Bolt war zu schnell
Von Von Christian Brüngger. Aktualisiert am 29.08.2011 3 Kommentare
Das 100-Meter-Finale der Männer
Fehlstarts: Die neue Regel und Bolts Vorgänger
Bei Starts an Leichtathletik-Wettkämpfen gilt die Nulltoleranz-Regel: Wer vor dem Schuss losrennt, ja nur schon zuckt, wird ausgeschlossen. Ausgenommen sind die Mehrkämpfer. Bei ihnen wird erst der zweite Frühstarter disqualifiziert. Der Weltverband änderte das Startprozedere mehrmals, zuletzt im Januar 2010, um die Abläufe für das Fernsehen zu straffen. Von 2003 bis 2009 war ein Fehlstart pro Serie erlaubt. Egal welcher zweite Athlet danach zu früh aus dem Block schoss, er wurde mit einer Roten Karte belegt.
Weil an der WM vor zwei Jahren diese Regel noch galt, kam Usain Bolt bei seinem Fehlstart im 100-m-Halbfinal glimpflich davon. Anders war dies 2003 bei Jon Drummond im 100-m-Viertelfinal an der WM in Paris. Der Amerikaner galt als bester Starter, stiess sich – nach einem ersten Fehlstart eines anderen Athleten – aber zu früh aus dem Block und hätte die Anlage verlassen müssen. Weil der StaffelOlympiasieger das Verdikt nicht akzeptieren wollte, legte er sich rücklings auf die Bahn und blockierte die Fortführung des Wettkampfs mehrere Minuten. In der gleichen Serie musste auch Asafa Powell abtreten, weil er wie Drummond unter der erlaubten Reaktionszeit von 0,1 Sekunden geblieben war.
Debakulös endete für den britischen Titelverteidiger Linford Christie der 100-m-Olympiafinal von 1996. Zu dieser Zeit durfte jeder Athlet einen Fehlstart begehen – Christie aber schaffte sogar zwei. Noch ungeschickter agierte an den Sommerspielen von 1988 Zehnkämpfer Jürgen Hingsen. Der deutsche Ex-Weltrekordhalter war Hauptrivale von Daley Thompson, lag an Titelkämpfen aber meist hinter dem Briten. In Seoul hätte Hingsen zum Auftakt des Wettkampfs über 100 m zwei Fehlstarts produzieren dürfen, seine Nervosität trieb ihn gar zu einem dritten – aus war der Traum vom Olympiagold.
Stichworte
Die Medaillengewinner
Männer
100 Meter
1. Blake (Jam)
2. Dix (USA)
3. Collins (Saint Kitts and Nevis)
10'000 Meter
1. Jeilan (Äth)
2. Farah (Gb)
3. Merga (Äth)
Zehnkampf
1. Hardee (USA)
2. Eaton (USA)
3. Suarez (Kuba)
20 km Gehen
1. Bortschin (Rus)
2. Kanajkin (Rus)
3. Lopez (Kol)
Frauen
Marathon
1. Kiplagat (Ken)
2. Jeptoo (Ken)
3. Cherop (Ken)
10'000 Meter
1. Cherulyot (Ken)
2. Kipyego (Ken)
3. Masai (Ken)
Weitsprung
1. Reese (USA)
2. Kutscherenko (Rus)
3. Radevica (Lett)
Diskus
1. Li (China)
2. Müller (De)
3. Barrios (Kuba)
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Der schnellste Mann der Welt hämmerte mit seinen Fäusten gegen die Wand. Dann lächelte er ungläubig, als hätte sein Reich nicht einmal in seinen Träumen einstürzen können. Innert eines Augenblicks aber zerstob es, als ihm einer der Kampfrichter im 100-m-Final die Rote Karte als Zeichen der Disqualifikation entgegenstreckte.
Der Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordhalter hatte sich wie ein nervöser Novize vor dem Startschuss aus seinem Block gestemmt. Weil das gegen die Regeln verstösst, wurde Bolt ausgeschlossen. Er wusste um seine Misere noch während des ersten Schritts, riss sich sein Leibchen vom Körper und brüllte seinen Frust in den schwülen Nachthimmel der Millionenstadt Daegu hinaus.
Er, der seit seinem rasanten Aufstieg vor drei Jahren mit seinen Konkurrenten meist Katz und Maus spielte und vor dem Start scheinbar locker seine gewohnten Faxen produzierte, brachte sich selber zu Fall. Das Stadion verliess er via Hinterausgang. Die vielen Journalisten, welche im Bauch der Arena auf ihn warteten, suchten die unübersehbare Gestalt des Jamaikaners vergebens. Einzig sein Manager Ricky Simms hetzte mit dem Handy in der Hand an den Medienvertretern vorbei. Diese eilten ihm in einem langen Zug wie magisch angezogen hinterher. Als ihn die Ersten gestellt, umringt und mit Fragen eingedeckt hatten, konnte der ansonsten so eloquente Ire nur wenig Erhellendes zur Erklärung des Göttersturzes beitragen.
Das Schweigen des Stars
Was hätte er in der grössten Niederlage seines Schützlings auch sagen sollen? Zumal dieser in Vorlauf und Halbfinal einen derart exzellenten Eindruck hinterlassen hatte, dass die Zweifel über seinen Formstand nach ausschliesslich mittelmässigen Rennen an den Meetings komplett zerstreut waren. «Usain bleibt die überragende Figur», sagte sein Manager Simms noch, als er vom Pressekoordinator des Weltverbandes IAAF begleitet in einem Golfwagen das Stadion verliess. Damit bleibt der Erklärungsbedarf im Bolt-Lager gross. Der Star dieser 13. Weltmeisterschaften, dem mit den 200 Metern und der Staffel noch zwei Titelchancen bleiben, bedingt sich eine Pause aus, ehe er über seine Gefühlslage sprechen will.
Der unerwartete und unrühmliche Abgang des Hauptfavoriten überschattete den Ausgang des Rennens. Dass sein Landsmann Yohan Blake bei starkem Gegenwind von 1,4 m/s in schnellen 9,92 Sekunden vor dem Amerikaner Walter Dix (10,08) und Kim Collins aus Saint Kitts and Nevis (10,09) gewann, interessierte eher am Rande.
Im Moment seines grössten Triumphes musste der knapp 22-jährige Blake, der damit der jüngste 100-m-Weltmeister der Geschichte ist, mehr über seinen prominenten Trainingspartner als sich selber sprechen – was ihn verständlicherweise irritierte. Zumal einige Journalisten fanden, seinem Sieg hafte der Makel des Zufallsgewinners an. Das ist falsch. Blake lief in dieser Saison konstant auf hohem Niveau und nur wegen zahlreicher Wettkämpfe mit viel Gegenwind nie eine Zeit, die einen staunen liess.
Der Sieger war «schockiert»
Dass ausgerechnet Bolt der fatale Fehler unterlief, wollte Blake ebenso wie Dix und Collins erst gar nicht glauben. Collins, der vor acht Jahren 100-m-Weltmeister wurde und sich nun mit 35 Jahren ältester 100-m-Medaillengewinner nennen darf, sagte: «Ich dachte erst, mit der Technik habe irgendetwas nicht gestimmt.» Blake sprach davon, vom Ausfall seines Kumpels «schockiert gewesen zu sein», ehe er sich gesagt habe: «Jetzt musst du die Lücke für dein Land füllen.»
Das klingt erst einmal nur pathetisch und hat doch seinen Sinn: Jamaika prägt den Sprint seit mehreren Jahren. Dank Blake, der 2009 positiv auf ein Stimulans getestet worden war, dies auf verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel zurückführte und mit einer Sperre von drei Monaten glimpflich davonkam, war die Karibikinsel ihrem härtesten Widersacher USA einmal mehr voraus.
Der Prestigeerfolg im Nationenduell wird Bolt kaum über sein Missgeschick hinwegtrösten. Wer wie er eine Legende über den Sport hinaus werden will, benötigt spektakuläre Triumphe. Ein Fehlstart beim wichtigsten Rennen des Jahres gehört da bestimmt nicht dazu, macht den Fixstern der Leichtathletik allerdings menschlich. Das ist keineswegs nur für seine Konkurrenten eine durchaus erfreuliche Botschaft.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.08.2011, 21:21 Uhr
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3 Kommentare
Zufall oder nicht, das es zum Fehlstart kam? Werden Athleten die disqualifiziert werden auch zur Dopingprobe gebeten? Das mit "unerklärlichen" Fehlstarts von Favoriten hat es meiner Erinnerung nach auch schon gegeben. Oder gabs vielleicht sogar "Absprachen" unter den Beteiligten in solchen Situationen? Antworten
Was ist ein neuer Rekord schon wert, wenn dadurch der gut gebaute Athlet nicht in den Nachrichten gezeigt wird. Was für ein Zufall, er zieht das Shirt aus und alle bewundern den Körper. Als klarer Favorit muss man sich nichts mehr beweisen. Von Luft und Liebe lebt niemand. Die Werbung bringt viel mehr Geld. (Meine Meinung ;-) Antworten

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