Wo die Gäste Gold essen

Roger Federers erster Besuch am Champions Dinner seit fünf Jahren endet ohne Tanz, dafür mit einem Festmahl in falscher Reihenfolge.

Der Star des Abends: Roger Federers achter Auftritt am Champions Dinner. Foto: Jon Buckle (AELTC, Getty Images)

Der Star des Abends: Roger Federers achter Auftritt am Champions Dinner. Foto: Jon Buckle (AELTC, Getty Images)

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Getanzt wird am Champions Dinner, dem prestigeträchtigsten Galaabend des Tennisjahres, seit den frühen 80er-Jahren nicht mehr. Weil aber ­Novak Djokovic 2015 die Tradition mit ­Serena Williams spontan zum Bee-Gees-Hit «Night Fever» neu aufleben liess und weil die Siegerin Garbiñe ­Muguruza verkündete, sie sei gespannt, ob Roger ­Federer auch so elegant tanze, wie er Tennis spiele, sind alle im Saal ­gespannt: Ob es nicht doch noch dazu kommt? ­Natürlich erscheint die männliche Hauptperson auch bei ihrer 8. Teilnahme verspätet zur traditionellen Abschlussfeier. Empfangen werden die Gäste nicht mit einem ­roten, sondern einem violetten Teppich, einer typischen Wimbledon-Farbe.

Es ist 22.58 Uhr, als der erste acht­fache Wimbledon-Sieger im grossen Ballsaal der Guildhall im Scheinwerferlicht auftaucht. Er durchschreitet ihn zu «Hurts» von Emeli Sandé, mitsamt dem Challenge Cup, dem Goldpokal, von dem er nur eine um ein Viertel kleinere Replik mitnehmen darf; seine ersten sechs ­waren noch kleiner. Der Protokollchef bittet die Gäste, sitzen zu bleiben.

Handverlesene Gäste

Das seit 1935 stattfindende Champions Dinner stieg bei Federers ersten fünf ­Titeln im Hotel Savoy, beim sechsten und siebten im Hotel Intercontinental. Die ­Atmosphäre in der Guildhall in der Innenstadt, die zum dritten Mal die Ehre hat und während Jahrhunderten das Rathaus Londons beheimatete, ist imposanter; der hohe Raum erinnert an eine Kathe­drale. Als Federer kommt, liegt der Matchball schon sieben Stunden zurück. Die Canapés, die in der alten Bibliothek zum Apéro serviert wurden, sind ebenso schon gegessen worden wie die zwei ­ersten Gänge – «Carta di ­Musica» mit geräucherter ­Peperoni, ­Petersilie und Miso- Butter ­sowie Here­ford-Rindfleisch mit Petersilie, Senf und dunklem Brot. Den Hauptgang – Heilbutt mit Spargeln, Wildpilze, Erbsen und Knoblauchsauce – bekommt Federer gerade noch mit. Die Vorspeisen werden nachgereicht, mit dem Nachtisch: dunkle Schokoladenmousse, essbares Gold, Pralinés, gesalzenes Caramel, Himbeeren.

Der Grund seiner Verspätung sind die medialen Verpflichtungen, die zweieinhalb Stunden dauerten – länger als das Endspiel. Federer teilt den Tisch mit seiner Frau, den Eltern, den Coachs, dem Physiotherapeuten, Manager Tony Godsick mit Familie sowie Tommy Haas, ­seinem einzigen Bezwinger in dieser ­Rasensaison. Mit dabei ist auch Reto Staub­­li, ein langjähriger Freund. Alle Gäste hier brauchen eine spezielle Einladung. Was die Medien betrifft, darf nur eine Person die Siegernation vertreten. Diese Ehre fällt diesmal dem TA zu.

Komplimente für das Ehepaar

Zum Tanz kommt es nicht. «Das war gar nie ein Thema», sagt Federer. Es sei nicht einmal darüber gesprochen worden. Und überhaupt: «Wenn du auf der Bühne stehst ohne Musik, ist es schwierig, in Tanzstimmung zu kommen.» Muguruza bezaubert die Audienz derweil mit Anmut und Bescheidenheit in ihren Aussagen. Von Federer erhält sie zwar keinen Tanz, dafür, genau wie seine Frau Mirka, schöne Komplimente. «Wunderbar» habe die Spanierin aus­gesehen, wird er später sagen. Auf der Bühne lobt er sie für ihren Sieg über ­Venus Williams: «Es war eine erstaunliche Leistung. Falls du nervös warst, hat man es nicht gesehen.» Teil von Wimbledons Geschichte zu sein, sei speziell, das werde sie in den kommenden ­Monaten noch oft erleben.

Federer wird mit einer Collage mit Bildern seiner acht Wimbledon-Titel ­beschenkt. Und einmal mehr zum Interview gebeten – nun vom früheren britischen Profi Mark Petchey, für die ehrenwerten Gäste. Als Twitter-Bilder eingespielt werden, die ihn 2016 in den Bergen am Wandern zeigen, lanciert Federer spontan einen Werbespot: «Wer nicht weiss, was er in den nächsten Wochen und ­Monaten tun soll – dies ist der Ort. Die Schweiz im Sommer ist herrlich und gibt dir Energie für ein ganzes Jahr.»

Der Zwiespalt der Eltern

Die Stimmung an Federers Tisch ist feierlich, doch nicht überschwänglich. Mutter ­Lynette bedauert, dass sich die neue ­Generation um Spieler wie Thiem und Zverev noch nicht stärker bemerkbar macht. Auch Vater Robert hätte lieber einen packenderen Final erlebt. «Für mich war es trotzdem nervenaufreibend», gibt er zu. Toll sei er aber schon, dieser 19. Grand-Slam-Titel.

«Kürzlich war ich im Appenzellerland, wo meine Mutter aufwuchs, in einem Haus mit der Nummer 19. Da sagte Tony Godsick, der auch dabei war: Das ist die Zahl!» Der Grand-Slam-Rekord soll noch lange Federers bleiben. Vater Robert weiss, wie das klappen soll. Einerseits dank Roger selbst: «Mit jedem weiteren Titel, den er noch holt, macht er es für Nadal und Djokovic noch schwieriger.» Andererseits sollen die beiden Verfolger weitere starke Gegner erhalten. Darum hofft nicht nur Lynette, sondern auch Vater Federer, dass die Jungen den Durchbruch bald schaffen.

Ivan Ljubicic wirkt etwas erschöpft. Nachdem der Kroate 2016 zum Auftakt seines Coachings ein miserables Fede­rer-Jahr erlebt hat, feiert er nun seinen zweiten Major-Titel innerhalb von sechs Monaten. «Emotionell war der Sieg in Australien bewegender – weil er so ­unerwartet kam», sagt er.

Dann löst sich die Gesellschaft rasch auf. Es ist schon Montag, viele müssen bald wieder aufstehen. Für Federer hat das Feiern aber erst begonnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 22:52 Uhr

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