80'000 gefährdete Stellen

Mit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative haben sich einheimische Erwerbstätige ins eigene Fleisch geschnitten: Dies besagt eine heute veröffentlichte Schätzung der Grossbank Credit Suisse.

Fragezeichen um das künftige Stellenwachstum: Ein Frau pipettiert in einem Labor.

Fragezeichen um das künftige Stellenwachstum: Ein Frau pipettiert in einem Labor. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Aufgabe der Personenfreizügigkeit schadet den Schweizer Arbeitskräften unter dem Strich: Zu diesem Schluss kommen die Ökonomen der Credit Suisse nach dem gestrigen Volksentscheid zur Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Die Unsicherheit über das künftige Verhältnis zu Europa dürfte nach Ansicht der CS schwer auf der Wirtschaft lasten. Die Grossbank rechnet mit einer Halbierung des Beschäftigungswachstums in den kommenden drei Jahren.

Konkret würden in dieser Übergangsperiode 80'000 Arbeitsplätze weniger geschaffen als prognostiziert, schreiben die CS-Ökonomen in einer heute veröffentlichen Analyse. Grund dafür sei die gedämpfte Investitionsbereitschaft von Unternehmen, die ihre Personaleinstellungen nun verzögern dürften. Damit verbunden dürfte im selben Zeitraum auch das Wirtschaftswachstum niedriger ausfallen. Die CS beziffert den Effekt auf 0,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Aktuell steht die Wachstumsprognose der CS bei 2,0 Prozent für 2014 und 1,8 Prozent für 2015.

Beschäftigung leidet stärker als das Wachstum

Bedeutend getroffen würde laut den Ökonomen etwa die Baubranche, da eine geringere Zuwanderung die Nachfrage nach Wohnbauten zurückgehen lasse. Die Bank rechnet ab 2015 mit einem Rückgang der Zuwanderung von netto 70'000 auf 50'000 Personen. «Ironischerweise wird die Zuwanderung zunächst nicht durch Kontingente reduziert, sondern durch Standortunsicherheiten der Unternehmen», heisst es im Text. Damit fällt das Verdikt der CS-Fachleute zur gestrigen Abstimmung äusserst kritisch aus: Die Beschäftigung dürfte stärker abnehmen als die Zuwanderung. Somit stünden Schweizer Arbeitskräfte unter Berücksichtigung dieser Folgen schlechter da als bisher.

Neben dem kurzfristigen Investitions- und Anstellungsschock rechnet das CS-Forschungsteam auch langfristig mit ungünstigen Entwicklungen. Das Wachstumspotenzial der Schweizer Wirtschaft könne selbst im wahrscheinlichen Fall, dass die künftige Quotenregelung recht grosszügig ausfällt, «signifikant beeinträchtigt werden». Bisher habe die Zuwanderung von Hochqualifizierten dazu geführt, dass Unternehmen in der Schweiz investierten und so der allgemeine Wohlstand stieg – was sich wiederum positiv auf Bildung und Qualifikation der hiesigen Erwerbsbevölkerung auswirkte. Diese vorteilhafte Rückkopplungsschleife sei nun gefährdet.

Industriezweige mit hoher Produktivität und Wertschöpfung würden ihre Strategien nun vermutlich überdenken, halten die Ökonomen der Credit Suisse fest. Die künftige Vorrangregelung von Schweizer Stellensuchenden gegenüber ausländischen Bewerbern erschwere die Suche nach qualifizierten Arbeitskräften. Unter der Annahme, dass die künftigen Kontingente auf das Niveau vor Inkrafttreten der bilateralen Verträge festgesetzt werden, rechnet die CS deshalb mit einer Wachstumsminderung von jährlich 0,3 Prozent. «Abermals sind die negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt wahrscheinlich grösser als auf das Wirtschaftswachstum.»

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2014, 16:42 Uhr

Bildstrecke

Die Schweiz sagt Ja zur SVP-Initiative

Die Schweiz sagt Ja zur SVP-Initiative Mit einer hauchdünnen Mehrheit haben die Schweizer die Masseneinwanderungsinitiative angenommen.

UBS wartet mit Schätzung zu

Auch die Ökonomen der UBS rechnen mit einem gedämpften Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum infolge des gestrigen Ja-Entscheids.

«Schon die Unsicherheit bezüglich der Ausgestaltung der zukünftigen Verträge könnte zu geringeren Ausrüstungsinvestitionen in den exportorientierten Branchen führen», heisst es in einem heute veröffentlichten Kurzbericht.

Bezüglich konkreter Zahlen bleibt die UBS zurückhaltend. Werde die Initiative pragmatisch und unbürokratisch umgesetzt, so könne auch verhindert werden, dass Schweizer Unternehmen im internationalen Wettbewerb stark benachteiligt würden.

Dies schreiben die UBS-Ökonomen unter der Annahme, dass die EU ihrerseits den Marktzugang nicht beschränkt. «Die Kontingentierung dürfte den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in bestimmten Sektoren weiter verschärfen», hält die Bank indes fest.

Artikel zum Thema

«Der Aufschrei ist übertrieben»

Interview Droht den Unternehmen nach der Aufhebung der Personenfreizügigkeit ein Personalmangel? Arbeitsmarktforscher George Sheldon nennt die Schlüsselpunkte, die eine neue Kontingentregel beachten müsste. Mehr...

Schuldzuweisungen vor dem Gang nach Brüssel

Initiative «Gegen Masseneinwanderung» Der Bundesrat will die Einwanderungsinitiative im Inland zügig umsetzen. Das Gezerre um die Höhe der Ausländerkontingente hat bereits begonnen. An einer Strategie für die Verhandlungen mit Brüssel fehlt es noch. Mehr...

«Die EU hat wegen Le Pen und Wilders keinen Spielraum»

Nach der Annahme der Zuwanderungsinitiative der SVP reist Bundespräsident Didier Burkhalter nach Brüssel. Was wird er dort zu hören bekommen? Einschätzungen von Korrespondent Stephan Israel. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...