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«Blutpass von Contador ist chaotisch»

Von Christian Brüngger. Aktualisiert am 07.10.2010 1 Kommentar

Dopingexperte Martial Saugy sagt, dass Sportler auch Mittel verwenden, welche die Fahnder für unnütz halten.

Kämpft gegen Dopingkonsum: Martial Saugy, Leiter des Anti-Doping Labors in Lausanne.

Kämpft gegen Dopingkonsum: Martial Saugy, Leiter des Anti-Doping Labors in Lausanne.
Bild: Keystone

In einem tristen Betonblock an der Peripherie von Lausanne ist eines der weltweit führenden Anti-Doping-Labors untergebracht. Es wird von vielen Sportverbänden mit Aufträgen versorgt – auch fast alle Proben in der jüngsten Affäre um Alberto Contador wurden hier untersucht. Dem Labor steht Martial Saugy vor, ein promovierter Biochemiker und einer der bestvernetzten Anti-Doping-Experten. Er beantwortet Schlüsselfragen zu diesem Fall und zum grundsätzlichen Stand der Dopingbekämpfung.

Contador und Clenbuterol: «Zweifelhafter Nutzen»

«Ob Contador gedopt hat, ist sehr schwierig zu beantworten. Darum gehen der internationale Rad-Verband UCI und die Welt-Antidoping-Behörde Wada seit mehreren Wochen verschiedenen Hypothesen nach. Klar ist: Der Fall ist speziell. Das liegt schon an der Substanz Clenbuterol, die nachgewiesen wurde. Es ist ein seit langem bekanntes Dopingmittel mit anaboler Wirkung. Die AntiDoping-Welt hat bislang nicht damit gerechnet, dass es während eines Events von der Dauer der Tour de France verwendet werden könnte. Denn es gibt keine wissenschaftlichen Daten, die belegen, dass Clenbuterol während eines Mehrtageswettkampfs leistungsfördernd wirken könnte. Und doch: Manchmal wissen die Betrüger mehr als wir Anti-Doping-Kämpfer und verwenden Mittel, die wir für unnütz halten. Also geht es darum, herauszufinden, ob Clenbuterol im Wettkampf von Vorteil sein kann.»

Contador und das Fleisch: «Betrug nicht nur im Sport»

«Die zweite Hypothese vertritt Contador selber: Er habe kontaminiertes Fleisch zu sich genommen. Es ist für ihn insofern die sicherste Argumentation, als Fleisch natürlich verseucht sein kann, obschon die Verwendung von Clenbuterol in der EU verboten ist. Aber es wird nicht nur im Sport betrogen. Also muss man diesen Ansatz ebenso gewissenhaft abklären. Problematisch ist dabei, dass Contador inzwischen dem Vernehmen nach von seiner Version abweicht. Es soll nun französisches Fleisch gewesen sein (statt ein ganz bestimmtes spanisches), der Ursprung des Fleisches könnte also schwieriger zu verfolgen sein als gedacht.»

Contador und Eigenblut: «Kein klares Fazit»

«Die dritte Hypothese: Contador habe sich mit Eigenblut gedopt, das er sich nehmen liess, als er Clenbuterol verwendete. Ich halte diese Hypothese für genauso wahrscheinlich wie die Fleischerklärung. Darum muss auch sie verfolgt werden. Hilfreich ist dabei sein Blutpass. Er ist, sagen wir, chaotisch. Nur: Bei vielen Topathleten variiert das Profil aufgrund vieler Faktoren. Es gibt also keine klare Schlussfolgerung, und man kann ihm somit auch keine Manipulation mit Eigenblut nachweisen. In den letzten Tagen war oft von Weichmachern in Contadors Probe zu lesen und hören, die ein Hinweis auf einen Blutbeutel und damit einer Eigenbluttransfusion seien. Nur: Ob die Weichmacher von einem Blutbeutel stammen oder einfach Rückstände sind, wie wir sie von Verpackungen alle in unserem Blut aufweisen, kann die Wissenschaft noch nicht definitiv beantworten. Bei allen Auffälligkeiten, die es in Contadors Fall gibt, bleibt das Hauptproblem: Sie sind nicht in ein stimmiges Gesamtbild zu bringen.»

Expertenstreit: «Es braucht ein unabhängiges Gremium»

«Dass der Rad-Verband Contador offenbar gleich selber einen Experten für die Verteidigung empfahl, ist überraschend. Das Vorgehen offenbart das Problem, wie mit einer solchen Situation umzugehen sei. Denn die Mitarbeiter Wadaakkreditierter Anti-Doping-Labors können Athleten in einem laufenden Verfahren nicht als Experten beistehen. Mein Vorschlag ist darum, ein unabhängiges Panel von Experten zu gründen, auf das Athleten und Sportverbände in Fällen wie diesem zurückgreifen können. Nehmen wir Contadors Experten Douwe de Boer als Beispiel, den ich seit vielen Jahren kenne. Er stand während der Fussball-EM 2004 in Portugal dem Labor in Lissabon vor. De Boer ist also ein Insider, der von Athleten dafür bezahlt wird, ihren Fall zu gewinnen. Er kennt dank seiner Vergangenheit die Schwachstellen im Prozess genaustens und weiss nach diversen Gerichtsfällen, wie er argumentieren und allenfalls Nebensächlichkeiten aufblasen muss, um Wirkung zu erzielen. Diese Situation finde ich problematisch, da die Spielregeln unklar sind oder sich ins Groteske verzerren.»

Rad-Weltverband: «Die Annahme ist falsch»

«Von Beginn an diskutierte die UCI das Problem mit der Wada, gerade auch, um klarzumachen, dass sie nichts verdecken wolle. Die Annahme, die UCI verberge irgendetwas, ist falsch. Man muss eines sehen: Im Fall von Contador handelt es sich bislang nicht um einen positiven Fall, sondern erst um ein von der Norm abweichendes Ergebnis. Die B-Probe wurde Anfang September geöffnet. Und weil der Fall so komplex ist, informierte die UCI nicht sofort – das Vorgehen diskutierte sie mit der Wada.»

Dopingbekämpfung: «Wir kennen die Antworten nicht»

«Im Vergleich zu 2009 sind die positiven Fälle leicht zurückgegangen; damals konnten dank der Einführung des Blutpasses im Radsport mehrere Fahrer überführt werden. Bei den Anti-DopingLabors fragt man sich nun: Wirkt der Blutpass auch in diesem Jahr noch abschreckend, oder dopen die Athleten mit Mitteln und verwenden Methoden, die wir nicht kennen? Natürlich glauben wir, cleverer als die Betrüger zu sein. Aber wir kennen die Antwort auf unsere Frage nicht. Möglich ist etwa, dass Radfahrer gelernt haben, wie sie dopen müssen, ohne dass wir Rückschlüsse aus ihren Blutdaten gewinnen können. Zudem ist Eigenblutdoping als Methode noch immer nicht nachweisbar, bei Kleinstmengen – beispielsweise an Epo – sind Nachweise mitunter schwierig. Gleiches gilt für Wachstumshormone oder Insulin. Athleten mit betrügerischem Potenzial hatten zudem mehrere Jahre Zeit, mit diesen Mitteln zu arbeiten und Dosierungen so zu optimieren, dass sie ihnen nützen, in Kontrollen aber unauffindbar bleiben, weil die Fortschritte im Aufspüren nicht gleich gross waren. Ich glaube aber nicht, dass Gendoping schon angewandt wird. Es bräuchte dafür ein enormes Wissen.»

Zukunft: «Bei Risikosportarten genauer hinschauen»

«Verbände und Anti-Doping-Kämpfer müssen ihre Kräfte auf die wesentlichen Probleme fokussieren. Das bedingt eine Abkehr der Philosophie, möglichst breit zu kontrollieren. Seit 1999 versucht die Wada, die Dopingbekämpfung weltweit zu harmonisieren. Das war damals richtig. Aber jetzt muss der Kampf spezifischer geführt und entsprechend kommuniziert werden. Ein Beispiel: Wir wissen, dass Eigenblutdoping bei Ausdauersportarten viel bringt. Also müssen wir unsere Anstrengungen bündeln und uns fragen, ob wir bei den Risikosportarten nicht noch genauer hinschauen – im Wissen, andere Sportarten zu vernachlässigen.

Positiv oder negativ: «Die Wahrnehmung stimmt nicht»

«Positive Fälle führen oft zu einem Imageund darum Kommunikationsproblem, weil sich Verbände fragen: Ist eine Dopingnachricht für den eigenen Sport gut oder schlecht? Stützen uns die Sponsoren noch, wenn wir Fälle publik machen? Insofern stimmt die Richtung nicht, weil ein Dopingfall in der Öffentlichkeit noch immer primär als Negativmeldung aufgenommen wird. Für die Glaubwürdigkeit des Sports, eine dopingfreie Jugendarbeit oder die vielen Athleten, die nicht betrügen, sind solche Signale aber ebenso wichtig wie für die Gesellschaft. So sieht sie: Der Sport versucht, das Dopingproblem so konsequent und ehrlich wie möglich anzugehen.»

Verbände: «Der Radsport tut am meisten»

«Der internationale Radsportverband unternimmt die grössten Anstrengungen im Dopingkampf, weil er auch muss, um seine Glaubwürdigkeit zu retten. Aber er sieht sich mit Betrügern konfrontiert, die eine immense Erfahrung aufweisen und sich an Veränderungen anzupassen wissen. Auch der internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) ist relativ weit, führt seit 2001 Blutdaten und will bald einen Blutpass einführen. Im Gegensatz zur UCI aber muss die IAAF Kulturen aus fünf Kontinenten im Anti-Doping-Kampf zusammenbringen und garantieren, dass die Standards in Afrika, Südamerika oder Europa überall unanfechtbar sind.»

Länder: «Jamaika ist keine Insel der Seligen»

«In der Leichtathletik wird oft nach Jamaika geschaut – wegen der starken Sprintleistungen und zuletzt mehreren positiven Fällen. Zu glauben, es handle sich um eine Insel der Seligen ist falsch, zumal die geografische Distanz zu den USA und dem Dopingwissen dort in bestimmten Kreisen nicht gross ist. Die IAAF testet gezielt auf Jamaika und war in den letzten Jahren mehrmals erfolgreich. Was trotzdem auf die IAAF zurückschlägt: Sie kommuniziert positive Fälle oft nicht proaktiv. Das zweite Problemland ist Russland. Die Situation wird mit der Leichtathletik-WM 2013 und den Winterspielen 2014 nicht einfacher, da der Einfluss der Politik immens ist. Anti-Doping-Anliegen können beim russischen Staat nur von den obersten Anti-Doping-Repräsentanten oder dem IOK vorgebracht werden. Sonst bleiben sie ungehört. Positiv ist, dass Kontrolleure Tests mittlerweile aus dem Land bringen dürfen. Denn man muss eines sehen: International ist der Anti-DopingKampf nur glaubwürdig, wenn auch Länder wie Russland vollumfänglich Teil der weltweiten Anstrengung sind.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2010, 14:52 Uhr

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1 Kommentar

Jakob Harzenmoser

07.10.2010, 20:13 Uhr
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M. Saugy macht einen sehr guten Eindruck auf mich. Endlich einmal ein Experte, der die Unsicherheiten (z. B. Weichmacher) mutig anspricht und nicht so tut, als wäre alles klar wie eine Verkehrsampel: Rot oder grün. Diese vorsichtige Argumentationsweise wirkt vertrauensbildend. Sehr interessanter Artikel. Antworten



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