Die Südkoreaner kommen

Noch nie reisten so viele Touristen aus Südkorea in die Schweiz wie jetzt. Woran das liegt.

Die Südkoreaner haben den Japanern in der Schweiz den Rang abgelaufen: Asiatische Touristen in der Zürcher Innenstadt. Foto: Urs Jaudas

Die Südkoreaner haben den Japanern in der Schweiz den Rang abgelaufen: Asiatische Touristen in der Zürcher Innenstadt. Foto: Urs Jaudas

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«Nehmen Sie warme Kleidung mit, auch wenn es Sommer ist. Und packen Sie die Sonnenbrille ein – wegen des gleissenden Schnees», rät das Reisebüro Kises in Seoul den Teilnehmern einer 13-tägigen Europa-Reise. Am siebten Tag ist eine Fahrt aufs Jungfraujoch vorgesehen, wo die Südkoreaner nach der Einnahme einer Nudelsuppe an der Mittelstation das verschneite Alpenpanorama be­staunen. Am Tag zuvor haben sie noch den Eiffelturm bestiegen und am Tag danach stehen sie auf dem Mailänder Dom.

Die Südkoreaner stürmen die Schweiz. Von Anfang Januar bis Ende Mai reisten bereits 108'350 Menschen aus dem ostasiatischen Land an, ein Plus von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und dies, nachdem sich die Besucherzahlen seit 2007 bereits mehr als verdoppelt haben. Mit über 241'000 Ankünften ist Südkorea inzwischen der neuntwichtigste Markt für die Schweizer Tourismusindustrie und fast genauso bedeutend wie die Niederlande und Indien. Aus Japan reisen inzwischen deutlich weniger Touristen an als aus Süd­korea, das Land hat auch Russland und Spanien überflügelt.

Die sprunghaft gestiegene Lust der Koreaner auf Europa stellen auch andere Länder fest. Hana Tour, das grösste Reisebüro des Landes, meldete im Mai 2017 ein Plus von 31 Prozent bei Reisen in die Alte Welt, wie das Fachmagazin «Premier Vision» schreibt. Der Grund sind die Streitigkeiten zwischen Seoul und Peking um die Stationierung des Thaad-Raketenabwehrsystems der US-amerikanischen Armee in Südkorea. ­Seither reisen die Südkoreaner deutlich weniger nach China, wo sie bislang nach den Taiwanern die zweitwichtigste ­Gästegruppe waren.

Ausgabefreudige Gäste

Gemäss dem koreanischen Reisean­bieter Mode Tour Travel gingen die ­China-Buchungen im April um 50 Prozent zurück. Bei den Jungfraubahnen kennt man noch einen anderen Grund: «Da ­andere europäische Destinationen wegen des Terrors als etwas gefährlicher gelten, werden vermehrt Mono-Switzerland-Touren gebucht, was sich positiv auswirkt», sagt Geschäftsleitungs­mitglied Christoph Schläppi.

Für den langfristigen Aufwärtstrend ist indes etwas anderes verantwortlich. Die Südkoreaner werden laufend wohlhabender. Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf hat sich allein seit 1990 verdreifacht. Das Land liegt inzwischen vor Italien, Spanien oder Neuseeland. Das weiss man auch bei Schweiz Tourismus. «Südkoreaner sind für asiatische Verhältnisse sehr abenteuerlustige und bestens ausgerüstete Individualreisende, für die auch oft sportliche Aktivitäten wie Wandern im Mittelpunkt des In­teresses stehen», sagt André Aschwanden, Sprecher der Fremdenverkehrs­organisation. «Zudem sind sie ausgabefreudig. Sie geben durchschnittlich 240 Franken pro Tag aus, womit sie sich im oberen Mittelfeld befinden. Zum ­Vergleich: Schweizer Gäste geben im Schnitt 160 Franken aus.»

Berner Oberland an der Spitze

Schweiz Tourismus bearbeitet den südkoreanischen Markt seit 17 Jahren intensiv. «Eine enorme Rolle spielen in Südkorea Medien, Internet und Social Media», so Aschwanden. Man arbeite darum vermehrt mit Prominenten aus dem koreanischen TV, der Musikszene und Social Media zusammen. So drehte letztes Jahr Kyuhyun, ein Mitglied der berühmten Korea-Pop-Boyband Super ­Junior, einen Videoclip in der Schweiz. Das lockt junge Gäste ins Land.

Die Jungfraubahnen sind genauso stark in Südkorea engagiert. «Wir betreiben seit 20 Jahren in Seoul eine eigene Vertretung», so Schläppi. Man habe damit auch Aufbauarbeit für das ganze Land geleistet, so der Bahnmanager. Das zeigt sich in den Zahlen: Koreaner reisen mit Abstand am häufigsten ins Berner Oberland. Dort verzeichnete man 2016 rund 177'000 koreanische Hotel­übernachtungen, die Zentralschweiz erreichte 48'800, Zürich 44'300.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 23:56 Uhr

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