigen Orientierungshilfen an den Börsen helfen momentan wenig: Händler an der New Yorker Börse NYSE. (Bild: Keystone )
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Volatilität dürfte der wohl am meisten verwendete Begriff sein, der an den Finanzmärkten verwendet wird. Gemeint sind damit Kursausschläge nach unten und nach oben. Besonders dramatisch zeigen sie sich an den Aktienmärkten. Der Begriff steht für das gegenwärtige Leiden sowohl von professionellen wie privaten Anlegern. Denn die Volatilität ist seit längerem aussergewöhnlich hoch und nichts deutet darauf hin, dass das bald vorüber ist.
Was Volatilität bedeuten kann, hat sich besonders eindrücklich Ende Oktober gezeigt, als die Eurostaaten wieder einmal die grosse Lösung für die Eurokrise verkünden wollten. Der Schweizer Börsenindex SMI legte damals innert 24 Stunden – vom 26. auf den 27. Oktober – um 3 Prozent zu. Schon wenige Tage später stürzte der Index aber innert Tagesfrist wieder um 4,5 Prozent ab – vom 31.Oktober auf den 1.November. Weit dramatischer nimmt sich der Ausschlag aus, wenn man nicht ganze Börsen, sondern die Aktien der Banken ins Auge fasst. Zwischen dem 26. und dem 27. Oktober legte etwa die UBS um rund 10 Prozent zu, die Credit Suisse sogar um mehr als 12 Prozent, während die beiden Grossbanken beim Monatswechsel wieder um 11 Prozent (Credit Suisse) und 9,95 Prozent (UBS) abgestürzt sind. Bei Banken in der Eurozone haben sich noch viel drastischere Stimmungsschwünge gezeigt.
Aktienmärkte spiegeln die fundamentale Unsicherheit
Stets lassen sich für jede Kursbewegung im Nachhinein gute Gründe finden. So wurden für den Absturz zum Monatswechsel drei Entwicklungen verantwortlich gemacht: Erstens die Zweifel am Ergebnis des Euro-Gipfels, zweitens die Zahlungsunfähigkeit des US Brokers MF Global wegen Fehlspekulationen in Europäischen Staatsanleihen und drittens der Plan Griechenlands, zum Sparpaket ein Referendum durchzuführen.
Diese Gründe zeigen aber auch, weshalb an den Märkten nicht so bald Ruhe einkehren wird. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung in der Eurozone bleibt extrem hoch. Auch Meldungen von Banken, die einzubrechen drohen, können sich jederzeit wiederholen. Allein die Zahlungsfähigkeit von Italien bleibt bei den gegenwärtigen Renditen auf den Staatsanleihen des Landes in Frage gestellt. Deutlich ist nur, dass die bisherigen Lösungsvorschläge in der Eurozone nicht nachhaltig sind.
Wie die jüngste Entwicklung zeigt, reichen zuweilen kleinste Hoffnungsschimmer, um die Börsen hochzutreiben. Selbst dann, wenn die Gefahren deutlich überwiegen. So sind die Kurse noch angestiegen, als die Rendite italienischer Staatsanleihen bereits die Grenze von 6 Prozent überschritten hat, ab der das Land seine Schulden auf Dauer nicht mehr bedienen kann. Die Reaktion der Börsen war damals ein Rätsel. Eine Erklärung ist, dass viele angesichts der aufkommenden Katastrophe sozusagen fest mit entschiedenen Massnahmen der Politik gerechnet haben, um im letzten Moment das Steuer noch herumzureissen. Am meisten Gewicht hatte hier die Erwartung, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen gefährdeter Länder entschieden stützt und so die Zinskosten stabilisiert und die Abschreiber bei den Banken begrenzt. Immerhin wurden solche Massnahmen auch intensiv diskutiert und von einigen gefordert. Als die rettenden Massnahmen allerdings ausblieben, sackten die Börsen dann doch ab.
Finanztechniken verschärfen die Ausschläge
Verstärkt wurde die Volatilität der Märkte laut Medienberichten in jüngster Zeit noch durch sogenannte Leerverkäufe zum Beispiel durch Hedgefonds. Diese sogenannten «Short Seller» können von fallenden Kursen profitieren, indem sie Aktien ausleihen, zum geltenden Kurs verkaufen und sie nach einem Kurszerfall dann billiger zurückkaufen. Die Kursdifferenz streichen sie als Gewinn ein – abzüglich der Kosten für die Aktienleihe. Doch wenn die Kurse auch nur leicht ansteigen, machen die Leerverkäufer Verluste. Daher sind sie gezwungen, die Aktien dann so rasch wie möglich zurückzukaufen. Doch solche Käufe aus Not treiben die Kurse erst recht nach oben. Ein solcher Verstärkungseffekt ist auch nach unten möglich. Nämlich dann, wenn Investoren für Aktienkäufe Kredite aufnehmen, um so bei einem Kursanstieg von einem gehebelten Gewinn bezogen auf ihren Eigenmitteleinsatz zu profitieren. Fallen in diesem Fall die Kurse, werden Notverkäufe zur Deckung oder Sicherstellung der Schuld nötig. Das wiederum verstärkt den Abwärtstrend der Kurse.
Schliesslich zeigt sich die Nervosität an den Märkten nicht nur an der Volatilität der Vergangenheit, sondern auch an jener, die für die Zukunft erwartet wird. Sie wird implizite Volatilität genannt und lässt sich aus Optionspreisen herausrechnen. Für den Schweizer Börsenindex SMI wird sie mit dem Volatilitätsindex VSMI ausgedrückt, für die US-Aktienmärkte (den S&P500-Index) mit dem VIX. Der VSMI notiert momentan bei 25 Indexpunkten, der VIX bei 30. Diese Zahlen bedeuten für den SMI, dass die Märkte in den nächsten 30 Tagen mit Schwankungen von 7,2 Prozent nach oben oder nach unten rechnen. Für den S&P500 werden in der gleichen Frist Schwankungen um 8,7 Prozent impliziert.
Auch die erwarteten Schwankungen schlagen aus
Doch die implizite Volatilität ist keine Prognose, sondern selbst nur ein Erwartungswert. Und auch der ist selbst wieder höchst schwankungsanfällig. So hat der VSMI im Sommer noch einen Wert von 44,5 Punkten ausgewiesen, was Kursschwankungen über 30 Tage von beinahe 13 Prozent impliziert hat. Mit jedem Kurssturz nimmt diese implizite Volatilität zu, mit jedem Aufwärtstrieb an den Börsen nimmt sie ab. Doch von Werten, wie sie in gewöhnlichen Zeiten vorherrschen, sind die impliziten Volatilitäten ohnehin weit entfernt.
Die augenblicklichen Kursausschläge an den Börsen machen es nicht nur für Anleger schwer, sich für konkrete Aktien zu entscheiden. Sie erschweren auch die Arbeit all jener ungemein, die professionell investieren oder ihre Anleger mit Kursprognosen versorgen müssen. Wenn die Kurse derart stark vom Auf und Ab der Hoffnungen und Ängste getrieben werden, wie jetzt, dann spielen Zahlen von einzelnen Unternehmen nur noch eine untergeordnete Rolle und damit auch die klassischen Bewertungsmethoden. Was ein Unternehmen wert ist, hängt ohnehin von seinen Zukunftsaussichten ab. Angesichts der Unsicherheiten über die weiteren Entwicklungen in der Eurozone und in den USA sind diese Aussichten für alle besonders ungewiss. Kein Wunder schlagen die Aktienkurse in alle Richtungen aus. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.11.2011, 15:33 Uhr
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28 Kommentare
Ohne Tobin-Steuer wird es beim aktuellen Kasinobetrieb an der Börse bleiben. Fernab wirtschaftlicher Realität wird dieses Feld den Derivaten-Finanzjongleuren und Spekulanten überlassen. Wer macht diesen endlich Feuer unter dem Arsch? Antworten
Wenn das Spekulieren mit Optionen, Leeverkäufen, Rohstoffen etc. verboten würde, würden sich die Märkte rasch beruhigen und seriöse Anlagen wären wieder an der Tagesordnung. Die unzähligen derivativen Produkte hat eh niemand im Griff. Die Gewinne würden zwar etwas kleiner ausfallen, jedoch gäbe es auch massiv weniger Verluste. Das wäre auch für unsere Pensionskassen ein Vorteil. Antworten
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