Sport

Neuer Stadtteil, alte Zweifel

Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 28.04.2012

In drei Monaten lodert im Olympiastadion in London das Feuer – mancher fürchtet aber, nicht nachhaltig genug.

1/6 Der Olympic Park in Stratford und Londons Skyline im Hintergrund. Das Olympiastadion (Vordergrund) bietet Platz für 80'000 Zuschauer.
Bild: AFP

   

Olympia-Serie: Macher, Entwickler, Stars

Heute in drei Monaten, am 27. Juli, werden in London die Olympischen Sommerspiele eröffnet. Der Tages-Anzeiger nähert sich dem Höhepunkt dieses Sportjahres in fünf Schritten.


  • Teil 1: IOK-Präsident Jacques Rogge im Interview

  • Teil 2: Wie verändern Olympische Spiele eine Stadt?

  • Teil 3: Unterwegs mit Organisationschef Lord Sebastian Coe

  • Teil 4: Der Gigantismus nahm seinen Anfang 1984

  • Teil 5: Die Stars der Spiele und solche, die es werden könnten

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Eben machte sich Pascal Loretan sein eigenes Bild von der Olympiastadt. Und es dürfte ihm gefallen haben: Loretan ist 23-jähriger Schütze aus Freiburg, und er qualifizierte sich in den Royal Artillery Baracks für die Sommerspiele. Sein Weltcupturnier am vergangenen Wochenende war Teil der Testwettkämpfe, die in sämtlichen Sportarten durchgeführt werden. Sie sollen zeigen: Die Organisation funktioniert, die Wettkampfstätten stehen, London ist bereit.

Zum dritten Mal nach 1908 und 1948 werden in London Olympische Sommerspiele durchgeführt, keine andere Stadt kann dies von sich behaupten. Und für diese Premiere wurde ordentlich geklotzt. 9,3 Milliarden Pfund kostet der Anlass bis anhin, und diese Summe scheint gegen oben offen. Die nackten Kosten indessen sind in London gar nicht der springende Punkt.Ein Blick auf die vorangegangenen Sommerspiele hatte die Bewerber gelehrt, dass eine positive Hinterlassenschaft nötig ist – aber allzu häufig keine Selbstverständlichkeit. Die Spiele von Sydney hinterliessen mehr Probleme, als die brillanten Eröffnungsfeierlichkeiten im Jahr 2000 hätten ahnen lassen. Athen, vier Jahre später, bescherte sich selbst ein Erbe rasch zerfallender Sportstätten und Wohnanlagen – und Mammutschulden, an denen Griechenland bis heute schwer zu tragen hat.

Das Erbe als Trumpf

Derlei Beispiele dienten London als Mahnmal, als es sich 2005 der Wahl zum Austragungsort für die Spiele 2012 stellte. Eine reichhaltige Hinterlassenschaft, offiziell Legacy genannt, sollte Bausünden und Fehlplanungen verhindern, für die in der Zukunft bezahlt werden müsste. Und diese Legacy war der Trumpf der Engländer, mit ihr stachen sie die Kontrahenten Madrid und Paris aus. Es sollte natürlich, so das englische Selbstverständnis, in London alles besser sein als anderswo zuvor. Und erst recht sollte das Erbe der Spiele besser sein als irgendwo sonst.

Trotzdem: Es brauchte gerade auch im Land selber schon 2005 sehr viel mehr an Rechtfertigung für ein solches Unternehmen. Wiewohl damals von Kreditkrise, Bankenkollaps oder weltweitem Wirtschaftseinbruch noch keine Rede war, war mit kostspieliger Selbstdarstellung bereits kein Staat mehr zu machen. Die Kontroverse um den Bau des protzigen Millennium-Doms auf der Greenwich-Halbinsel (heute O2-Arena genannt) war vielen Briten noch in lebhafter Erinnerung.

Sportbegeisterung geht zurück

Mehrere feierliche Versprechen untermauerten darum die Kandidatur der Themsestadt vor sieben Jahren, für die Spiele von 2012. Diese Spiele, versprach die britische Delegation, sollten vor allem ein von wirtschaftlichem Niedergang böse ausgeblutetes Gebiet im Osten Londons neu beleben helfen. Sie sollten giftiges Ödland und eine industrielle Ruinenlandschaft regenerieren und einer armen und vor allem hoffnungslosen Bevölkerung Arbeit, Wohnungen und neue Chancen bescheren. Zugleich sollten die Spiele in ganz Grossbritannien zu mehr Sportbegeisterung «an der Basis» führen, so lautete die Hoffnung der Organisatoren. Die Zahl der Sport treibenden Briten sollte sich in der zu erwartenden Begeisterung über «London 2012» bereits im Vorfeld der Spiele «mindestens verdreifachen».

Inzwischen hat sich diese Erwartung als Illusion erwiesen. Nicht nur haben junge Briten keinen neuen Enthusiasmus entwickelt. Im Gegenteil: Die Sparpolitik der letzten Jahre auf staatlicher wie kommunaler Ebene führte zur Schliessung zahlreicher Sportclubs und -anlagen. Allein zwischen 2007 und 2011 verzeichneten dem Dachverband «Sport England» zufolge 17 Sportarten einen spürbaren Rückgang in der Zahl derer, die mindestens einmal wöchentlich Sport treiben.

Tausende weiterer Wohnungen sollen entstehen

Sehr gemischt sind auch die Urteile über den «segensreichen Charakter» der Spiele für den Osten Londons, wie es an offiziellen Stellen heisst. Dort besteht man darauf, mit der Räumung der chemisch verseuchten Firmengelände, die Begrünung weiter Flächen und die Errichtung von Sportstätten und olympischem Dorf einen Wandel eingeleitet zu haben, den die Region um Stratford in East London sonst kaum erlebt hätte.

Bahnhöfe, neue U-Bahn-Linien und das grösste Einkaufszentrum Europas entstanden quasi aus dem Nichts und sollen die Grundlage für einen kompletten neuen Lebensraum bilden. 2800 Wohnungen des olympischen Dorfes stehen für die Zeit nach den Spielen zum Verkauf oder sind schon verkauft. Tausende weiterer Wohnungen, mit Geschäften, Büros, Gemeindehallen, sollen in privater Initiative drum herum gebaut werden, sich sozusagen am Funken der Stratford-Initiative entzünden. Auf dem Gelände des olympischen Parks und in der unmittelbaren Umgebung werden in den 18 Monaten nach dem Ende der Spiele für eine weitere halbe Milliarde Pfund öffentlicher Gelder neue Strassen angelegt, Umbauten vorgenommen und Häuser neu ausgestattet.

Alteingesessene beklagen die harte Hand

Stolz sind die Olympiaverantwortlichen darauf, dass zum ersten Mal in der olympischen Geschichte vor Spielen ein regelrechtes Legacy-Unternehmen gegründet wurde. Dieses sollte die Nutzung der geschaffenen Räume für die Zeit nach den Spielen ausplanen und für einen reibungslosen Übergang sorgen.

Nicht jeder in London ist allerdings glücklich mit der entsprechenden Planung. Viele der Alteingesessenen beklagen die harte Hand, mit der über Jahre natürlich gewachsene Lebensräume geopfert wurden, um die olympischen Anlagen durchzusetzen. Andere bezweifeln, dass ein künstlich geschaffener Stadtteil, der nach 2012 womöglich von einer neuen Generation wohlhabender junger City-Arbeiter bezogen wird, den noch immer armen umliegenden Gemeinden nützlich sein kann. Eher, meinen sie, verschärfe sich so der soziale Gegensatz in einer diesbezüglich ohnehin nicht einfachen Gegend.

Wiederverwertbare Arena

Unklarheit herrscht auch über die weitere Nutzung der Sportanlagen. Fürs Olympiastadion ist bisher noch immer kein fester Abnehmer gefunden – die erzielte Einigung mit dem Fussballclub West Ham United ist mittlerweile wieder sistiert. Auch das monumentale Medienzentrum der Spiele sucht weiter einen neuen Besitzer. Dagegen haben einige der kleineren Sportstätten inzwischen Käufer oder künftige Betreiber gefunden. Es ist, im Augenblick, ein uneinheitliches Bild. Oder kürzer: ein Durcheinander. So wie meistens also vor Olympischen Spielen. Und eben auch in London nicht so reibungslos wie gehofft.

Manche Anlagen wie das Olympiastadion und das Schwimmstadion sollen im Umfang reduziert werden, um sich nach dem Megafest Londoner Alltagserfordernissen anzupassen. Das haben ihre Architekten vorab so eingeplant. Andere Sportstätten, die Wasserballarena oder die Handballhalle, sind mit Billigmaterial erstellt worden, um hinterher gleich wieder abgerissen werden zu können. Keine «weissen Elefanten» sollen künftige Generationen von diesen Spielen grüssen, wie das andernorts der Fall ist. Was nützlich bleibt, will man passend umformen. Alles andere wird abgebaut. Die Basketballhalle soll demontiert, verfrachtet und an künftige Austragungsstätten verkauft werden: eine ganz neue Art des Recyclings, die früheren Olympischen Spielen unbekannt war.

Und trotzdem: Ganz so erfolgreich, wie sie es sich anfangs vorgestellt hatten, sind die Veranstalter eben nicht. Auch in ihrem grünen Ehrgeiz nicht. Ursprünglich sollte für 20 Prozent des Energieverbrauchs der Londoner Spiele selbst produzierte Energie aus erneuerbaren Quellen aufkommen. Diverse Projekte sind aber an kommunalem Einspruch gescheitert. Nun werden es nicht viel mehr als 10 Prozent sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2012, 00:22 Uhr

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