«Freundlich gelächelt und aufgegeben»
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 17.10.2011 2 Kommentare
Die Signale sind unüberhörbar: Im Boxclub von Burgdorf hat sich in den letzten Jahren eine Szene zusammengebraut, die das Potenzial hat, die Stadt Bern als kantonale Hauptstadt des Faustgefechts abzulösen. Das Burgdorfer Box-Alphatier Nuri Seferi hat sich, kaum beachtet von der hiesigen Öffentlichkeit, den Cruisergewicht-Europameistertitel der WBO gesichert, der bisher ungeschlagene Ungar Gabor Veto erkämpfte sich den WBC-Juniorenweltmeistertitel, und Agron Dzela darf sich immerhin «Schweizer Kampfsportler des Jahres 2006» auf die Visitenkarte drucken.
Höchste Zeit, sich einmal im Verwaltungskreis Emmental umzuschauen, speziell wenn die Veranstalter zur grossen «Boxgala» mitsamt weltmeisterlichem Titelsegen laden. Gala ist schon deshalb ein etwas hochtrabender Begriff, weil der Anlass in der Turnhalle Schützenmatt stattfindet. Das ist kein Ort, der besonders viel Pomp zulässt, aber schliesslich soll es hier um den hehren Kampfsport gehen, da ist es egal, wenn die Stehtische aus Schwedenkasten-Elementen zusammengebaut sind, wenn keine Gala-Sänger auftreten, sich dafür die Tanzgruppe Round About Kids zu schwer betanzbarem Hip-Hop über den Ringboden wälzt.
Doch die Boxgala von Burgdorf wird nicht wegen des Rahmenprogramms als höchst sonderbarer Anlass in Erinnerung bleiben, es sind die zahlreichen rätselhaften Vorkommnisse im Ringviereck, die zum Stirnerunzeln Anlass geben. Denn einen richtigen ungetrübten Boxkampf bekommt das circa 1000-köpfige Publikum in den ersten Stunden des zähflüssigen Meetings nicht zu sehen. Da vollführt ein bejahrter deutscher Boxer drei Runden lang eine Art getanzte Selbstverteidigung gegen den einstigen Yves-Studer-Kontrahenten Vedran Akrap. Da drischt der Berner Schwergewichts-Profi-Debütant Ergun «The Warrior» Mersin in einer kurzen, aber beherzten Aktion dergestalt auf den Körper seines speckigen Kontrahenten ein, dass dieser noch vor dem ersten Schweisstropfen und ohne Gegenwehr den Kampf aufgibt.
Sonderbare Arbeitsmoral
Ähnlich sonderbar gestaltet sich der erste Hauptkampf des Abends. Der 22-jährige Superleichtgewichts-Aufstreber Gabor Veto, der seit zwei Jahren in Burgdorf trainiert, in 25 Kämpfen unbesiegt ist und schon fünf Mal im Vorprogramm der Klitschkos auftreten durfte, hat ebenfalls nicht lange Zeit, sein Können unter Beweis zu stellen. Er ist für seine Gewichtsklasse eher gross gewachsen, boxt elegant aus der Distanz, zeigt einige schöne Eins-Zwei-Kombinationen, doch nach wenigen Sekunden der ersten Runde ist Schluss mit Lustig.
Sein Gegner, immerhin der ehemalige afrikanische Meister Michael Kizza, kniet nach einer eher harmlosen Rechten auf den Ringboden, wird angezählt und weigert sich auch nach mehrmaligem Nachfragen des verdutzten Ringrichters, den Kampf wieder aufzunehmen. Zugegeben, der Titel, um den geboxt wird – der Weltmeistertitel des unbedeutenden Verbandes GBU – ist von marginalem Wert, doch dass man ihn gleich kampflos dem Gegner überlässt, das sieht man im Boxsport dann doch eher selten.
Nicht minder seltsam verläuft der Kampf des ungeschlagenen Burgdorfers Sefer «The Real Deal» Seferi gegen den Kroaten Josip Jalusic, der mit der Bürde angereist ist, die letzten elf seiner Kämpfe alle verloren zu haben. Es entwickelt sich ein anschaulicher Cruiser-Kampf, Seferi beeindruckt immer wieder mit seiner schön herausgedrehten Rechten und überrascht den Gegner mit plötzlichen Tempiwechseln. Allerdings offenbart Sefer Seferi Defizite in der Disziplin der taktischen Kampfführung. Obschon er seinen Gegner in Sachen Reichweite überragt und seine Rechte in der Halbdistanz weit mehr Zerstörungskraft entfaltet, zieht es den Burgdorfer immer wieder in den Infight.
Eine Not dafür besteht nicht, die Aktionen sind auch kaum vorbereitet – es ist ein Beharren auf einem Boxstil, ohne zu berücksichtigen, was der Gegner tut. Sefer Seferi ist zwar deutlich überlegen, und doch endet der Kampf mit einer Überraschung. Oder eben auch nicht. Ohne in Bedrängnis zu sein, wirft der Trainerstab des Kroaten in der sechsten Runde das Handtuch ins Ringviereck. Einmal mehr: Aufgabe, ohne die Aufgabe erfüllt zu haben.
Unmögliche Träume
Dafür wirds nun feierlich. Als Einstimmung auf den Hauptkampf wird ein Film über den Burgdorfer Boxer Agron Dzila eingespielt, der diesen beim In- und Outdoor-Training und mit seiner Familie zeigt. Leider ist die Tonspur akustisch dermassen verhallt, das nicht viel zu verstehen ist – nur so viel, es geht um viel: um den «unmöglichen Traum», quasi das Motto des Kampfes. Geboxt wird um den vakanten IBF Youth-Cruiserweight-Titel, der Gegner ist Pascal Ndomba aus Tansania, die Nummer 369 der Welt. Es ist ein munterer Kampf, Ndomba ist ein beweglicher, schwer zu treffender Kontrahent, Dzila – kein Ausbund an Explosivität und Kreativität – hält aber knapp die Oberhand. In der fünften Runde scheint sich das Blatt zu wenden. Der Afrikaner überrascht mit gefährlichen Haken, verschärft das Tempo, gewinnt die Runde, doch nach der Ringpause mag er nicht mehr antreten – als wäre er nur für fünf Runden bezahlt. Nachfrage beim belgischen Ringrichter, warum nicht weitergeboxt wurde: «Herr Ndomba hat mich freundlich angelächelt und gesagt, er wolle nicht mehr – very strange.»
Immerhin: So werden auch die unmöglichsten Träume wahr. Wohin der Weg der jungen Burgdorfer Talente weist, müssen motiviertere Gegner aufzeigen. (Der Bund)
Erstellt: 17.10.2011, 09:51 Uhr
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