40 Millionen Franken weniger Kosten

Das Bundesamt für Gesundheit lockert die Rationierung bei der Hepatitis-C-Therapie, die Pharmafirmen senken im Gegenzug ihre Preise. Nur der Branchenleader macht nicht mit.

Gewinnmarchen «weder erklärbar noch vertretbar»: Hepatitis-Medikamente Viekirax und Exviera. Foto: PD

Gewinnmarchen «weder erklärbar noch vertretbar»: Hepatitis-Medikamente Viekirax und Exviera. Foto: PD

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Die frohe Botschaft der Firma Abbvie mit Sitz in Baar traf Anfang letzte Woche bei Ärzten und Krankenkassen ein. Im Schreiben teilte die Schweizer Niederlassung des US-Pharmakonzerns mit, dass ihre beiden Medikamente Viekirax und Exviera gegen die chronische Hepatitis C des Genotyps 1 ab 21. Juli zu reduzierten Preisen erhältlich sind.

Die beiden Präparate, die kombiniert eingenommen werden müssen, kosteten bislang bei einer Standardtherapie von 12 Wochen 61'956 Franken. Neu sind die Pillen für 46'019 Fr. erhältlich – knapp 26 Prozent billiger als vorher.

Für die Ärzte und ihre Patienten von fast noch grösserer Wichtigkeit ist die zweite Ankündigung: Die Kombinationstherapie muss ab 1. August auch bei ­Patienten mit einer sogenannten Leberfibrose Grad 2 von den Krankenkassen finanziert werden. Die Fibrose oder ­Lebervernarbung wird in vier Stufen eingeteilt, wobei Grad 4 die schlimmste Form darstellt. In diesem Stadium kann Leberkrebs ausbrechen und eine Transplantation nötig werden. Bis jetzt durften die Kassen auf Anordnung des Bundesamtes für Gesundheit BAG nur die Therapien bei Grad 3 und 4 vergüten.

Wie das BAG auf Anfrage erklärt, wird auch das Präparat Olysio des belgischen Herstellers Janssen-Cilag ab 1. August bei F2 bei Genotyp 1 und 4 zugelassen. Der Preisabschlag ist mit 140 Franken allerdings gering. Die Packung mit 28 Kapseln wird 10'718 Franken kosten. Oliver Peters, Leiter des Kranken- und Versicherungsbereichs im BAG erklärt, Olysio sei von Anfang an preisgünstiger als die Konkurrenz gewesen.

Nicht billiger werden vorläufig die beim Genotyp 1 marktbeherrschenden Produkte Sovaldi und Harvoni des US-Herstellers Gilead. Das BAG konnte sich mit der Firma nicht einigen. Im Gespräch mit dem TA hatte Gilead-Schweiz-Chef André Lüscher noch Anfang Juni erklärt, er befürworte eine Ausdehnung der Anwendung auf Grad-2-Patienten. Die Kosten würden trotzdem sinken, weil die Therapiedauer von 12 auf 8 Wochen reduziert werden könnten, skizzierte Lüscher. Von einer eigentlichen Preisreduktion der Gilead-Arzneien war damals allerdings nicht die Rede.

Ob und wie die Verhandlungen mit Gilead weitergeführt werden, wollte das BAG nicht erläutern. Für Sovaldi und Harvoni gilt die Rationierung weiter.

Indirekter Preisdruck

Offensichtlich rechnet man in Bern ­damit, dass die billigeren Konkurrenzprodukte Solvaldi und Harvoni bei der Behandlung von Grad 3 und 4 bald vom Rezeptblock verdrängen werden. «Es gibt keinen vernünftigen Grund, künftig die Patienten mit den teureren Me­dikamenten zu behandeln», sagt Peters.

Die jährlichen Einsparungen werden auf bis zu 40 Millionen Franken veranschlagt. Das Bundesamt geht von jährlich 3000 Behandlungen bei F3 und F4 aus. Dazu kommen jährlich rund 900 Fälle mit F2, die ab August therapiert werden dürfen.

Noch eine weitere Einsparmöglichkeit zeichnet sich ab. Auf den 1. August wird auch Daklinza des US-Herstellers Bristol-Myers Squibb (BMS) in die Spezialitätenliste aufgenommen und muss deshalb von den Krankenkassen vergütet werden. Allerdings ist das Mittel auf die Fibrosegrade 3 und 4 beschränkt. Daklinza soll in Kombination mit Sovaldi vor allem gegen den Genotyp 3 eingesetzt werden. Davon betroffen sind rund 30 Prozent der Hepatitis-C-Erkrankten. Bis jetzt wurden 90 Prozent der Fälle mit einer Kombination von Solvaldi und dem wegen schwerer Nebenwirkungen gefürchteten Interferon während 24 Monaten behandelt. Kostenpunkt: 125'200 Franken. Bei der Kombination von Sovaldi mit Daklinza entfällt das Interferon und die Kosten liegen mit 92'600 Franken knapp 26 Prozent tiefer. Das BAG rechnet mit Einsparungen von 23,47 Millionen Franken.

Trotzdem ist man im Bundesamt nur mässig zufrieden. «Die Preise sind noch immer auf einem unverständlich hohen Niveau. Die aktuellen Gewinnmargen bei diesen Therapien sind im Augenblick weder erklärbar noch vertretbar», kritisiert Peters.

Eine Standardtherapie von 12 Wochen mit Sovaldi kostet 57'625 Franken. Für das Nachfolgeprodukt Harvoni müssen 62'363 Franken bezahlt werden. Dabei handelt es sich nur um die Preise für die Pillen. Aus Furcht vor einer Kostenexplosion griff das BAG 2014 zum ungewöhnlichen Mittel der Rationierung und beschränkte den Zugang auf Patienten mit bereits schweren Lebererkrankungen (F3 und F4). Die Folge davon: Ärzte mussten Patienten, die nicht in den Raster fielen, wieder nach Hause schicken. Sie sollten erst wiederkommen, wenn ihre Leber bereits in schlechtem, dafür vergütungsberechtigtem Zustand sei.

Es hagelte Kritik von Ärzten und Patientenorganisationen. Dem Amt wurde eine zu willfährige Haltung gegenüber den Pharmaherstellern vorgeworfen. Das BAG wies die Kritik mit Verweis auf eine US-Studie ab, wonach die Sterblichkeitsrate bei Patienten, die erst ab Grad 3 behandelt würden, gleich hoch sei wie in der normalen Bevölkerung. Diese Schlussfolgerung wurde in medizinischen Kreisen stark kritisiert. Im Mai machten namhafte Schweizer Ärzte ihren Unmut über die Preispolitik der Hersteller und die Rationierung durch das BAG erstmals in einem öffentlichen Brief publik.

Das Ausland machte es vor

Das BAG musste handeln. Laut Oliver ­Peters habe man sich im Frühling mit medizinischen Fachgesellschaften an einen runden Tisch gesetzt. Danach sei  man von der Argumentation mit der US-Studie etwas abgerückt.

Zum Handeln zwang allerdings noch etwas anderes: In Frankreich und anderen Ländern pressen staatliche Gesundheitsbehörden den Pharmaherstellern teils happige Preisnachlässe ab. Bei der Preisfestlegung muss das BAG jeweils die Preise von sechs europäischen Referenzländern berücksichtigen.

Wohl aufgrund der Erfahrungen mit den Gilead-Blockbustern hat das BAG die neuen Hepatitis-C-Medikamente nur befristet in die Spezialitätenliste auf­genommen. Das erlaubt es, kurzfristig auf Preisentwicklungen im Ausland zu reagieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2015, 20:52 Uhr

Hepatitis-Typen

Die Viren lauern im Wasser, Essen und in Körperflüssigkeiten

Hepatitis A: Das Virus gehört zur Familie der Picornaviren, zu der auch der Erreger der Kinderlähmung gehört. Der Keim wird über schmutziges Wasser oder kontaminierte Speisen übertragen. Die Vermehrung geschieht in der Darmschleimhaut, später in der Leber, von wo aus das Virus über die Galle wieder in die Aussenwelt gelangt. Weltweit infizieren sich 1,4 Millionen Menschen jährlich – die meisten davon Kinder. Oft heilt die Krankheit nach akuter Infektion vollständig aus. Todesfälle sind selten.

Hepatitis B: Das Virus gehört einer anderen Virenfamilie als A an. Es löst die mit 240 Millionen Infizierten häufigste und mit fast 800?000 Toten pro Jahr gefährlichste Form der Leberentzündung aus. Die Erkrankung verläuft in jedem zehnten Fall chronisch. Das Virus wird durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten (Tränen, Sperma, Muttermilch, Blut) übertragen. Für eine Ansteckung reichen winzige Mengen Flüssigkeit. Hepatitis B ist die einzige Form der Leberentzündung, die beim Sex übertragen wird. Gegen Hepatitis?B gibt es eine wirksame Impfung.

Hepatitis C: Die Krankheit ist heimtückisch, weil man sie fast nicht spürt. In gut zwei von drei Fällen wird sie chronisch und kann nach vielen Jahren ohne auffällige Symptome zu Leberzirrhosen und zu Leberkrebs führen, wenn sie nicht behandelt wird. Die herkömmliche Therapie ist für die Betroffenen mit vielen Nebenwirkungen verbunden. Die Ansteckung erfolgt über das Blut. Blutkonserven scheiden inzwischen als Überträger aus, weil sie auf den Erreger getestet werden. Die grösste Gefahr geht von Spritzen und Kanülen aus, die mehrfach oder gemeinsam benutzt werden, was vor allem unter Drogenkonsumenten und in den Entwicklungsländern vorkommt. Letzte Woche wurde im Rahmen einer europäischen Studie erstmals in der Schweiz eine Person am Kantonsspital St.?Gallen gegen Hepatitis C geimpft.

Hepatitis D: Mit dem Hepatitis-D-Virus sind weltweit rund 10 Millionen Menschen infiziert. Eine D-Infektion kommt nur zusammen mit einer B-Infektion vor, da das Hepatitis-D-Virus das Hüllprotein des Hepatitis-B-Virus für seine Vermehrung braucht. Hepatitis D wird über Blut, Blutprodukte, seltener durch Geschlechtsverkehr übertragen. Die chronische Hepatitis??D ist die schwerwiegendste aller Virus-Hepatitis-Erkrankungen. Die Entwicklung zur Leberzirrhose verläuft schnell. Einen aktiven Schutz bietet die Impfung gegen Hepatitis B.

Hepatitis E: Es ist die häufigste akute Hepatitis in einigen Ländern Asiens und Afrikas (Indien, Sudan). Die Übertragung erfolgt über kontaminierte Nahrungsmittel und verseuchtes Wasser. Eine Infektion mit dem Hepatitis-E-Virus ist klinisch nicht von einer Infektion mit dem Hepatitis-A-Virus zu unterscheiden. Sie verläuft häufig jedoch schwerer. Ein Subtyp kann vor allem für Schwangere gefährlich werden und findet sich in einem Teil der europäischen Blutkonserven. Hepatitis E wird in der Regel nicht chronisch. Eine Impfung befindet sich in der klinischen Testphase.

Kampf gegen Hepatitis

Strategie für die Schweiz

Ärzte begrüssen die Senkung der Medikamentenpreise und die Lockerung der Rationierung. Doch erachten sie das nur «als einen von etlichen Ansatzpunkten in der Bekämpfung dieser Epidemie», wie Philip Bruggmann, Chefarzt an den Arud-Zentren für Suchtmedizin in Zürich erklärt. Solange ein Betroffener gar nicht wisse, dass er Hepatitis C hat, nützten ihm die günstigsten Medikamente nichts.

Laut Bruggmann leben in der Schweiz etwa 80'000 Menschen mit Hepatitis C. «Wir schätzen, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen nicht weiss, dass sie infiziert ist und allenfalls schon einen Leberschaden hat.» Es gelte nun rasch die nicht diagnostizierten Betroffenen mit bereits geschädigter Leber zu finden und zu behandeln. Eine Hepatitisinfektion gilt als häufigste Ursache für eine Lebertransplantation. «Es sterben mehr Menschen an Hepatitis als an HIV», so Bruggmann.

Der Arzt arbeitet zusammen mit anderen Experten seit 2014 an einer nationalen Hepatitis-Strategie (www.hepatitis-schweiz.ch). Der Entwurf dazu soll morgen Dienstag vorgelegt werden. Der 28. Juli ist Welt-Hepatitis-Tag. Bruggmann und seine über 70 Mitstreiter wollen die virale Hepatitis in der Schweiz bis 2030 eliminieren. (rf)

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