Sport
Der Name Chervet verpflichtet
Im Titelkampf am Boxing Day: Aniya Seki. (Bild: Adrian Moser)
Berner Boxing Day
Der 26. Dezember heisst im angelsächsischen Raum «Boxing Day», weil früher die Kinder der Armen bei den Reichen in Schachteln (engl. boxes) die Resten vom Weihnachtsessen und kleine Geschenke sammelten. Der legendäre Berner Boxtrainer Charly Bühler adaptierte den Namen für seine Box-Meetings am Stephanstag. Der erste Boxing Day unter seiner Ägide fand 1969 im Zürcher Hallenstadion statt. Der Berner Fritz Chervet verlor den Kampf gegen den Schotten John McCluskey. Drei Jahre später wurde Chervet ebenfalls am Boxing Day gegen den gleichen Gegner Europameister im Fliegengewicht. Fortan fanden in Bern immer wieder Box-Meetings am 26. Dezember statt. In den 90er-Jahren etablierte sich der Anlass, der inzwischen nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich ein Festtags-Highlight ist. Seit 2007 wird der Boxing Day vom Berner Boxstall Boxing Kings unter der Leitung von Daniel Hartmann und Bala Trachsel organisiert. Normalerweise findet der traditionsreiche Anlass im Kursaal statt. Wegen Umbauarbeiten im Kursaal wird in diesem Jahr erstmals in der Wankdorfsporthalle geboxt. Bis am Donnerstag waren 1200 Eintrittskarten verkauft.
Titelkämpfe mit Studer und Seki
IBC-Weltmeister Yves Studer kämpft am 26. Dezember um den Titel des IBF East/West Champion und damit um einen möglichen WM-Kampf. Studers Gegner heisst Aliaksandr Suschyts und kommt aus Weissrussland. Mit einem Sieg könnte sich Studer in eine gute Ausgangslage bringen, um den amtierenden Mittelgewichtsweltmeister Daniel Geale aus Australien herauszufordern.
Die Bernerin Aniya Seki kämpft um den WIBF-Weltmeistertitel im Bantam-Gewicht. Gegnerin ist Marylin Hernandez aus der Dominikanischen Republik. Die Weltmeisterschaft der WIBF ist der wichtigste Titel im Frauenboxen. Frühere Titelträgerin war Regina Halmich, die wahrscheinlich bekannteste Boxerin der Welt.
Programm
15.30 Türöffnung. 16.00 3 Amateurkämpfe gegen die deutsche Staffel mit Arsim Ibrahimi, Davide Faraci und Alain Chervet. 17.00 Profikampf Leichtweltergewicht Martino Ciano (SUI) vs. Salvatore Carrozza (ITA). 18.00 Showkampf- Special mit den «Dog Brothers Martial Arts». 18.30 WIBF-Weltmeisterschaft Superbantamgewicht Aniya Seki (SUI) vs. Marylin Hernandez (DOM). 19.20 Pause. 20.00 IBF-East/West-Titel Mittelgewicht Yves «Pit Bull» Studer (SUI) vs. Aliaksandr Sushchyts (BLR). 21.00 Ende.
Den eisernen Willen hat er geerbt. Alain Chervet ist der Sohn von Walter und der Neffe von Fritz Chervet, beides einstige Schweizer Meister. Fritz Chervet, der bekannteste Schweizer Boxer aller Zeiten, war sogar Europameister (1972). Alain trainiert hart – wie schon sein Vater und sein Onkel. In der Phase vier, kurz vor einem Kampf, absolviert er über zehn Tage zwei Trainingseinheiten täglich – neben einem 100-Prozent-Arbeitspensum. Trainieren, arbeiten, essen, trinken, schlafen. Sonst nichts. Alain Chervet kann viel einstecken. Neben seinen mentalen Fähigkeiten kann er auf seine Schnelligkeit und die gute Technik zählen. Diesen Stärken hat er seinen Erfolg zu verdanken. Der 21-Jährige wurde sowohl bei den Junioren als auch bei den Amateuren Schweizer Meister.
Mit Boxen angefangen hat Alain Chervet erst mit 14 Jahren. «Vorher spielte ich lieber Fussball», erzählt der YB-Fan. Doch dann begann die erbliche Vorbelastung durchzuschlagen. Seine ersten Versuche im Faustgefecht machte er bei Bruno Arati, der heute noch als Cheftrainer bei den Boxing Kings tätig ist. Später übernahm Profi Yves Studer das Training, und heute wird der talentierte Berner von Anton Piller trainiert, der für die Amateure bei den Boxing Kings zuständig ist.
«Spüre einen gewissen Druck»
Im Vordergrund stand für die jüngste Hoffnung der Boxfamilie Chervet aber immer die Ausbildung. Jetzt, da er die KV-Lehre abgeschlossen hat, setzt er vermehrt auf die Karte Boxen. Als mittelfristiges Ziel peilt er den Wechsel ins Profilager an. «Wir wollen Alain aber nicht verheizen», sagt Trainer Piller. «Step by step» soll seine Karriere aufgebaut werden. Was Chervets Umfeld nicht daran hindert, bereits auf Sponsorensuche zu gehen, um finanziell gewappnet zu sein für eine Profikarriere. Möglicherweise klappt es schon im nächsten Jahr mit dem ersten Kampf.
Der Name Chervet verpflichtet auch – und weckt Erwartungen. «Ich spüre einen gewissen Druck. Doch bisher hat mir das nichts ausgemacht», sagt Alain Chervet. «Im Gegenteil, ich bin sehr stolz darauf, ein Nachkomme der Chervets zu sein.» Der geplante Wechsel zu den Profis wird von der ganzen Familie mitgetragen. So ist Vater Walter, zu dem Alain ein sehr inniges Verhältnis pflegt, bei jedem Kampf in der vordersten Reihe dabei.
«Ige ittwe Ifipre irdewe»
Walter Chervet ruft seinem Sohn oft Anweisungen in Mattenenglisch in den Ring. Alain gehört zu den wenigen Jungen, die das eigene Idiom aus dem Mattequartier noch verstehen und selbst sprechen können. Bei einem seiner letzten Kämpfe in Freiburg wurde Chervet von Zuschauern gefragt, in welcher Sprache er eigentlich kommuniziere. «Wir mussten lachen – und es ist natürlich ein kleiner Vorteil, denn der Gegner versteht kein Wort.» Schon früh lernte er, sich in Mattenenglisch zu verständigen. Vater und Onkel Chervet waren früher oft in der Matte unterwegs, eigneten sich die Sprache an und gaben sie weiter. Das zeigt ihre Verwurzelung und die Verbundenheit zu Bern. Er verstehe sich als «Bärner Giel», auch wenn er in Münchenbuchsee aufgewachsen sei, sagt Alain Chervet. Auch deshalb formuliert er sein grosses Ziel in Mattenenglisch: «Ige ittwe Ifipre irdewe.» («Ich will Profi werden.»)
Harter Brocken am Boxing Day
Wenn Alain Chervet am Stephanstag gegen Howik Baresgjan aus München boxt, wird ihm das Mattenenglisch alleine nichts nützen. Der Deutsche hat bis jetzt bereits 100 Amateurkämpfe bestritten, ist sehr stark einzustufen und vielleicht der beste Gegner in Chervets bisheriger Karriere. Das geschah mit Absicht. «Wir gehen das Risiko einer Niederlage ein, denn nur mit Siegen gegen schwächere Gegner kommt man nicht weiter», erklärt Piller. Es brauche jemanden, der Chervet seine Schwächen aufzeige, nur so könne er sich weiterentwickeln und an seinen Defiziten arbeiten. (Der Bund)
Erstellt: 26.12.2011, 01:08 Uhr



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