Sport
«Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so gut werden könnte»
Von Simon Graf, London. Aktualisiert am 10.07.2012 24 Kommentare
511'000 sahen Federer
Den Wimbledon-Final verfolgten auf SF 2 im Durchschnitt 511'000 Zuschauer (Marktanteil: 46,7 Prozent). Die Siegerehrung sahen gar 769'000 (53,1 Prozent). Zum Vergleich: Den letzten Grand-Slam-Final von Federer (French Open 2011 gegen Nadal) sahen 421'000 Personen (43,3 Prozent), die Lauberhorn-Abfahrt 998'200 (73,4 Prozent) und den EM-Final Spanien gegen Italien 1'286'000 (56,1 Prozent). (ewu)
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Federer mindestens 289 Wochen vorne
Roger Federer wird der Spieler, der am längsten die Spitze der Weltrangliste besetzt. Novak Djokovic kann den Schweizer frühestens nach Olympia (6. August) verdrängen. Dann wäre Federer insgesamt bereits 289 Wochen – und damit drei mehr als Pete Sampras – die Nummer 1. Die Aussichten nach Olympia sind noch besser: Federer muss in Cincinnati, Toronto und am US Open (27.8.–9.9.) nur 990 Punkte verteidigen, Djokovic dagegen 3600. Danach ist die Ausgangslage bis Saisonende umgekehrt: Federer muss 3000 Punkte verteidigen, Djokovic nur noch 560. (ewu)
Nadal und der Fisch
Was macht eigentlich Rafael Nadal so, wenn Federer und Murray gerade um den Wimbledon-Sieg spielen? Er frönt seinem Hobby, dem Fischen. Er präsentierte auf Facebook einen gefangenen Seebarsch und schrieb: «Ich gratuliere Roger zu seinem Sieg und Andy zu einem grossartigen Turnier.» Nadal leidet noch an Knieproblemen, hofft aber, an Olympia spielen zu können. (ewu)
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Es war schon weit nach 22 Uhr, als Roger Federer am Sonntagabend den All England Club verliess. ATP-Kommunikationsmann Nicola Arzani schüttelte ungläubig seinen Kopf über die Ausdauer des Champions – was das Absolvieren von Interviews betraf. Gegen 20 TV-Stationen kamen, nachdem schon die schreibenden Medien ihre Fragen gestellt hatten, zu einem kurzen Gespräch mit dem eloquenten und tief zufriedenen Schweizer. «Im Verlaufe eines Turniers kommen immer einige zu kurz», erklärte Arzani. «Und Federer wollte nun alle Stationen berücksichtigen, die aus Wimbledon gesendet hatten – von Japan bis Brasilien.»
Immerhin schaffte er es noch kurz vor Mitternacht ans obligate Champions Dinner. Um 23.56 Uhr traf er im Smoking und mit 25 Gästen im noblen Hotel Intercontinental ein, wo er unter anderem mit Champagner, mit Erdbeeren, teurem Burgunder, feinem Gebäck, Fisch auf Spinat und warmem Apfelstrudel bewirtet wurde. «Ich war unheimlich hungrig», erzählte er. «Und froh, mich endlich zurücklehnen zu können.» Doch natürlich machten viele an seinem Tisch halt, um ihm zu erzählen, wie sie seinen Triumph erlebt hatten. Auch der Australier Rod Laver war anwesend, der vor 50 Jahren den Grand Slam geschafft hatte.
«Es war eine denkwürdige Ausgabe von Wimbledon», resümierte Chairman Philip Brook – mit dem Diebstahl des Falken Rufus, dem Besuch von Prinz Charles nach 42 Jahren und dem Traumfinal. Dass Federer diesen gewonnen und so den Heimsieg Andy Murrays verhindert hatte, nahm ihm Brook nicht übel: «Wir sind froh, ihn als Leader unseres Sports zu haben.» Der Schweizer betonte in seiner kurzen Rede, wie schön es gewesen sei, dass seine beiden Töchter aus der Box die Siegerehrung erlebt hatten. Um 1.46 Uhr verabschiedete er sich für eine kurze Nacht.
Schlaf fand er erst spät, so aufgewühlt war er. Und um 10 Uhr standen schon die nächsten Interviews an, mit ausgewählten internationalen Journalisten und den Schweizern.
Über die Töchter: «Die eine sagte Nein. Die andere Ja»
«Ich sah sie nach der Siegerehrung nicht mehr, erst am folgenden Vormittag. Ich fragte sie, ob sie sich noch an gestern erinnern könnten, ob sie mich gesehen hätten. Die eine sagte Nein. Die andere Ja. Und dann waren sie wieder mit Spielen beschäftigt, drifteten ihre Gedanken ab. Aber später redeten sie darüber, wie sie geklatscht hatten. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich später einmal an die Siegerehrung erinnern werden. Aber die Fotos und der Wimbledon-Film werden ihnen sicher helfen. Wenn ich Fotos von mir als kleinem Bub sehe, glaube ich oft auch, mich noch erinnern zu können.
Als ich Wimbledon 2003 zum ersten Mal gewann, hätte ich nicht in meinen wildesten Träumen gedacht, dass ich hier einmal den Pokal hochstemmen würde und meine Kinder zusehen würden. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Dass sie mich einmal bewusst spielen sehen, ist nicht mein grösster Antrieb, um weiterzumachen. Aber wenn sie sich einmal daran erinnern, ist das fantastisch. Ich weiss nicht genau, was Dreijährige schon verstehen. Ich denke, meine Töchter kennen beinahe schon den Unterschied zwischen einem Spiel und einem Training. Aber das mit dem Gewinnen und Verlieren kapieren sie noch nicht so recht.»
Über sein Familienleben: «Die Ferien sind heilig»
«Natürlich würde ich gerne noch öfter Zeit im kleinen Kreis, mit der Familie verbringen. Deshalb sind unsere Ferien heilig. Dann schauen wir, dass wir wirklich wegkommen von allem. Irgendwann muss man sagen: Jetzt ist Familienzeit. Die kommt jetzt, und ich freue mich enorm darauf, auch wenn es nur eine Woche ist. Wohin wir gehen, verrate ich natürlich nicht. Irgendwohin, wo es warm ist. Hier in London kann man sich ja nicht wirklich auf das Wetter verlassen.
Ich achte darauf, dass ich auch während der Turniere Zeit finde, um mit den Kleinen etwas zu machen. Aber es gibt schon Wochen, in denen ich sagen muss: Jetzt muss ich mich ganz dem Tennis widmen. Manchmal bin ich einfach müde, und Mirka muss viel übernehmen oder Kollegen, die mithelfen. Aber das Schöne ist, dass ich meine Kinder jeden Tag sehe. Und oft bringe ich sie am Abend ins Bett, und auch durch den Tag hindurch sehe ich sie immer wieder. Das ist ein Privileg. Es ist wichtig, dass mir als Familienvater wohl ist, dass ich nicht zu viele Kompromisse zulasten der Familie machen muss. Denn wenn es da nicht stimmt, wirkt sich das auf meine Leistungen auf dem Platz aus. Dann beginnen die Gedanken zu wandern, schaffe ich es nicht mehr, im Moment zu bleiben.»
Über seine Entourage: «Ich spürte grosse Harmonie»
«Es ist nicht nur ein Sieg für mich, sondern einer, den ich mit vielen Leuten teile. Auch Paul Annacone hat einen wichtigen Anteil. Er hat sich gut ins Team integriert mit Severin Lüthi, Pierre Paganini, Stéphane Vivier und allen anderen. Wir kamen zusammen fürs French Open und sagten, wir würden bis zum US Open zusammenbleiben. Alle waren bereit, Opfer zu bringen. Wenn jemand Freunde oder Familie mitbringen will, ist das kein Problem, dann können die sich uns anschliessen. Aber der Geist ist, dass wir zusammen gewinnen oder verlieren.
Vor Olympia können nun alle kurz durchschnaufen. Es ist schön, wenn man sich auf ein Team verlassen kann. Auf dem Court fühlt man sich manchmal allein. Wir führen viele Gespräche untereinander, um gute Kompromisse zu finden. Denn es hat sich viel verändert in meinem Leben durch die Geburt meiner Töchter. Aber in den letzten eineinhalb Jahren wurde es einfacher, dies zu managen. Ich spürte eine grosse Harmonie im Team.»
Über die Nummer 1: «Es lief mir kalt den Rücken runter»
«Als man mir heute sagte, dass ich nun die 286 Wochen von Pete Sampras als Nummer 1 egalisiert habe, lief es mir nochmals kalt den Rücken hinunter. Ich wusste nicht genau, wie das gerechnet wird, ob schon heute oder erst am nächsten Montag. Es ist sehr angenehm, dass ich dieses grosse Ziel nun erreicht habe, ihm nicht noch hinterherlaufen muss. Das könnte auch meine Planung beeinflussen. Ich muss nun schauen, was ich nach Olympia mache. Hätte ich erst da wieder Nummer 1 werden können, hätte ich sicher beide Turniere gespielt, Toronto und Cincinnati.
Es wird interessant zu sehen sein, wie dies nun die Dynamik an der Spitze verändert. Es war zuletzt schon ein Vorteil, die Nummer 1 oder 2 zu sein. Man wird jetzt plötzlich wieder andere Duelle sehen, nicht mehr so oft Nadal gegen Djokovic im Final. Sie können ja nun auch bereits im Halbfinal aufeinandertreffen. Aber Murray darf man auch nicht ausser Acht lassen. Er war wieder nahe dran, mischt mit uns mit. Ich hoffe, dass er den Wimbledon-Final als Schritt nach vorne sieht. Und ich glaube, dass ein Sieg wie jener von Rosol gegen Nadal den Aussenseitern mehr Glaube gibt, dass sie einen der Topspieler schlagen können.»
Über den 7. Wimbledon-Sieg: «Spezieller Platz im Herzen»
«Dieser Titel nimmt einen speziellen Platz in meinem Herzen ein. Weil so vieles zusammenkam. Und dass ich etwas länger darauf warten musste, hat es für mich nur noch schöner gemacht. So lange sind zweieinhalb Jahre ja eigentlich nicht. Aber im Tennis hat man halt eine andere Zeitrechnung. Ich war sehr glücklich, als ich es geschafft hatte. Aber ich fand, es wäre nicht angebracht gewesen, auf dem Court allzu ausgelassen zu jubeln. Aus Respekt vor Murray.
Es lasteten so viele Erwartungen auf uns beiden, dass ich wusste, dass es in jedem Fall in Tränen enden würde. Es hat mir geholfen, dass ich schon manche Partie unter ähnlichem Druck bestritten habe. 2009 am French Open etwa, nachdem Nadal ausgeschieden war. Als ich hier meinen fünften Wimbledon-Titel anstrebte, um mit Borg gleichzuziehen. Am Australian Open, als ich im Endspiel gegen Baghdatis riesiger Favorit war. Oder am US Open gegen Andre Agassi.»
Über seine Karriere: «Ich habe alles herausgeholt»
«Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so gut werden könnte. Ich wurde als grosses Talent eingeschätzt, und als ich mit 16, 17 international meine ersten Schritte machte, dachte ich: Vielleicht kann ich die Top 100 schaffen. Aber ich dachte nicht an die Nummer 1. Als ich mich auf der Tour etablierte, hatten wir eine starke Generation von Spielern mit Hewitt, Safin, Roddick, Ferrero oder Haas. Ich musste unheimlich kämpfen, um mit diesen mitzuhalten. Das trieb mich an, noch härter an mir zu arbeiten, besser zu werden.
Anfang 20 begriff ich langsam, was es braucht, um ein wirklicher Profi zu sein. Das ist vielleicht etwas spät. Aber ich denke, dass in meinem Leben alles zur richtigen Zeit passiert ist. Mein erster Major-Titel nahm mir dann enorm Druck, veränderte alles. Früher war ich bekannt gewesen für meine Inkonstanz, danach schaffte ich diese Siegesserien. Darauf bin ich schon sehr stolz. Ich habe alles aus meinem Potenzial herausgeholt.»
Über Olympia: «Der Vorteil liegt nun bei mir»
«Ich sagte immer, dass der, der Wimbledon gewinnt, sich einen kleinen Vorteil erspielt für Olympia. Zum einen stärkt ein solcher Sieg das Selbstvertrauen, zum anderen nimmt er Druck weg. Der Wimbledon-Sieg war also die perfekte Vorbereitung für die Spiele. Aber das Olympiaturnier ist weniger berechenbar als ein Grand Slam, weil nur über zwei Gewinnsätze gespielt wird und für uns Tennisspieler das Erlebnis ungewohnt ist, weil es nur alle vier Jahre kommt. Nach Peking dachte ich sofort: Das wird unglaublich in Wimbledon. Ich bin gespannt, wie sehr die Anlage anders aussehen wird als an den Championships.
Im olympischen Dorf zu leben war für mich kein Thema. Weil es zu weit weg ist und man zu stark abgelenkt wird. Ich tat es in Athen, als ich schon die Nummer 1 war. Diese Erfahrung hatte ich also schon. Diesmal halte ich an meinen bewährten Routinen fest. Auch wenn das egoistisch tönt. Als ich in Peking im Hotel wohnte, half mir das, Gold (im Doppel) zu holen. Und das betrachte ich als einen meiner grössten Erfolge. Ich glaube eher nicht, dass ich an der Eröffnungszeremonie die Fahne tragen werde. Ich habe es schon zweimal getan und finde, jemand anders sollte einmal die Gelegenheit erhalten.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.07.2012, 06:34 Uhr
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