«In der Schweiz lernte ich vertrauen»
Von Adrian Ruch, Paris. Aktualisiert am 26.05.2010
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Glamourgirl
Ana Ivanovic wurde 2008 nach dem Titelgewinn in Paris die Nummer 1 der Welt. In der Folge geriet sie, ausgelöst durch gesundheitliche Probleme, in eine Abwärtsspirale. Bis auf Rang 58 fiel sie in der Weltrangliste zurück. Derzeit ist sie die Nummer 42, wobei es mit der 22-Jährigen aufwärtsgeht, seit sie vom Schweizer Heinz Günthardt trainiert wird. Die sympathische Serbin gehört zu den Glamourgirls der Tennisszene; sie ist von verschiedenen Presseerzeugnissen sowie Internetseiten zur attraktivsten Spielerin gewählt worden und taucht immer wieder auf Titelseiten von Modemagazinen auf. Ivanovic ist mit dem australischen Golfer Adam Scott, derzeit die Nummer 36 der Welt, liiert.
Stimmt es, dass Sie meistens ein Lied im Kopf haben, wenn Sie auf den Platz gehen?
Ana Ivanovic: Ja, das hilft mir, mich zu entspannen, zu konzentrieren und vom Druck zu befreien.
Welcher Song begleitete Sie vor zwei Jahren auf dem Weg zum French-Open-Titel?
Ich hörte damals sehr gerne Musik von Pink und hatte gleich drei Lieder im Kopf: «Cuz I Can» (Weil ich kann/die Redaktion), «Leave Me Alone» (Lass mich allein) und «You And Your Hand» (Du und deine Hand).
Und welches Lied half Ihnen während Ihrer Erstrundenpartie gegen Kai-Chen Chang?
Diesmal hatte es in meinem Kopf keinen Platz für einen Song – er war aufgrund der Rückkehr nach Paris voll von positiven Emotionen (lacht).
2008 holten Sie hier Ihren bis dato einzigen Grand-Slam-Titel und wurden zur Nummer 1. Kommt es Ihnen vor, als wäre das erst gestern geschehen?
Nein, das scheint mir eine Ewigkeit her zu sein. Inzwischen ist sehr viel passiert. Aber ich möchte diese Erinnerungen durch ein gutes Resultat wieder auffrischen (lacht).
Sie litten an Verletzungen, verloren viele Spiele und fielen in der Weltrangliste weit zurück. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Es war eine Phase mit Tränen, Zweifeln und Ängsten. Ich kann Ihnen versichern, dass es nicht lustig ist, wenn man sich nicht gut fühlt und nicht an sich glaubt. Ich verlor viele Matches nur, weil ich mir nicht zutraute, sie zu gewinnen. Immerhin hatte ich tolle Menschen um mich, die an mich glaubten, als ich es selber nicht mehr tat.
Trotz Problemen und Niederlagen hatten Sie zumindest in der Öffentlichkeit meistens ein Lachen im Gesicht...
Es war eine harte Zeit, aber ich darf nie vergessen, welch gutes Leben ich führe. Denn ich kann mit meiner Lieblingsbeschäftigung Geld verdienen und werde von den Familienmitgliedern und Freunden geliebt – auch wenn ich verloren habe.
Sie sind bei den Tennisanhängern rund um den Globus sehr beliebt. Was bedeutet Ihnen diese Wertschätzung?
Ich freue mich sehr darüber und schöpfe aus der Unterstützung viel Energie. Echte Fans stehen zu dir – egal, ob du die Nummer 1, die Nummer 51 oder die Nummer 101 bist.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Heinz Günthardt?
Ich fühlte mich etwas verloren und spürte, dass ich statt Ratschlägen von vielen Leuten einen einzigen Coach brauchte, der die Richtung vorgibt. Heinz war meine erste Wahl. Ich bin froh, sagte er sofort zu.
Was haben Sie von ihm bis jetzt gelernt?
Er hat mir gesagt, ich soll den Schläger freier, natürlicher schwingen. Das ist eine technische Änderung, aber auch eine Frage der Denkweise. Wir arbeiten auch am Aufschlag. Es gibt noch viel zu tun, aber dank seiner Hilfe konnte ich mein Spiel schon auf ein höheres Niveau heben.
Ist es ein Problem, dass Günthardt für das Schweizer Fernsehen kommentiert?
Das klappt schon. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg (lacht). Wir hoffen einfach, dass meine Spiele und jene Roger Federers nicht gleichzeitig stattfinden.
Sie leben in Basel und haben einen Schweizer Trainer. Können Sie Ihr Verhältnis zur Schweiz näher beschreiben?
Es ist eine spezielle Beziehung. Mein erstes Management war in Lausanne stationiert. Ich ging mit zwölf Jahren erstmals in die Schweiz und trainierte danach immer wieder dort. Und auch mein jetziger Manager, Dan Holzmann, ist Schweizer. Dann trainierte ich unter der Leitung Zoltan Kuharszkys, der in der Schweiz lebte. Irgendwie führen meine Wege immer in die Schweiz. Ich fühle mich in der Schweiz sehr wohl und kann mich bestens entspannen. Die Leute erkennen mich zwar, aber sie sind nicht verrückt und lassen mir meine Privatsphäre.
Ist dies der Hauptgrund dafür, dass Sie in der Schweiz leben?
Es ist neben der besseren Infrastruktur der zweite wichtige Grund. In Serbien ist es für mich schwierig, mich frei zu bewegen. Die Leute sind zwar sehr offen und freundlich, aber weil sie mich erkennen, glauben sie, ein Recht darauf zu haben, mit mir zu sprechen, mir nahe zu kommen. Daher gibt es oft eine Menschenansammlung. Und fahre ich Auto, überholen mich die Leute und hupen. Beliebt zu sein, ist zwar schön, aber auch stressig. Oft möchte ich nur einen ruhigen Tag mit Freunden verbringen.
Wo gefällt es Ihnen in der Schweiz besonders?
Obwohl ich in Basel wohne, mag ich Zürich sehr. Das hätte ich wohl wegen der Rivalität nicht sagen dürfen
Keine Sorge, ich bin aus Bern.
Gut (lacht). Auch das Gebiet am Genfersee ist wunderschön, und natürlich die Bergwelt. Ich war zum Beispiel in Gstaad. Leider darf ich wegen meines Vertrags nicht mehr Ski fahren. Aber nach meiner Karriere werde ich das nachholen – in den Schweizer Bergen.
Als Kind mussten Sie in Belgrad wegen des Kriegs frühmorgens in einem leeren Schwimmbecken trainieren. Wie erlebten Sie Ihren ersten Besuch in der Schweiz?
Es war ein Schock. In Serbien herrschte keine Ordnung, niemand hielt sich an Regeln. In der Schweiz hingegen war alles organisiert, es gab einen festen Trainingsplan. Wenn dir jemand etwas versprach, tat er es auch. In der Schweiz lernte ich, den Menschen zu vertrauen.
Sie haben seit 2008 kein Turnier gewonnen. Ihr Freund, der australische Golfprofi Adam Scott, beendete kürzlich eine längere Durststrecke. Gibt Ihnen sein Erfolg Hoffnung?
Es ist schön, dass er wieder erfolgreich ist. Seine Siege inspirieren mich und verstärken mein Verlangen, selber wieder Titel zu gewinnen.
Ist es in Ihrer Situation einfacher, einen Partner zu haben, der selber prominent ist?
Wichtig ist vor allem, jemanden zu haben, der meine Situation versteht und dem ich vertrauen kann. Wir wissen beide, dass wir uns weniger sehen als andere Paare, weil wir wichtige Jobs haben und erst noch gut darin sind (lacht).
Spielen Sie besser Golf, oder spielt Adam Scott besser Tennis?
Adam hat mir ein paar Golflektionen gegeben, aber er ist definitiv besser im Tennis; er spielt ausgezeichnet. Wir können gut zusammen spielen, er kann mich sogar drillen (lacht).
Sie posierten kürzlich für die Bademodeausgabe des Magazins «Sport Illustrated». Wie wichtig ist Ihnen das Modeln?
Ich würde nicht sagen, es sei wichtig, aber es macht Spass. Ich mag es, ab und zu die Tenniskleider in die Ecke zu werfen und mich zurechtzumachen. Zudem ist es interessant, mit professionellen Stilberatern und Modefotografen zu arbeiten. Allerdings kann das Posieren manchmal anstrengender sein als ein Tennistraining.
In besagtem Magazin abgebildet zu werden, gilt quasi als Ritterschlag.
Ja, ich fühle mich sehr geehrt. In der Bademodeausgabe werden viele berühmte Models und Sportlerinnen präsentiert.
Sie zeigen viel nackte Haut. Wie fielen die Reaktionen in der Tennisgemeinde aus?
Positiv. Zudem haben die Aufnahmen meinen Beachtungsgrad in den USA erhöht. Ich weiss allerdings nicht, ob ich diese Bilder meinen Grosseltern zeigen dürfte (lacht).
Was hat es mit dem Unicef-Programm «Schule ohne Gewalt» auf sich, für das Sie sich engagieren?
Es ist mir ein Anliegen, mich für wohltätige Zwecke und vor allem für Kinder einzusetzen. In Serbien leiden 62 Prozent der Kinder unter körperlicher oder psychischer Gewalt durch Mitschüler oder Lehrer. Mit diesem Programm versuchen wir, die Kinder dazu zu bewegen, sich gegenseitig zu achten und sich anständig zu benehmen, wobei wir für vorbildliches Verhalten kleine Preise aussetzen. Das Programm wird bald auf andere Länder ausgeweitet; in den nächsten Monaten werde ich zur globalen Botschafterin.
Litten Sie als Schülerin einst selber unter Gewalt?
Unter körperlicher Gewalt nicht, unter verbaler schon. Es hat fast in jeder Klasse ein paar Kinder, die sich zu einer Gruppe formieren und glauben, besonders cool zu sein und die anderen piesacken zu können.
Sie waren die Nummer 1, Sie waren auf einer Briefmarke abgebildet, Sie wurden zur attraktivsten Tennisspielerin gewählt – worauf sind Sie am meisten stolz?
Auf den Roland-Garros-Titel. Ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, ist etwas Spezielles, an das sich die Leute lange erinnern.
Welche Ziele und Träume sind Ihnen noch geblieben?
Ich will noch mehr Grand-Slam-Titel holen. Es wäre grossartig, am Ende meiner Karriere alle vier Grand-Slam-Turniere gewonnen zu haben. Privat wünsche ich mir nach meiner Karriere eine Familie mit ein paar Kindern. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.05.2010, 15:11 Uhr



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