«Ich würde noch auf Roger setzen»
Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 24.06.2010 6 Kommentare
Sonnebrille als Markenzeichen: Nick Bollettieri. (afp)
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Roger Federer hat zuletzt diverse überraschende Niederlagen eingesteckt und nun in Wimbledon fast gegen die Nummer 60 verloren. Ist er auf dem absteigenden Ast?
Das glaube ich nicht. Ich habe jeden Punkt des Matchs gesehen und muss sagen, dass Alejandro Falla verdammt gut gespielt hat. Sein Aufschlag war fantastisch, er bewegte sich hervorragend und schlug beidseitig extrem hart. Wahrscheinlich war Roger auf diese Herausforderung nicht vorbereitet. Bei 0:2 Sätzen, 4:4 und 0:40 hätte ein normaler Spieler, ja sogar ein guter Spieler aufgegeben – nicht Roger. Als ihm Falla die Chance bot, ins Spiel zurückzukehren, packte er sie unter grösstem Druck. Das war mental eine Meisterleistung, die nur wenige hätten vollbringen können.
Zählen Sie Federer nach seinem Auftritt in der ersten Runde noch zu den Favoriten?
Der Auftaktmatch war für Roger eine gute Sache. Diese Schlacht kann sich sogar vorteilhaft auswirken. Ich würde mein Geld immer noch auf Roger setzen. Wimbledon und das US Open sind in diesem Jahr für ihn besonders bedeutend. Es wird gefährlich, wenn die anderen Spieler in der Garderobe plötzlich gerne gegen dich antreten, weil sie das Gefühl haben, dass du verwundbar bist. Die Konkurrenten fürchteten sich lange vor Pete Sampras. Als dem nicht mehr so war, machte er eine schwierige Phase durch. Ich denke, auch Roger hat diesen Vorteil zuletzt etwas eingebüsst.
Was ist der Unterschied zwischen dem heutigen Federer und dem besten Federer, den wir gesehen haben?
Derzeit trifft er den Ball nicht immer sauber, schlägt ihn manchmal 3, 4, 5 Meter ins Aus. Das ist sehr ungewöhnlich, darf man aber nicht überbewerten. Ich denke nicht, dass er weniger gut serviert oder sich schlechter bewegt. Ich weiss aber nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Die grosse Frage ist: Glaubt Roger selber noch daran, unschlagbar zu sein? Wenn du der Beste bist, wie es bei ihm lange der Fall war, kannst du dich nur an dir selber messen – das ist eine schwierige Situation. Man darf nicht vergessen: Die Konkurrenz ist stärker geworden; es gibt derzeit rund zehn extrem gut Spieler.
Kann sich Federer als bald 29-Jähriger noch verbessern?
Technisch eher nicht. Wichtig ist, physisch und mental das Niveau zu halten. Meiner Meinung nach müsste er weniger slicen und die Rückhand öfter durchziehen sowie generell wieder variantenreicher agieren. Er muss die Gegner vermehrt überraschen.
Wie viele Grand-Slam-Titel trauen Sie Federer noch zu?
Er kann auf dem Tennisplatz nach wie vor unglaubliche Dinge anstellen. Ich denke, etwa zwei Grand-Slam-Titel stecken noch in ihm. Allerdings muss er nun die Wende einleiten, die letzten Monate waren nicht besonders positiv.
Sie verfolgen den Tennissport seit über 30 Jahrzehnten. Welches war der beste Tennismatch, den Sie gesehen haben?
Als bester in der Geschichte gilt der epische Wimbledon-Final 2008, in dem Rafael Nadal Roger Federer mit 9:7 im fünften Satz schlug. Für mich am interessantesten war hingegen der Wimbledon-Final 1992, als mein Schützling, Andre Agassi, Goran Ivanisevic in fünf Sätzen schlug. Das Niveau war hoch, und die Emotionen waren gross – an diesen Match werde ich mich das Leben lang erinnern.
Wer war der härteste Arbeiter, den Sie unter Ihren Fittichen gehabt haben?
Da muss ich zwei nennen: Jim Courier ging im Training durch die Hölle, um seine schwache Rückhand kompensieren zu können. Monica Seles war schuld an drei meiner Scheidungen; wegen ihr stand ich jeden Abend bis 21 oder 22 Uhr auf dem Tennisplatz.
Wer schlägt den Ball am härtesten?
Beim Aufschlag hat man konkrete Zahlen: Andy Roddick ist bei den Männern, die Williams-Schwestern sind bei den Frauen Spitze. Bezüglich Grundlinienschlägen nenne ich bei den Frauen Maria Scharapowa und Lindsay Davenport, welche den Ball mit der Vorhand sehr flach und schnell über Netzt dreschen. Am meisten Power in Bezug auf ihre Körpergrösse und ihr Gewicht generiert Justine Henin dank ihrer ausgezeichneten Balance. Bei den Männern waren die ohne Drall geschlagene Vorhand von Sampras und die doppelhändige Rückhand von Agassi brutal schnell. Und auch Federers einhändige Rückhand ist sehr hart, wenn er sie flach durchzieht.
Welches ist der erstaunlichste Rekord im Tennis?
Rogers 23 Halbfinalteilnahmen an Grand-Slam-Turnieren in Serie, das ist Wahnsinn.
Wer ist der talentierteste Spieler, den Sie angetroffen haben?
Marcelo Rios; er hatte eine Spielübersicht wie kein anderer, seine Beinarbeit war unglaublich, er beherrschte jeden Schlag, sein Timing war fantastisch – er war der Erste, der die Rückhand springend schlagen konnte.
Wie stufen Sie Federer in Bezug auf das Talent ein?
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, er hat sein Spiel sehr methodisch entwickelt, Schritt für Schritt seine Schwächen ausgemerzt. Wenn man bedenkt, was er alles kann, gehört er sicher zu den Begabtesten.
Wer hat aus seinen Fähigkeiten am meisten gemacht?
Wohl Jim Courier, er musste sich alles hart erarbeiten.
Und wer hat aus seinem Talent am wenigsten herausgeholt?
Da muss ich auf Marcelo Rios zurückkommen. Er hat zwar hart trainiert, aber nie begriffen, worum es im Leben geht. Er hat nie realisiert, was er dem Spiel schuldet und was es braucht, ein Champion zu werden. Er hätte einer der besten Spieler in der Geschichte des Tennissports werden können.
Wer spielt die Big Points am besten?
Andre Agassi und Boris Becker waren unter Druck extrem stark.
Wer beeindruckt Sie bezüglich Kampfkraft am meisten?
Da nenne ich zwei Frauen: Serena Williams, die ein grosses Kämpferherz hat und in der Lage ist, einen 1:5- oder gar 0:5-Rückstand aufzuholen, sowie Maria Scharapowa. Bei ihr ist es wirklich erst vorbei, wenn es vorbei ist.
Wer ist der beste Taktiker?
Da entscheide ich mich für Federer. Er kann das Tempo drosseln oder anziehen, er kann angriffig oder abwartend agieren. Roger hat am meisten Optionen und nutzt sie auch. Auch Martina Hingis war taktisch stark. Obwohl sie keine besonders gute Athletin war, war es sehr schwierig, sie aus der Komfortzone zu drängen. Sie schaffte es, ihre Stärken optimal auszuspielen.
Wer hat das spektakulärste Comeback realisiert?
Ganz klar Andre Agassi, dem es nach seinem Rückfall auf Position 142 gelang, wieder die Nummer 1 zu werden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 24.06.2010, 12:36 Uhr

