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Einsam – und mit der halben Welt in Kontakt
(Bild: TA-Grafik)
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Rriing, rrriiing – danach Rauschen in der Telefonleitung. 10, 15 Sekunden verstreichen, dann ruft eine Stimme über das Satellitentelefon: «Salut Peter, ça va?» Es ist Dominique Wavre, der mit seinem Boot Mirabaud bei der Weltumsegelungsregatta Vendée Globe an 8. Stelle im noch 13 Boote umfassenden Feld segelt. Seit dem Start am 10. November in Les Sables-d’Olonne an der französischen Atlantikküste haben 7 Skipper aufgeben müssen.
Zuletzt sahen wir uns im Spätsommer in La Rochelle. Damals nahm mich Dominique Wavre auf seinem 18,28 Meter langen Hightech-Boot auf einen Tagestörn mit. Ich sass in seinem Cockpit, vor seinem Kartentisch, bestaunte leicht verwirrt all die elektronischen Geräte für die Navigation und Kommunikation.
Hohe Kommunikationskosten
Jetzt segelt er mehr als 2000 Kilometer vom australischen Festland entfernt im Indischen Ozean. Der 57-jährige Genfer kommuniziert während der Regatta auf die verschiedensten Arten. Per Funk, per Satellit, über das Internet mit Mail, Facebook, Twitter. Im mehrseitigen Vertrag mit den Veranstaltern ist festgeschrieben, wie oft er sich zu den Interviews mit der Wettfahrtleitung melden muss, welche via Internet live übertragen werden, wie viele Videos er an Bord zu filmen hat.
Zudem ist die Position seines Bootes via Satellit jederzeit im Internet verfolgbar, mit der aktuellen Geschwindigkeit und andern Details. «Die Kosten für die Kommunikation belaufen sich in diesem Rennen bei mir auf rund 20'000 Franken», sagt Wavre.
Einige Male pro Tag meldet er sich bei seinem Landteam in Frankreich, bei dem seine Lebenspartnerin Michèle Paret Chefin ist, er kommuniziert mit Journalisten, die sich für ein Telefongespräch bei seiner Presseabteilung anmelden müssen.
Eine Selbsttäuschung
Früher, zu Zeiten, als er mit Pierre Fehlmann und dessen Crew in den 80er-Jahren um die Welt segelte, wurden manchmal vom Navigator falsche Positionsmeldungen abgesetzt, um die Konkurrenten zu täuschen.
Das ist in der heutigen Hightechwelt nicht mehr vorstellbar. «Das Gefühl der Einsamkeit kommt heute nicht mehr auf», sagt Wavre. «Es ist im Prinzip eine Selbsttäuschung. Und das ist kein schlechtes Gefühl. Man lebt an Bord zwei Leben, ein virtuelles, indem man mit der halben Welt kommuniziert, und ein reales. Denn wenn etwas passiert, das Boot einen Gegenstand rammt, kentert, Mastbruch erleidet, ist man genauso einsam und verlassen wie einst die alten Seefahrer und im ersten Moment völlig auf sich gestellt. Überlebt man diesen ersten kritischen Moment, kann man nun aber dank der modernen Technik um Hilfe rufen.»
Überleben im treibenden Boot
Elektronische Geräte, riesige, sorgfältig vorbereitete Segelsäcke, der Dieselmotor und die wasser- und luftdicht verschweissten Vorräte an Proviant und Unterwäsche, mehr ist im Cockpit nicht zu sehen. Um Gewicht zu sparen, verzichten die Skipper auf jeglichen Komfort. Der 57-jährige Wavre schläft auf seinem verstellbaren Schragen, der auch als Sitz am Navigationstisch dient.
Einen Kühlschrank gibt es nicht, geschweige denn ein WC oder eine Dusche. Im Notfall kann Wavre sein Cockpit wasserdicht schliessen. Im Heck gibt es eine Not-Ausstiegsluke. Sollte sein Boot den Kiel verlieren und er noch die Zeit haben, rechtzeitig in sein Cockpit zu flüchten und die wasserdichte Türe zu schliessen, könnte er auch in dem mit Mast unten treibenden Boot für Tage überleben. Der Notausstieg ist so konstruiert, dass er sich in diesem Fall über dem Wasserspiegel befindet.
Wie bei einem Lastwagen
Der technisch komplizierte Schwenkkiel hat schon manchem Weltumsegler grosse Sorgen bereitet. Vor vier Jahren musste Wavre wegen eines Schadens am sogenannten Kielkopf, der Halterung, welche den Kiel mit dem Bootsrumpf verbindet, die Vendée Globe aufgeben.
Der Kiel wiegt mit der Kielbombe rund 3,5 Tonnen, und mit einem Knopfdruck kann ihn Wavre mittels Hydraulik bis zu 40 Grad neigen, um bei Krängung den Schwerpunkt des Bootes zu verändern. Wird die Kielneigung verstellt, piepst ein Warnsignal an Deck, ähnlich einem Lastwagen, der rückwärtsfährt.
36 Tage ist Wavre nun im Rennen, noch hat er die Hälfte nicht geschafft. Rund 1900 Seemeilen, über 3500 km, beträgt sein Rückstand auf Leader François Gabart (Fr). Seine Stimme klingt ein bisschen angespannt, aber vielleicht ist es auch das Rauschen in der Leitung, das diesen Eindruck vermittelt. «Das nächste Tief kommt, endlich ist wieder Wind in Sicht», ruft er. Dann ein kurzes «auf bald», und es ist still in der Leitung. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.12.2012, 09:35 Uhr



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