Heisse Preise

Die Pharmaindustrie wird wegen teurer Medikamente kritisiert. Doch wie kommen diese Preise zustande? Ein Bericht des US-Senats liefert erstmals erhellende Einblicke.

Ein positiver Test bedeutet eine teure Therapie: Blutproben werden auf Hepatitis-C-Antikörper untersucht. Foto: Philippe Plailly (Keystone)

Ein positiver Test bedeutet eine teure Therapie: Blutproben werden auf Hepatitis-C-Antikörper untersucht. Foto: Philippe Plailly (Keystone)

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Teure neue Medikamente stellen das Gesundheitssystem vor enorme Probleme. Exemplarisch zeigte sich das an den Pillen gegen die Hepatitis-C-Erkrankung. Der US-Hersteller Gilead brachte mit Sovaldi ein hochwirksames Präparat auf den Markt, das die Therapie revolutionierte.

Sovaldi wurde in den USA zum Listenpreis von 84'000 Dollar für eine Dreimonatstherapie auf den Markt gebracht. Die «1000-Dollar-Pille», wie das Medikament in den Medien getauft wurde, sprengte in den USA die Budgets der staatlichen Gesundheitsorganisationen und löste heftige Debatten aus.

Gilead selber schätzte die weltweiten Behandlungskosten gegen das Virus für das Jahr 2008 auf 2,4 Milliarden Dollar. Schon im ersten Jahr nach der Lancierung von Sovaldi wies die Firma 2014 einen Nettoumsatz von 12,4 Milliarden Dollar aus, der grösste Teil davon stammte aus dem USA-Geschäft.

Die Gesundheitsbehörden in vielen Ländern schränkten den Zugang zu Solvaldi drastisch ein. Auch in der Schweiz.

Tausende Dokumente und Mails

Wie teuer darf ein Medikament sein? Wie kalkulieren die Pharmaunternehmen den Preis? Diese Fragen stellen sich umso dringlicher, als auch in anderen Therapiebereichen, beispielsweise in der Krebsbekämpfung, neue Mittel auf den Markt kommen, deren Preise im sechsstelligen Bereich angesiedelt sind.

Die beiden US-Politiker Ron Wyden und Charles Grassley, Mitglieder des ­Finanzausschusses im Senat, verlangten im Juli 2014 von Gilead Auskunft, wie der Preis für Sovaldi festgelegt wurde. Der Pharmakonzern musste Tausende von Dokumenten und Mails herausrücken. Befragt wurden auch Versicherer, Behörden, Ärzte, Patientenorganisationen oder Spitäler. Das Ergebnis der 18 Monate dauernden Untersuchung wurde vor wenigen Tagen veröffentlicht. Es handle sich um den genauesten Einblick in die Preissetzung im Pharmabusiness, den es je gegeben habe, taxierte das «Wall Street Journal» das rund 140 Seiten dicke Werk.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Report:

Herstellungskosten: Die Firma Pharmasset, die den revolutionären Sovaldi-Wirkstoff Sofosbuvir entwickelt hat, kalkulierte in der Testphase Produktionskosten von 32 000 Dollar pro Kilo. 1 Dollar pro Tablette. Bei der späteren kommerziellen Produktion sollten die Kilokosten um zwei Drittel auf 11 000 Dollar gesenkt werden.

Kosten für Forschung und Entwicklung (F+E): Pharmasset steckte zwischen 2008 bis 2011 rund 62 Millionen Dollar in die Forschung und Entwicklung des Wirkstoffs. Für das Geschäftsjahr 2012 budgetierte das Unternehmen 125 Millionen Dollar Entwicklungskosten. Gilead beziffert ihre Forschungskosten ab 2012 auf 880 Millionen Dollar. Allerdings sind in diesem Betrag noch Kosten für andere Wirkstoffe enthalten. Laut Kommissionsbericht war Gilead trotz mehrmaliger Aufforderung nicht in der Lage, die Sovaldi-Kosten gesondert auszuweisen. Gestützt auf die Firmenangaben betrugen die F+E-Kosten somit rund 942 Millionen Dollar.

Übernahmekosten: Harry Potter war dabei, als Gilead Ende 2011 Pharmasset schluckte. Der Deal lief unter dem Code­namen «Project Harry», wobei Pharmasset den Namen des Zauberschülers trug, Gilead jenen des Hauses Gryffindor. ­Gilead, das bei der Hepatitis-Therapie Rückschläge erlitten hatte, erkannte das Potenzial von Sofosbuvir und bezahlte für Pharmasset 11,2 Milliarden Dollar. Investoren waren entsetzt; der Aktienkurs sackte nach der Ankündigung um 9 Prozent ab. Gilead müsse mindestens 4 Milliarden Dollar Umsatz mit Hepatitis-Mitteln erzielen, um den Übernahmepreis zu rechtfertigen, schrieb ein Analyst. Und fügte an: «Schwierig, aber nicht unmöglich.» Das Gilead-Management hingegen betrachtete den Kauf als «günstig», wie ein Topmanager meinte.

Für den Preisfindungsprozess, der sich bei Gilead über acht Monate hinwegzog, dürfte von den drei erwähnten Punkten lediglich der letzte berücksichtigt worden sein.

Keine Rolle spielte eine weitere Zahl: Pharmasset hatte im Dezember 2011 in ­einer Eingabe an die Börsenaufsicht SEC einen Verkaufspreis von 36'000 Dollar in den USA prognostiziert. Gilead behauptete in den Untersuchungen, Pharmasset habe in einem späteren Dokument einen Preiskorridor bis zu 72'000 Dollar genannt. Die Untersuchungskommission fand jedoch keine Hinweise darauf, dass man diesen oberen Wert ernsthaft in Betrachtung gezogen hätte.

Referenzpreis durchsetzen

Gilead liess sich bei der Preisfestlegung von Banken und Gesundheitsspezialisten beraten. Barclays Bank etwa schrieb, dass Gilead bei einem Listenpreis von 55'000 bis 75'000 Dollar die Übernahmekosten angemessen einspielen könnte.

Das Befragungsinstitut IMS tastete derweil die «Gegenseite» ab, also die (zahlenden) staatlichen Gesundheitsbehörden und Versicherer. Einige Befragte zeigten sich besorgt, dass die Preise für die innovativen Medikamente hoch ausfallen könnten. IMS empfahl dem Auftraggeber, einen Preis zwischen 80'000 und 90'000 Dollar festzulegen. Als erstes Unternehmen mit einer neuen Therapie könne Gilead einen höheren Referenzpreis im Markt durchsetzen, an dem sich später auch die Konkurrenten ausrichten müssten. IMS schlug weiter vor, dass die Einsparungen bei den Therapiekosten durch Sovaldi gegenüber den konventionellen Behandlungsmethoden, die auf 27'000 Dollar beziffert wurden, nicht an die Kunden weitergegeben, sondern Gilead zugute kommen sollten.

Gilead befasste sich intensiv mit den möglichen Reaktionen bei Behörden und Patienten. Bei einem Preis von 90'000 Dollar könnten die staatlich finanzierten Gesundheitsorganisationen den Zugang zum Medikament drastisch einschränken. Bei 60 000 würde man zwar viel Goodwill erhalten, aber erheblich weniger einnehmen. Der Verwaltungsrat entschied sich schliesslich für 84'000 Dollar. In internen Mails wurde in Erwartung von Protesten in der Öffentlichkeit die Devise durchgegeben, sich keinesfalls dem Druck zu beugen.

«Gileads oberstes Ziel war es, die Erträge zu maximieren, ohne Rücksicht auf die menschlichen Auswirkungen», sagte Senator Ron Wyden bei der Präsentation des Berichts. Gilead bestreitet dies. Man habe «verantwortungsvoll und überlegt» gehandelt, heisst es in einer Stellungnahme.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2015, 10:13 Uhr

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