Wirtschaft

Christian Lüscher
Medienjournalist, Teamleiter Social Media & Leserforum


Wenn der Chef ein Time-out nimmt

Aktualisiert am 11.07.2013 65 Kommentare

Pierin Vincenz lenkt die drittgrösste Bank der Schweiz mit über 10'000 Mitarbeitern. Trotzdem meldet sich der Raiffeisen-Boss für zwei Monate ab. Darf er das? Bjørn Johansson und Matthias Mölleney sind da klarer Meinung.

1/3 «Der CEO zeigt, dass er seinen Laden im Griff hat», sagt Personalfachmann Matthias Mölleney. Bild: adi

   

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Zwei Monate Auszeit für den Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Finden Sie Sabbaticals für Konzernchefs sinnvoll?




Sein Büro ist für acht Wochen verwaist: Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. (Bild: Keystone )

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Sabbaticals sind unter Topmanagern in Mode gekommen. In den letzten Monaten wurden gleich mehrere Fälle bekannt. Aktuell ist Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz, der im Herbst eine Auszeit mit seiner Frau nehmen will. Über den Nutzen von mehrmonatigen Time-outs herrscht allerdings Uneinigkeit, wie Gespräche mit Personalexperten und Headhuntern zeigen.

Gegenüber DerBund.ch/Newsnet zeigt sich Matthias Mölleney, Personalfachmann und Präsident der Gesellschaft für Personalmanagement Zürich, von den Plänen Pierin Vincenzs beeindruckt. «Sabbaticals waren in Unternehmensleitungen lange ein Tabuthema. Auszeiten wurden als Schwäche ausgelegt. Dies ist heute allerdings nicht mehr der Fall», sagt Mölleney. Der Trend ginge in die Richtung, dass sich vermehrt CEOs getrauen würden, Time-outs einzufordern. Dies habe nicht zu letzt damit zu tun, dass man vom traditionellen Leistungsgedanken abrücke. «Es ist ein weit verbreiteter Irrglauben, dass die längere Präsenz im Büro automatisch zu mehr Leistung führt», erklärt Mölleney. Zudem ist der Fachmann überzeugt, dass ein Sabbatical eine positive Signalwirkung habe. Intern wie extern. «Der CEO zeigt, dass er seinen Laden im Griff hat», sagt Mölleney.

Mehrmonatige Auszeiten ein Tabu

Headhunter Bjørn Johansson ist anderer Ansicht. Im Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet hält der Vermittler von Topführungskräften fest, dass Pierin Vincenz ein Einzelfall sei. «Für die meisten Topmanager ist es nicht möglich, eine längere Auszeit zu nehmen. In der Regel macht das ein CEO nicht», sagt Johansson. In der Schweiz wie auch im Ausland seien CEOs unter hohem Druck. Wenn Sabbaticals genommen würden, dann von Managern, die vor einem Jobwechsel stünden.

Der Headhunter empfiehlt auch keine Sabbaticals. Seinen Mandanten würde er regelmässig ans Herz legen, Ferien konsequent einzuziehen, um sich zu erholen. Mehrmonatige Auszeiten seien aber tabu auch wegen des Konkurrenzdruckes. «In den USA oder Asien werden keine Auszeiten genommen. So etwas würde als ‹unerhört› kommentiert», sagt Johansson. Und er fügt weiter an: «Die globale Konkurrenz ist wirklich hart. Eigentlich müssten wir Schweizer noch härter arbeiten, denn im Ausland sind bereits zwei Wochen Ferien eine Ausnahme.»

Gutes Signal an die Mitarbeiter

Zwei Personen, zwei Ansichten. Aufschlussreich sind auch die Gedanken des PR-Experten Marcel Bernet. Er ist überzeugt, dass Sabbaticals unter Topmanagern aus Imagegründen nur positiv sein können. «Es tut einer Firma gut, wenn der CEO für längere Zeit weg ist. Das Unternehmen wird weniger mit der Person in Verbindung gebracht», erklärt Bernet. Zudem sei eine Auszeit auch ein gutes Signal an die Mitarbeiter, die sich dann eher getrauen würden, ein Time-out zu nehmen. Angestellte seien mit Anträgen zurückhaltend, weil man Auszeiten schnell mit Überforderung und Schwäche in Verbindung bringe.

Bernet bringt noch ein anderes Argument, warum Time-outs sinnvoll seien. Aus eigener Erfahrung könne der Kommunikationsprofi sagen, dass Sabbaticals enorm wichtig seien. Als Coach empfehle er Führungskräften längere Auszeiten, damit man sich von Fixierungen lösen könne. «Durch Time-outs gewinnt man Distanz und ist danach viel fokussierter», erklärt Bernet. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2013, 16:08 Uhr

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65 Kommentare

Martin Waeber

11.07.2013, 16:17 Uhr
Melden 168 Empfehlung 13

Die Raiffeisenbanken sind im Wesentlichen regional strukturiert mit eigentlich unabhängigen Genossenschaften (was auch die Stärke der Raiffeisen ist). Ich denke, die kommen ganz gut zurecht ohne Herr Vincenz und seine Gattin. Antworten


Werner Blumer

11.07.2013, 16:17 Uhr
Melden 198 Empfehlung 48

Björn Johansson ist ein alter Fuchs, offenbar aber ein zu alter Fuchs! Seine Ansicht ist schon seit einiger Zeit überholt. Er sieht die Zeichen der Zeit nicht oder möchte sie nicht sehen. Tatsache ist, dass ein Manager nicht nach seiner Präsenzzeit im Büro gemessen wird, sondern an den Resultaten. Johansson vergisst wohl, dass Topmanager auch Menschen sind. Antworten