«Bankberater mit Eigeninteressen braucht es nicht»
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 21.11.2011 10 Kommentare
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Herr Janszky, Sie beschäftigen sich damit, wie die Welt 2020 aussehen wird. Dazu gehört die Frage «Wie viel Bank braucht der Mensch in Zukunft?». Ihre Antwort darauf?
Ich weiss nicht, ob ich damit neue Freunde gewinne. Nüchtern betrachtet besteht das Bankgeschäft fast ausschliesslich aus dem Beschaffen, Filtern und Aufbereiten von Informationen. In diesen Disziplinen ist der Computer eindeutig besser als der Mensch. Wir brauchen in zehn Jahren keinen Bankberater mehr. Die Banken werden entsprechend schrumpfen müssen.
Ist es nicht gefährlich, wenn wir das Bankgeschäft ganz den Computern anvertrauen?
Schon heute werden per Mausklick innert Sekunden Milliarden verschoben. Das grösste Risiko dabei ist der Mensch. Es wird eine kleine Elite geben, die Banktransaktionen nicht einem elektronischen Assistenten anvertraut, sondern von einem persönlichen Berater umsorgt werden will. Ausserhalb dieses Premium-Segments brauchts keine Bankberater mit Eigeninteressen mehr. Schon heute gibt es elektronische Assistenten, welche Geldflüsse perfekt analysieren, Optimierungsmöglichkeiten zeigen und in Übereinstimmung mit dem Risikoverhalten Anlagevorschläge machen. Das Portal www.mint.com zeigt, was schon alles möglich ist. Diese Assistenten sind unbestechlich, sie zeigen dir, wo du dein Budget überziehst oder zu viel Spesen zahlst. Bis jetzt nutzen das wenige, aber die Bankbranche wird es tief greifend verändern.
Wie wird die Arbeitswelt aussehen in zehn Jahren? Sind wir dann alle mit unserer Ich AG unterwegs?
Nein, aber der Anteil der Festangestellten wird von heute 60 auf 30 bis 40 Prozent sinken. 20 bis 30 Prozent werden selbstständig arbeiten, weitere 30 bis 40 Prozent als flexible Projektmitarbeiter. Diese letzte Gruppe ist interessant. Das sind Menschen, die alle paar Monate oder Jahre die Firma wechseln – nicht aus Not, sondern weil sie sich ihres Wertes bewusst sind und neue Herausforderungen suchen. Unternehmen, die heute noch in den Kategorien Personalgewinnung und Personalbindung denken, werden da umdenken müssen. Sie werden genötigt, sich wie Magnete für freie Radikale zu verhalten. Es wird für Unternehmen entscheidend sein, wie gut sie leistungsstarke Fach- und Führungskräfte anziehen und auch wieder abstossen können.
Warum abstossen?
Mehrere Studien zeigen, dass Jobnomaden kompetenter und leistungsfähiger sind als langjährige Angestellte. Sie haben mehr gesehen, bringen mehr Input, wollen mehr bewegen. Für ein Unternehmen stellt sich also die Frage: Will ich meine Leute inkompetent behalten, oder will ich sie ermuntern, Jobnomaden zu werden und dabei im erweiterten Netzwerk der Firma zu bleiben? Die Unternehmen müssen künftig für ganz verschiedene Arbeitnehmertypen attraktiv sein.
Sie haben ein Buch geschrieben über «Rulebreaker», über Menschen, die gegen alle Regeln verstossen haben und damit erfolgreich geworden sind. Ihre wichtigste Erkenntnis daraus?
Nehmen wir das Beispiel des Unternehmers Horst Rahe. Der hatte wider jede Vernunft einen als unsanierbar geltenden früheren DDR-Staatsbetrieb übernommen und danach den ganzen Schifffahrtsmarkt mit seiner Aida-Flotte revolutioniert. Die ungeschriebene Branchenregel lautete ein ganzes Jahrhundert lang: Kreuzfahrten müssen teuer, exklusiv und steif sein. Rahe warb ein ganzes Team bei TUI ab und lancierte Pauschal-Kreuzfahrten für 1500 Deutsche Mark nach dem Vorbild des Robinson-Clubs. Er drehte den Spiess einfach um. Alle anderen berechneten Personal- und Materialaufwand plus Marge und definierten so den Preis. Rahe bestimmte den Preis, zog die Marge ab und wusste dann, wie hoch der Aufwand sein durfte. Und er begriff: Viele Kunden holen sich lieber den Hummer am Buffet, als sich von einem Kellner im Frack ein Würstchen an den Tisch bringen zu lassen. Rahe hatte mit seiner Aida-Flotte gigantischen Erfolg.
Und was lernen wir aus der Geschichte?
Ich habe im Buch zehn Rulebreaker porträtiert. Alle haben sie die Grundregeln ihrer Branche sehr genau gekannt – und dann gebrochen. Das hält einer nur durch, wenn er felsenfest überzeugt ist, dass die Idee, die er im Kopf hat, unbedingt in die Welt gehört. Rahe sagte mir, man treffe beim Regelbruch auf doppelt so viele Probleme, wie man sich vorher ausmalen könne, und es dauere doppelt so lang wie erhofft, bis sich der Erfolg einstelle. Richtige Rulebreaker rennen mit dem Kopf gegen die Wand, bis diese nachgibt. Zwei der zehn Porträtierten haben Morddrohungen erhalten, drei haben zwischenzeitlich Pleite gemacht. Wer es gerne gemütlich mag, bricht besser keine Regeln.
Sie gehören nicht in diese Kategorie. Sie wurden bereits mit 23 Jahren Nachrichtenchef der ARD. Warum haben Sie die journalistische Karriere mit 28 beendet?
Als ich Nachrichtenchef war, hatte ich noch zwei Ziele: entweder Auslandkorrespondent oder Programmdirektor. Den Traum vom Korrespondentenjob in Moskau liess ich wegen meiner damaligen Partnerin fallen. Auf die Ernennung zum Programmdirektor wartete ich fünf Jahre lang geduldig. Eines Tages erkundigte ich mich nach meinen Perspektiven und erfuhr von der Hörfunkdirektorin, dass diese Ehre keinem unter 45-Jährigen zuteilwird. Also suchte ich das Weite und begann, Tagungen zu organisieren – das ist ja eine sehr journalistische Aufgabe. Die Zukunftskongresse wurden von Mal zu Mal beliebter, immer öfter fragten Manager mich nach meinen Einschätzungen oder luden mich in ihre Unternehmen ein. Irgendwann bemerkte ich: Ich mache ziemlich genau das, was jene tun, die sich Trendforscher nennen. Heute weiss ich: Das ist der beste Job der Welt. Man trifft jede Woche interessante Menschen, die die Welt in kleinen Schritten verändern.
Sven Gabor Janszky: Rulebreaker – Wie die Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern. Goldegg-Verlag 2010, 384 S. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.11.2011, 17:31 Uhr
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10 Kommentare
Er hat nicht unrecht, vergisst aber, dass auch Computer "Eigeninteressen" verfolgen können, nämlich die Interessen des Programmierers bzw. des Auftraggebers des Programmierers. Und diese können in einem Computer aufgrund dessen hoher Rechenleistung und AI-Techniken wesentlich perfider umgesetzt werden, als sie von einem Menschen je umgesetzt werden könnten. Antworten
Trendforscher....... Analysten..... auch diese Gattung wird vermutlich dereinst von Computermodellen ersetzt werden. Und schon bald leben wir in der perfekten Welt. Wurde nicht vor einigen Jahren die Verbriefung von Hypotheken als heilsbringende Lösung propagiert? Die besten Computerprogramme haben nicht vor der Finanzkrise geschützt, gottseidank wird nun alles besser. Danke Herr Janszky Antworten
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