Sport
«Die Lust, mich zu plagen, war nicht mehr da»
Von Christian Andiel, Martin Born. Aktualisiert am 23.01.2012 4 Kommentare
Das letzte Ziel
Am Lauberhorn wird Didier Cuche nie mehr gewinnen. Eine olympische Goldmedaille bleibt ihm verwehrt. So viel steht fest, seit er am letzten Donnerstag in Kitzbühel seinen Rücktritt auf Ende Saison erklärt hat. Doch mit dem Befreiungsschlag, mit dem er einen Knoten in seinem Kopf löste, begann seine letzte Jagd. Ein erstes Ziel hat er am Samstag erreicht, als er zum fünften Mal auf der Streif gewann und sich zum Kaiser von Kitzbühel krönte. Franz Klammer kam zwischen 1974 und 1984 auf vier Siege. Er ist der Einzige, dem neben Cuche ein Streif-Hattrick gelang.
Auf seiner Abschiedstour stehen ein paar Rennen bevor, die Cuche am Herzen liegen: Abfahrt und Super-G am kommenden Wochenende in Garmisch, zwei Abfahrten in Chamonix eine Woche danach (an beiden Orten gewann er schon), der Ausflug zur Olympia-Hauptprobe nach Sotschi, die letzten Heimrennen Ende Februar in Crans-Montana (Super-G und Riesenslalom), dann Abfahrt und Super-G in Kvitfjell, der Riesenslalom-Klassiker von Kranjska-Gora und schliesslich das Finale von Schladming mit vollem Programm.
Cuches Ziel ist klar: Er möchte zum fünften Mal die kleine Kristallkugel für den Sieg im Abfahrtsweltcup gewinnen – und mit Klammer gleichziehen, der diese Bestmarke bisher allein hält. «Mit dem Hunderter von Kitz bin ich wieder im Rennen», sagt er. Genauer: Er liegt als Zweiter 23 Punkte hinter dem führenden Beat Feuz. Ob er auf einer Wolke schwebe und das ihm helfe, wurde er gefragt. «Ich weiss von Lake Louise, dass man von der Wolke schnell wieder herunterkommt», antwortete er. (mb)
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Der Morgen danach. Didier Cuche ist noch genauso locker wie in den Stunden nach seinem Sieg. Die lange Nacht ist ihm kaum anzumerken. Im Hotel Schweizerhof, wo die Schweizer seit Jahren logieren, lassen sich Fans mit ihm ablichten. Eine Blondhaarige aus Österreich gehört dazu. «Sie ist mein Glücksbringer», sagt Cuche, «in den letzten Jahren war sie immer da.» Noch vor dem letzten offiziellen Medientreffen in Kitzbühel nahm sich der Rekordsieger Zeit für den «Tages-Anzeiger».
Didier Cuche, wissen Sie noch, welche Farbe Ihre Haare hatten, als Sie in Kitzbühel 1998 gewannen?
Da waren die Haare, glaube ich, blond.
Mit etwas Grün drin.
Doch das Grün war schon fast weg, das war noch von Wengen her drin. Um Grün in die Haare zu bringen, muss man sie zuerst blond machen. Es ging um eine Wette . . .
. . . mit Jürg Grünenfelder . . .
... wir wetteten, dass der Erste, der unter die ersten 15 kommt, die Haare färben muss. Jürg war 12., ich 14., und da mussten wir beide dran glauben.
Sie waren damals jung und galten als Frechdachs, der zu jedem Streich aufgelegt ist.
Wenn man nach Kitzbühel kommt, kann man nicht wirklich frech sein. Da braucht es Respekt. Aber gut, man ist jung und will es den Alten beweisen und fährt manchmal auch über den eigenen Fähigkeiten.
Blicken Sie manchmal zurück und fragen sich: Wie war ich damals eigentlich?
Ich weiss, wie ich damals war und dass ich mich gar nicht so sehr verändert habe, wie das andere sehen. In zwanzig Jahren entwickelt sich jeder Mensch, aber ich bin trotzdem der geblieben, der ich immer war. Wobei ich schon sagen muss: Erfolg macht es leichter, sich selbst zu bleiben. Wenn sich die Beziehung zu euch Journalisten verändert hat, liegt das nicht nur an mir.
Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Siegerehrung in Kitzbühel?
Ja. Sie fand damals noch mitten in der Stadt statt. Es hatte so viele Leute, dass es fast gefährlich wurde. Wir brauchten lange, bis wir uns zur Bühne vorgekämpft hatten. So viel ich weiss, haben sie die Siegerehrung im Jahr darauf zum Zielstadion verlegt.
Im Jahr vor Ihrem ersten Sieg hatten Sie einen Beinbruch erlitten und waren als Gast im Zielraum der Streif. Wussten Sie schon damals, dass Sie ein ganz besonderes Verhältnis zu dieser Abfahrt entwickeln würden?
Ich glaube, es war im Jahr, als Luc Alphand gewann. Ich kam nach Kitzbühel, weil ich im Jahr zuvor hier als 21. mein bestes Ergebnis erzielt hatte.
Von diesem Rennen zeigte das ORF am Samstagabend Ihre Fahrt. Auffallend war, dass Sie vom Hausberg bis ins Ziel keine Zeit auf den Sieger verloren. Diese Stelle muss Ihnen schon damals gepasst haben.
(lacht) Die hatte ich offenbar immer im Griff.
Nach dem Sieg vom Samstag wirkten Sie unheimlich gelöst.
Das stimmt. Es hatte bei der Siegerehrung unglaublich viele Leute, und für mich war es eben nicht nur eine Preisverteilung sondern auch ein Abschied.
Schon bei der Pressekonferenz schienen Sie jede Minute zu geniessen.
Wenn man in der Mitte sitzt, fällt es leichter, alles zu geniessen.
Sie haben eine lange Nacht hinter sich. Selbst Arnold Schwarzenegger hat Ihnen gratuliert.
Wir hatten eine Einladung zur Gala im Sponsorenzelt. Als wir drei Ersten um halb zehn dort einmarschierten und die Bühne betraten, wurden wir mit einer Standing Ovation empfangen. Wenn in einem solchen Zelt mit allen wichtigen Sponsoren von Kitzbühel und den vielen Prominenten alle aufstehen, bedeutet das doch sehr viel.
Hat Ihnen Schwarzenegger ein Angebot als Terminator V gemacht?
Das nicht, aber es war eine schöne Begegnung. Ich war schon immer ein Fan der Terminator-Filme.
Und im Pub The Londoner waren Sie nicht?
Erst später. Und es dauerte lange.
Haben Sie dort auch schon Ihren ersten Sieg gefeiert?
Ich war immer im «Londoner», auch wenn ich nicht gewann. Eingeführt wurde ich schon bei meinem ersten Start 1996 von Daniel Mahrer. Seither ist es eine Tradition. Wenn man in Kitzbühel das Ziel gesund erreicht und eine gute Leistung gebracht hat, darf man auch einmal Dampf ablassen. Da ist dir niemand böse, wenn dir danach ein paar Stunden Schlaf fehlen.
Befinden Sie sich auf einer Art Ehrenrunde, nachdem Sie den Rücktritt ankündigten? Und ist es nicht unglaublich schwierig, sich dabei auf die Rennen zu konzentrieren? Bernhard Russi sagt, dass er sich so etwas nicht vorstellen könne.
Das sagte ich selbst ja auch. Aber ich sagte auch immer, dass ich es kommunizieren würde, sobald ich mir sicher bin, dass ich aufhören werde. Als ich nach Kitzbühel reiste, war es mir plötzlich bewusst, und ich fand, dass Kitzbühel der richtige Ort dafür ist.
Sie wollten mit diesem Entscheid auch den Kopf leeren.
Das war mir wichtig. Diese Gedanken hatte ich auch im Sommer, und sie haben mich schon damals behindert. Ich habe mein Konditionsprogramm abgewickelt, doch die Lust, mich zu plagen und mir wehzutun, war nicht mehr unbedingt da. Gut, Lust dazu hat man ja nie wirklich, aber ich ertrug die ganze Schinderei schlechter als in früheren Jahren.
Aber sicher, dass Sie aufhören würden, waren Sie damals noch nicht.
Wenn ich es gewesen wäre, hätte ich aufgehört.
Dann kam der Saisonstart mit dem Sieg in Lake Louise, und Sie konnten solche Gedanken leicht verdrängen.
Der Sieg von Lake Louise war sicher sehr schön, und ich wollte gleich noch einen Zacken zulegen. Doch dann in den nächsten Rennen in Nordamerika machte ich Fehler. Ich war sehr schnell hinuntergestiegen von der Wolke, auf der ich schwebte. Plötzlich war der Wurm drin. Wenn du dann gehemmt bist und Angst hast, Fehler zu begehen, dann bist du nicht mehr so frei, wie es Beat Feuz gegenwärtig ist. So, wie er die Minschkante am Lauberhorn gefahren ist, kannst du nur fahren, wenn du das volle Vertrauen hast. Ich war dazu in Wengen nicht in der Lage.
Sie erlebten bei Swiss-Ski bessere und schlechtere Zeiten. Gegenwärtig beherrschen die Schweizer die Abfahrten. Fällt es einem in einem solchen Hoch, wenn der Nachfolger bereits steht, leichter aufzuhören?
Es ist schön für den Schweizer Skisport, wenn es so ist, aber auch für uns Fahrer. Es ist schön, in einem zwar nicht sehr grossen Team zu sein, in dem aber fast alle gewinnen können. Das war auch schon anders. Wenn du deine Leistung als Einzelsportler bringst und zufrieden bist, es der Mannschaft aber nicht gut läuft, bleibt ein schlechtes Gefühl zurück. Die Kollegen und auch die Journalisten sind unzufrieden, und das ergibt eine Stimmung, in der du nicht mehr frei fahren kannst.
In der Mannschaft bereiten Sie sich gemeinsam vor, in den Rennen sind Sie Gegner. Ist das nicht schwierig?
Es ist ein gemeinsames Training, aber in jedem einzelnen Lauf, den man fährt, ist es ein Kampf. Dadurch entsteht eine Gruppendynamik, die allen förderlich ist. Doch es liegt nicht an den Athleten, diese Gruppendynamik zu fördern, sondern an den Betreuern. Martin Rufener (bis zum Frühjahr 2011 Cheftrainer) hatte ein ausgesprochen gutes Gefühl dafür. Einmal nahm er Käse mit nach Norwegen, und die Trainer bereiteten ein Fondue. So etwas schweisst zusammen.
Gibt es keinen Neid, wenn andere besser fahren? Etwa am Lauberhorn.
Mir ging es nie darum, der beste Schweizer zu sein. Wenigstens von dem Zeitpunkt an, als ich wusste, dass ich gewinnen kann. Wenn ich am Lauberhorn Fünfter wurde, war ich nicht stolz, weil ich der beste Schweizer war. Deshalb konnte ich mich auch immer freuen, wenn ein anderer Schweizer gut war. Das war auch in Wengen so, wo ich mich für Beat freute und dies auch sagte. Nur haben es leider nicht alle gehört. Natürlich musste ich zuerst meine Niederlage verkraften. Aber wenn einer besser ist als ich, dann ist er halt besser. Und in Wengen waren es gleich deren 14.
Und davon waren fünf Schweizer.
Wenn du so enttäuscht bist, schaust du nicht, ob die vor dir jetzt Schweizer, Österreicher oder Amerikaner sind.
2002 in Salt Lake City waren Sie mit bester Zwischenzeit auf dem Weg zu Olympiagold. Können Sie sich vorstellen, dass ein Olympiasieg des damals 27-jährigen Didier Cuche ausgereicht hätte, um zum Schweizer des Jahres gewählt zu werden?
Zum Sportler des Jahres vielleicht, aber zum Schweizer des Jahres nicht.
Sie wurden erst nachher zum Publikumsliebling. Wie sieht die Schweiz Didier Cuche?
Das müssen Sie die Leute selber fragen. So schlecht kann das Bild aber nicht sein.
In all den Jahren hat sich eine positive Beziehung zwischen Ihnen und den Schweizern entwickelt. Sie haben den Schweizern das Gefühl gegeben, einer von ihnen zu sein.
Das Publikum hat mir dieses Gefühl auch zurückgegeben. Doch auch mir ist klar: Ohne Erfolg wäre es nie so weit gekommen. Es braucht den Erfolg, damit man überhaupt eine Plattform erhält, auf der man mit den Leuten kommunizieren kann.
Diese Plattform wurde Ihnen am Samstag bei der Siegerehrung von Kitzbühel noch einmal geboten. Und es waren nicht nur Schweizer, die Ihnen zujubelten.
Es war ein unglaubliches Gefühl, vor all diesen Leuten zu stehen. Und es ist etwas Grossartiges, wenn man so viele Menschen bewegen kann. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2012, 14:52 Uhr
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4 Kommentare
Es ist überhaupt nicht Sache irgend welcher anderen Leute da jetzt Tipps zu geben ob weitere Abfahrten ein ungerechtfertigtes Risiko sind. Es ist Didier Cuche's Sache. Wenn es für Bernhard Russi damals so gestimmt hat, meinetwegen. Das heisst aber auf keinen Fall dass es für Cuche auch stimmen muss. Es ist eine Frage der Einstellung, die muss einfach 100% stimmen. Das kann nur der Fahrer merken. Antworten
Ich kann mich nur Bernhard Russi anschliessen: Cuche hat den höchsten Punkt seines Erfolgs erreicht und ein Weiterfahren in dieser Saison wäre nur ein grosses Risiko. Das sollte er sich nicht mehr antun. Dass die "Blick"-Umfrage nur 36 % der Befragten ergibt die auch so votierten unterstreicht das eher einfache Niveau jener Leser. Antworten


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