Der Mythos von Sapporo
Von Dieter Stamm. Aktualisiert am 12.02.2012
«In jeder Hinsicht ein strenger Sicht»: Adolf Ogi. (Bild: Adrian Moser)
Die beste westliche Nation
Die Olympischen Winterspiele von 1972 sind als «goldene Tage» in die Geschichte des Schweizer Sports eingegangen. Vier Olympiasiege (Russi, zweimal Nadig, Viererbob mit Wicki), drei Silbermedaillen (Collombin, Bruggmann, Steiner) und drei bronzene Auszeichnungen (Mattle, Langlaufstaffel, Zweierbob mit Wicki) sorgten dafür, dass die Schweiz hinter der Sowjetunion und der DDR das beste nichtkommunistische Land war. Das Teilnehmerfeld in Japan umfasste 35 Nationen (in Vancouver 2010 waren es deren 82), ausgetragen wurden Wettbewerbe in 35 Disziplinen (in Vancouver waren es deren 86 und in Sotschi 2014 werden es 98 Wettbewerbe sein).
Zumindest was die Anzahl Medaillen betrifft, gelten die Spiele von Sapporo aus Schweizer Sicht nicht als die erfolgreichsten. 1988 in Calgary (je fünfmal Gold, Silber und Bronze) sowie 2006 in Turin (5/4/5) gewannen die Schweizer Sportler mehr Edelmetall.
Adolf Ogi, schauen Sie sich noch häufig Fotos von Sapporo an? Nein, die Zukunft interessiert mich mehr.
Haben Sie Dinge aufbewahrt?
Ja, alles Offizielle.
Ist das interessant?
Das kann man wohl sagen. Zum Beispiel den Bericht über unsere Rekognoszierungsreise von 1971. Er umfasste 70 Seiten und war streng geheim.
Ach ja?
Ja, den gab es nur in sehr kleiner Auflage, nummeriert und gegen Unterschrift. Kurz vor den Spielen wurde er mir in Sestriere aus dem Auto gestohlen. Ausgerechnet mir! Ich dachte schon an Spionage der Österreicher, aber die italienische Polizei fand ihn in einer Kehrichtanlage. Die haben den Bericht wohl nicht einmal verstanden.
Was stand denn drin?
Alles, was dann zum Erfolg geführt hat. Wir hatten in Sapporo vorgängig alles fotografiert, gefilmt und ausgemessen. Schnee mit nach Hause genommen, analysiert und 300 Wachsversuche gemacht. Sogar japanische Speisen und Getränke haben wir untersucht. Es gab zum Beispiel ein joghurtartiges Getränk, das hervorragend schmeckte, aber für uns nicht bekömmlich war. Wir verboten es unseren Athleten. Vor der Langlaufstaffel sah ich den DDR-Läufer Gerhard Grimmer, wie er davon trank. Prompt wurde er krank, und Edi Hauser schlug im Schlussspurt auch noch den Schweden Sven-Ake Lundbäck, vier Tage zuvor immerhin Olympiasieger über 15 Kilometer geworden, der ebenfalls davon getrunken hatte, wie ich später erfuhr. Das war alles generalstabsmässig vorbereitet, an jedes Detail hatten wir gedacht, auch menschlich.
Wie, auch menschlich?
Marie-Therese Nadig zum Beispiel war ja noch sehr jung, hatte auch ein bisschen Heimweh. Da haben wir ihr ganzes Zimmer mit Bildern von den Flumserbergen tapeziert. Und als sie auf dem Weg zum Riesenslalom plötzlich ganz still wurde, haben wir Ländler aus ihrem Gebiet gespielt. Eine dumme Idee kann das nicht gewesen sein.
Alles liess sich aber offenbar doch nicht planen. Russi und Collombin sollen sich geweigert haben, auf das Podest zu steigen, weil ihnen die Siegerehrung nicht würdig genug war.
Ach was, die stiegen sehr wohl aufs Podest. Ich war ja dabei, und auch Russi musste gehorchen. Die alpinen Rennen fanden halt ein wenig abseits statt und die erste, spontane Ehrung erfolgte ohne Blumen. Später gab es dann noch die schöne offizielle Medaillenübergabe im Stadion von Sapporo.
Die Athleten haben Ihnen gehorcht? Sie waren damals gerade mal 30 Jahre alt.
Natürlich, ich war in jeder Hinsicht ein sehr strenger Chef.
In welcher Hinsicht zum Beispiel?
Das begann schon im Training. Ich erinnere mich an ein Lager in Pontresina. Es war bitterkalt, die Übungen unter mir umso härter, heute würde ich vermutlich belangt werden deswegen. Danach kam Russi auf mein Zimmer und beklagte sich, worauf ich ihn ohne Diskussion nach Hause schickte. Zehn Minuten später kam er erneut und sagte, er wolle seine Einstellung ändern. Diese zehn Minuten haben ihn zum Weltmeister und Olympiasieger gemacht. Es war für ihn eine Weggabelung, eine Entscheidung zwischen Bonvivant und Erfolgsathlet.
Zurück nach Sapporo. Wie genau ging die Gefängnisgeschichte mit Collombin?
Ach, die kennen Sie?
Nicht aus erster Hand.
Na ja, gut, Collombin hat die Geschichte selber ja auch schon erzählt. Eines Nachts wurde ich um ein Uhr in der Früh geweckt und mit Blaulicht auf einen Polizeiposten geführt. Dort, in einer Zelle, sassen Collombin und ein Spieler der Eishockey-Nationalmannschaft. Sie hatten sich im Ausgang geprügelt, ziemlich auf die Nase bekommen und sahen gar nicht gut aus. Ein paar Tage mussten sie danach im Olympiadorf auf ihren Zimmern bleiben und wurden mit den besten Salben behandelt, wir wollten ja nicht, dass die Geschichte publik wurde. Später, zurück in der Schweiz, informierten wir dann die Medien, die auf unsere Bitte hin bis heute dicht gehalten haben. Ich glaube, Collombin hat mir das nie vergessen. Als ich Bundesrat wurde, stand er vor dem Bundeshaus und gratulierte mir als einer der Ersten.
Der Österreicher Karl Schranz wurde wegen Verstosses gegen das Amateurreglement nach Hause geschickt. Hand aufs Herz, hatten Sie da nicht die Finger im Spiel?
Nein, damit hatte ich nichts zu tun. Wir hatten ja selbst Angst vor Avery Brundage (damaliger IOK-Präsident, die Red.). Ich erinnere mich, dass wir sogar den Schriftzug «Alois Kälin» von unseren Müller-Langlaufskis kratzten, damit man uns nicht disqualifizierte.
Schranz war der grosse Favorit bei den Alpinen. Der Ausschluss kam der Schweizer Delegation gelegen.
Schranz hätte in Sapporo nicht gewonnen, auch wenn er in Europa zuvor dominiert hatte. Wir besassen den viel schnelleren Ski, weil wir die viel bessere Vorbereitung geleistet hatten.
Österreich sieht das bis heute anders.
Ja, aber dass ich etwas mit seinem Ausschluss zu tun hatte, glaubt auch Schranz nicht. Wir sind ja gut befreundet, ich war an seiner Hochzeit und an seinem 70. Geburtstag, und zu Weihnachten ruft er mich immer an.
Russi fragt sich zuweilen: «Wo und was wäre ich, hätte es Sapporo nicht gegeben?» Was wäre aus Ihnen geworden?
Wohl kein Bundesrat.
Nein?
Es ist klar, dass meine öffentliche Karriere eng mit diesen Erfolgen verknüpft ist. Hätten wir in Sapporo versagt, wäre ich beim Skiverband entlassen worden und mein berufliches Leben hätte sich anders entwickelt.
In welche Richtung?
Ich bin vom Charakter her eine Führernatur, war lange auch Intersport-Generaldirektor. Am ehesten also eine Führungsposition in der Privatwirtschaft.
Calgary 1988 und Turin 2006 waren aus Schweizer Sicht statistisch gesehen die erfolgreicheren Winterspiele als Sapporo 1972. Was macht den Mythos Sapporo aus?
Eine ganze Fülle von Gründen, abgesehen davon, dass es damals viel weniger Disziplinen gab und die Medaillenanzahl also höher zu gewichten ist. Zum Beispiel die Bedeutung des Wintersportes: Es gab keinen Federer, überhaupt weniger Konkurrenz, was Sport und Unterhaltung betrifft. Und dann der Exotik-Faktor: Dieses völlig unbekannte Sapporo, das war ja fast wie eine Expedition auf den Mond, von dem man jeden Morgen Erfolge zum Frühstück serviert bekam. Das war und blieb einzigartig.
Zehn Minuten in der Vorbereitung machten Russi zum Olympiasieger. Foto: Key Archiv (Der Bund)
Erstellt: 12.02.2012, 09:04 Uhr
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