Sport

Gegensätzliche Bilder am Chuenisbärgli

Von Micha Jegge. Aktualisiert am 09.01.2012

Während die Defizite der Schweizer Techniker an den Weltcuprennen in Adelboden in aller Deutlichkeit zutage treten, untermauern die Österreicher ihre Vormachtstellung.

1/12 Als erstem Fahrer gelingt Marcel Hirscher in Adelboden der Doppelsieg.
Bild: Andreas Blatter

   

Die präsidiale Hoffnung bleibt unerfüllt. «Wieder einmal einen Podestplatz» hatte sich Peter Willen, Kopf der Adelbodner Weltcuprennen, an der Verbandspressekonferenz im Oktober von Cheftrainer Osi Inglin gewünscht. Des Schwyzers Replik beschränkte sich auf ein Schmunzeln; er sah davon ab, die für Gelächter sorgende, aber nicht nur aus Jux ausgesprochene Bitte zu kommentieren. Im Zusammenhang mit dem Riesenslalom hatte der Nachfolger Martin Rufeners bereits im Sommer von einer «erheblichen Differenz zwischen unseren Leuten und den Besten» gesprochen, Carlo Janka jedoch ausgeklammert. Der Slalom gilt bei Swiss-Ski seit Jahren als Problemdisziplin. Am Chuenisbärgli bestätigt sich Inglins unausgesprochene Vorahnung. Janka fährt im Riesenslalom als bester Schweizer auf Platz 12, Reto Schmidiger belegt im Slalom Rang 13. Als OK-Präsident Willen seinen Wunsch deponiert hatte, war Jankas Rücken freilich noch in Ordnung gewesen.

Die Schweizer Fahnen werden auch für die Gäste geschwenkt. Es ist kaum Zufall, lässt der Österreicher Benjamin Raich stets verlauten, er betrachte das Adelbodner Publikum als eines der fairsten im Weltcup. 29'000 Zuschauer finden sich am Samstag im Zielraum ein; der Dezibelpegel ist hoch, die Stimmung trotz misslicher Witterung ausgezeichnet. Die Swiss-Ski-Athleten sind bestrebt, ihren Teil zum Skifest beizutragen. Marc Berthod und Sandro Viletta kennen keine Kompromisse, untermauern ihr Potenzial mit hervorragenden Zwischenzeiten, finden sich aber vor dem Zielhang neben der Piste wieder. Viletta hält fest, er habe ein gutes Gefühl, aber es fehle «das totale Selbstvertrauen». Des Engadiners Aussage liesse sich auf den einen oder anderen Kollegen übertragen, nicht jedoch auf Didier Cuche. Der Neuenburger beendet den Klassiker auf Rang 17, nach einem Fehler vor dem Flachstück, «der mich einen Top-Ten-Platz gekostet hat». Von dieser Dimension ist Daniel Albrecht meilenweit entfernt.

Vor vier Jahren sorgten der Walliser und sein langjähriger Gefährte Berthod dank ihres Doppeltriumphs für Euphorie, nun symbolisieren sie den Tauchgang der Schweizer Techniker. Das Wort «Rücktritt» nimmt weder der eine noch der andere in den Mund, in Gedanken ist es zuletzt jedoch beiden begegnet. Albrecht hat eine Träne in den Augen, als er nach missratener Vorstellung im ersten Lauf auf seine Gemütslage angesprochen wird. «Seit meinem Unfall habe ich auf den Skiern nie ein richtig gutes Gefühl gehabt», gesteht der 28-Jährige. Und ergänzt, es sei schwierig, wenn man «am Boden» sei und registriere, dass man wieder «bei null» beginnen müsse. «Im Moment ist es eher ein Erzwingen.» Der Frust ist gewaltig, Albrecht jedoch eine Kämpfernatur – so schnell dürfte er nicht aufgeben.

Berthod tat sein Befinden bereits am Vorabend des Riesenslaloms kund, sagte, Ende Jahr sei er «geknickt» gewesen, weil es «einfach nicht richtig klappen will». Nach dem Ausfall in seinem Lieblingsrennen verlässt er gesenkten Hauptes das Zielgelände. Fragen beantwortet der 28-jährige St.Moritzer keine; er will alleine gelassen werden. Tags darauf erreicht er das Ziel des ersten Slalomlaufs, nicht jedoch den Final. «So langsam wird es mühsam», hält er fest. «Wohl oder übel», erwidert er auf die Frage, ob er sich nun auf den Weg nach Wengen machen werde. Der zweifache Juniorenweltmeister Reto Schmidiger lässt sein Talent aufblitzen und erscheint als einziger Swiss-Ski-Vertreter im Klassement.

So düster das Bild ausschaut, welches die Schweizer Techniker anlässlich des Heimspiels abgeben, so glanzvoll präsentiert sich jenes der Österreicher. Benjamin Raich gelingt dank Bestzeit im zweiten Riesenslalomlauf die Rückkehr aufs Podest; elf Monate nach dem an der WM in Garmisch-Partenkirchen erlittenen Kreuzbandriss wird der 33-Jährige Zweiter. Er strahlt, als wäre er Olympiasieger geworden, spricht von «einem meiner schönsten Tage als Rennfahrer» und holt zum verbalen Rundumschlag gegen all jene Journalisten aus, welche ihn bereits abschrieben. Marcel Hirscher, der seinen um elf Jahre älteren Landsmann um acht Hundertstel distanzierte, zollt seinem Jugendidol Respekt, sagt, «ich habe die Fahrt nicht gesehen, aber der Benni muss im zweiten Lauf extrem gut gefahren sein». Raich gibt die Blumen zurück, sagt, Hirscher sei «der Mann der Zukunft».

Hirscher ist auch der Mann der Gegenwart. Im Slalom trotzt er Nebelschwaden und Schneeflocken, riskiert alles, gewinnt als erster Fahrer das Adelboden-Double und egalisiert den Bestwert Ingemar Stenmarks, welcher 1978 die ersten drei Rennen des Jahres für sich entschieden hatte. Im Gesamtweltcup ziert der nur 1,73 m grosse Sohn eines Salzburger Skischulleiters und einer Holländerin mit 230 Zählern Vorsprung auf Titelhalter Ivica Kostelic die Spitze, obwohl er bisher lediglich Riesenslaloms und Slaloms bestritt. Stenmark wird er nicht übertreffen, steht doch in Wengen zuerst die Super-Kombination auf dem Programm. Am Lauberhorn, hofft Osi Inglin, möge das Pendel wieder zugunsten seiner Mannschaft ausschwenken. Von Viktor Gertsch wurde der Männerchef im Herbst mit keinem Wunsch konfrontiert. Für den OK-Präsidenten der Lauberhornrennen hätte es dazu auch keinen Grund gegeben, haben die Schweizer in Wengen doch seit 2007 stets mindestens einen Podestplatz herausgefahren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.01.2012, 08:17 Uhr

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