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«Das Leben ist langweilig ohne Sport»

Von Anna Baumgartner und Christian Brüngger. Aktualisiert am 28.07.2011 3 Kommentare

Stabhochsprung-Königin Jelena Isinbajewa ist nach einer langen Pause zurück und weiss doch: 2013 wird Schluss sein.

Ein Comeback mit viel Regen: Jelena Isinbajewa wartet auf ein neues Hoch.

Ein Comeback mit viel Regen: Jelena Isinbajewa wartet auf ein neues Hoch.
Bild: EQ

Jelena Isinbajewa

Die Stabkönigin war schon als Kind eine Olympiasiegerin: Zusammen mit ihrer Schwester turnte sie jeweils im Wohnzimmer, und die Mutter verkündete: «Und jetzt, die Olympiasiegerin Jelena Isinbajewa!»

Nach einer kurzen Kunstturnkarriere wurde die Russin aus Wolgograd 1998 Stabhochspringerin und rasch die beste LeichtathletikArtistin. Jelena Isinbajewa ist zweifache Olympiasiegerin (08/04), fünffache Weltmeisterin (Halle und Freiluft) und Europameisterin.

Den Weltrekord hat sie in diesen Jahren so oft verbessert, dass der Überblick beinahe verloren geht. Ihre 5,06 m, die sie im August 2009 bei «Weltklasse Zürich» sprang und die weiterhin gültig sind, waren ihr 27. Weltrekord. Danach folgten Rückschläge, eine lange (Wettkampf-)Pause und in dieser Saison ein sanfter Wiedereinstieg an kleineren Meetings.

Die 29-Jährige lebt in Monaco und Wolgograd, wo auch ihr Trainer herkommt. (cb/abb)

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Mit einigen Minuten Verspätung taucht Jelena Isinbajewa zum Interview auf. Sie musste noch ihre Koffer packen. Wegen eines Sponsoringtermins ist sie zwei Tage in Lausanne. In einem Nobelhotel mit Blick auf den Genfersee erzählt sie unbeschwert und ruhig von ihrem letzten Jahr. Nach medaillenlosen Weltmeisterschaften in Berlin (2009) und Doha (Halle, 2010) beschloss die Weltrekordhalterin und vormalige Seriensiegerin zu pausieren. In ihrem Wohnort Monaco schottete sie sich ab. «Ich wusste, wenn ich wieder Interviews gebe, kommt auch der Druck», erklärt sie. In einem russisch gefärbten Englisch spricht sie viel und lange. Wenn sie ein Wort nicht findet, hilft sie sich mit Händen und Füssen oder greift auf ihre Muttersprache zurück. Die 13 Jahre Spitzensport sind nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Während des Gesprächs lockert die 29-Jährige immer wieder ihre Beine und Schultern. «Ich habe mich an die Schmerzen gewöhnt», sagt sie mit einem Lächeln.

Vor zwei Wochen sprang Isinbajewa in Heusden-Zolder (Be) zum ersten Mal seit einem Jahr wieder an einem Meeting im Freien. Der Wiedereinstieg erwies sich als schwierig. In Belgien war das Wetter miserabel, in Lignano (It) scheiterte sie darauf dreimal an der Anfangshöhe. Letzte Woche in Luzern verletzte sie sich beim Aufwärmen leicht am Handgelenk und konnte nicht antreten.

Morgen Freitag wird sie nun in Stockholm erstmals wieder an einem grossen Meeting springen. Gestern gab sie auch bekannt, dass sie bei «Weltklasse Zürich» am 8. September starten wird.

Jelena Isinbajewa, Sie verschwanden im letzten Jahr von der Bildfläche. Was war passiert?
Als ich in Berlin 2009 erstmals nicht Weltmeisterin wurde, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Das Adrenalin, die Nervosität fehlten. Ich fühlte mich wie in einem Training. Das war seltsam. Sonst freue ich mich immer auf die Wettkämpfe, auf alles, was rundherum geschieht. In Berlin war mir das alles egal.

Darauf sprangen Sie bei «Weltklasse Zürich» allerdings Weltrekord.
Ich dachte, das Schlimmste sei überstanden. Ich analysierte mein Verhalten, meine Form und glaubte, Berlin sei nur ein Aussetzer gewesen, ein Unfall. Aber an der Hallen-WM im darauffolgenden März fehlte mir plötzlich wieder jede Lust. Es war gar schlimmer als in Berlin. Ich fühlte mich leer, hatte keine Freude mehr. Ich fand es nur mühsam, dorthin zu gehen, mich aufzuwärmen, zu warten, bis ich endlich meinen Wettkampf beginnen kann. Da merkte ich – ich mag das alles nicht mehr.

Warum brauchten Sie eine Pause?
In den letzten zehn Jahre hatte ich auf höchstem Niveau trainiert. Seit ich 1998 mit dem Stabhochspringen begann, verpasste ich keine Saison – ob draussen oder in der Halle. Ich wusste darum, dass dieser Moment einmal kommen würde. Ich bin keine Maschine, und sogar Maschinen brauchen jedes Jahr eine Wartung, damit sie gut laufen (sie lacht). Also beschlossen ich und mein Coach, dass ich eine Pause verdient habe.

Wurden Sie zur Partygängerin?
Zumindest bin ich mit meinen Freunden ausgegangen, besuchte die Disco. Das Schöne war auch: Ich konnte essen, was ich wollte, musste mich an keine Diäten oder Zeitpläne halten und konnte alles tun, was ich während der Saison nicht darf. Die ersten drei Monate habe ich zudem nicht trainiert.

Dachten Sie nie daran, mit dem Stabhochspringen aufzuhören?

Tief in mir drin gab es diesen Gedanken. Nach drei Monaten merkte ich jedoch, dass das Leben sehr langweilig ist ohne Sport. Wenn ich Athleten sah, die vom Training kamen, wie sie müde, aber glücklich waren, wurde ich eifersüchtig. Da wusste ich: Ich bin noch nicht bereit zurückzutreten.

Begannen Sie nach den drei Monaten wieder zu trainieren wie davor?
Körperlich und psychisch hatte ich mich gut erholt, allerdings war ich noch nicht bereit, schon wieder Wettkämpfe zu bestreiten. Ich trainierte zweimal am Tag, wie ich das früher auch getan hatte, aber ich trat nicht bei Meetings an. Im letzten Herbst dann planten mein Coach und ich die Hallensaison. Ich war wieder bereit zu springen.

Zu Beginn des Jahres absolvierten Sie zwei gute Hallenmeetings. Trotzdem verliessen Sie Ihren Trainer Witali Petrow und kehrten zurück zu Ihrem langjährigen Coach Jewgeni Trowimow. Warum?
Ich verlor die erwähnten beiden Weltmeisterschaften, meine Leistungen waren nicht gut. Ich war danach viel verletzt. Ich hatte Probleme mit der Achillessehne, mit den Knie, dem Rücken, der Schulter . . . Kurz: Ich merkte, dass es nicht mehr funktionierte. Eine Veränderung musste her! Darum entschied ich mich, meinen Coach zu wechseln. Mit Trowimow habe ich schliesslich Olympiagold gewonnen, wurde Weltmeisterin, habe viele Weltrekorde aufgestellt.

Waren die Trainings unter Petrow zu hart?
Ich finde nicht, dass es falsch ist, was er tut. Zumal wir auch erfolgreich zusammenarbeiteten. Der Ansatz von Trowimow ist weicher, sein Training nicht so hart. Das ist besser für mich. Ich werde älter, und ich muss nicht mehr so intensiv trainieren wie als 20-Jährige. Ich muss mehr auf meinen Körper achten. Noch im letzten Jahr machte Petrow mit mir sehr viele, sehr harte Trainings. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich mich verletzte.

Spüren Sie das Alter?
Im Wettkampf merke ich nicht, dass ich älter werde. Aber im Training spüre ich natürlich, dass ich mehr Schmerzen habe.

Sind die Schmerzen also schlimmer geworden?
Sie sind zumindest immer da. Alle Profisportler haben diese Probleme. Auch Leute, die keinen Sport treiben, merken, dass sie älter werden. Wenn du eines Tages keine Schmerzen mehr spürst, bist du tot, sagt man. Darum bin ich glücklich, Schmerzen zu spüren (sie lacht). Hinzu kommt: Seit ich mit fünf Jahren als Kunstturnerin begann, sind Schmerzen Teil meines Lebens. Mein Körper hat sich an die Strapazen gewöhnt.

Haben Sie keine Angst, eine Sportinvalide zu werden?
Klar beschäftigt mich das Thema. Ich treffe immer wieder Sportler, die sich stets über ihre Verletzungen beschweren und davon reden, dass ihnen alles wehtut. Ich kann mich darüber beklagen, wenn ich alt bin. Niemand zwingt mich schliesslich, Sport zu treiben. Trotzdem: Auch wenn ich zurückgetreten bin, werde ich mich immer noch bewegen, Fitness, Yoga machen, vielleicht gehe ich schwimmen.

Aber Stabhochspringen werden Sie nicht mehr?
Nein! Kein Stabhochspringen mehr. Ich wünsche es auch meinen Kindern nicht.

Warum nicht?
Wenn es ein Mädchen ist, wird es sehr schwierig für sie sein, höher als ihre Mutter zu springen. Auch wenn sie mein Talent hätte. Sie würde immer mit mir verglichen werden, und das möchte ich ihr nicht zumuten. Zugleich ist Stabhochspringen ein sehr harter Sport. Meine Kinder können alles machen, solange sie keinen Stab in die Hände nehmen.

Sie haben in Ihrer Sportart alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Was bleibt als Motivation übrig?
Mein Ziel ist es, dass sich die Leute noch lange an mich erinnern. Ich möchte eine Legende werden, dass die Leute auf meine Zeit zurückschauen und sehen: Das war die Ära von Jelena Isinbajewa. Sie hat alles gewonnen und nie aufgegeben. Ich möchte alles erreichen, was noch möglich ist, und das auch wiederholen. Immer und immer wieder.

Ist Ihnen bewusst geworden, wie viel Ihnen Ihre Erfolge bedeuten?
Ja, ich schätze sie nun viel mehr. Früher habe ich meine Medaillen einfach in eine Schachtel gesteckt. Nun habe ich sie aufgestellt, damit ich sehen kann, was ich erreicht habe. Ich sehe meine Erfolge nun von einem anderen Gesichtspunkt aus. Jetzt weiss ich, was es braucht, um diese zu gewinnen. Vor meiner Pause habe ich alles gewonnen. Es war ziemlich einfach.

Einfach?
Stabhochspringen war für mich so normal wie essen. Ich war fleissig und habe trainiert, alles war im Fluss. Aber nach den Rückschlägen wurde mir bewusst, dass es doch etwas sehr Grosses ist, die Beste der Welt zu sein. Nun schätze ich jeden Wettkampf, auch wenn er noch so klein ist. Die wichtigste Sache ist für mich nun zu siegen. Davor gab es für mich nur den Weltrekord, Siege bedeuteten mir nicht wirklich viel. Ich werde bestimmt weiterhin versuchen, meinen Weltrekord zu verbessern. Aber er hat nicht mehr erste Priorität.

Was bleiben die Höhepunkte in den nächsten Jahren?
Die beiden Grossereignisse Olympische Spiele 2012 in London und die Weltmeisterschaften in Moskau 2013. Sie trugen massgeblich dazu bei, dass ich weitermache.

Russlands Ministerpräsident Putin soll Sie persönlich aufgefordert haben, bis Moskau 2013 zu springen.
Nein, das war natürlich nicht Putin selbst. Aber die Regierung unterstützt den Leichtathletik-Verband und das Organisationskomitee sehr. Es wird das erste Mal sein, dass Moskau die Leichtathletik-WM austrägt. Meine Aufgabe ist es nur zu springen. Für mich wird es ein idealer Moment sein, um zurückzutreten. Es ist mein Traum, da meine Karriere zu beenden.

Wird Ihnen danach nicht wieder langweilig?
Dann bin ich alt, zumindest sportlich gesehen. Für mich ist es wichtig, auf dem Höhepunkt zurückzutreten. Ich möchte nicht immer schlechter werden und dann aufhören, weil ich nicht mehr springen kann. Nach meinem besten Sprung soll Schluss sein.

Was kommt danach?
Ich hatte viel Zeit, über mein Leben nachzudenken. Mir wurde klar, dass ich die Welt des Sports nicht verlassen möchte. Das ist es, was ich mein ganzes Leben gemacht habe. Ich möchte meine Erfahrungen mit der nächsten Generation teilen können, gerne jüngeren Athleten helfen. Davor dachte ich, wenn ich zurückgetreten bin, werde ich nie mehr ins Stadion gehen, dass ein neuer Abschnitt in meinem Leben beginnt, eine neue, weisse Seite. Aber das wird wohl nicht so sein.

Werden Sie folglich Trainerin?
Nein! Ich wäre eine sehr schlechte Trainerin. Ich habe keine Geduld. Wenn ich Coach wäre, müsste ich einen jungen Athleten lange intensiv begleiten und hoffen, dass er sich durchsetzt. Aber vielleicht schafft er das nie. Wobei das Risiko ohnehin klein ist: Es passiert selten, dass gute Athleten auch gute Coaches werden. Ich kenne kein Beispiel.

Also würde Ihnen weiterhin viel Freizeit bleiben. Sie leben in Monaco, wie gut ist eigentlich Ihr Französisch?
Mein Französisch? (lacht) Je parle un petit peu. Ich habe Mühe mit Französisch, Italienisch war leichter (Isinbajewa lebte und trainierte immer wieder in Italien). Ich verstehe, wenn sich zwei Leute auf Französisch unterhalten, aber ich kann nicht mitreden. Ich bin noch eine «étudiante». Während meiner Pause habe ich einen einmonatigen Sprachkurs gemacht. Die Zahlen aber bleiben das Schwierigste, das war wie Mathematik für mich. Für mich ist es einfacher, hoch zu springen als Französisch zu lernen. Ich werde das allerdings schon noch schaffen, wenn ich mehr Zeit habe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2011, 06:38 Uhr

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3 Kommentare

Dani Kern

28.07.2011, 10:47 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Eine der sympatischsten und hübschesten Athletin, die die Welt je gesehen hat. Antworten


Gaby Hübscher

28.07.2011, 09:38 Uhr
Melden

Das Leben ist langweilig ohne Sport? Nun, für mich klingt dies eher nach Armutszeugnis, wenn der Sport zentral im Leben ist. Schliesslich besteht das Leben aus wesendlich mehr als Sport! Antworten



Programm & Resultate

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Roland Garros
27.05EndeCipolla - Wawrinka3:6 3:6 6:4 6:3 2:6
Stand: 27.05.2012 16:09
GP Monaco 2012 - Rennen
1:46:06.5571 Mark Webber
+0.6002 Nico Rosberg
+0.9003 Fernando Alonso
Stand: 28.05.2012 20:16
Keine Daten vorhanden
Playoff
EndeAarau - Sion1:0
Stand: 28.05.2012 18:12
Roland Garros WTA
28.05EndeRadwanska - Jovanovski6:1 6:0
Roland Garros
28.05EndeFederer - Kamke6:2 7:5 6:3
28.05EndeDjokovic - Starace7:6 6:3 6:1
Stand: 28.05.2012 19:55
Keine Daten vorhanden
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Freundschaftsspiel
20:45Italien - Luxemburg
Stand: 13.04.2012 13:49
Roland Garros WTA
29.0511:00Radwanska - V. Williams
29.0512:15Cadantu - Scharapowa
Roland Garros
29.0514:15Bolelli - Nadal
Stand: 28.05.2012 19:55
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