«Djokovics Körpersprache ist unprofessionell»
Von Alexander Kühn. Aktualisiert am 31.01.2012
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Zweimal stand Novak Djokovic am Australian Open auf dem Weg zur Titelverteidigung mit dem Rücken zur Wand. Im Halbfinal gegen Andy Murray, als er mit 1:2 Sätzen zurücklag, sowie im Endspiel gegen Rafael Nadal, als der Spanier im fünften Satz 4:2 und 30:15 führte. Wie schon im epischen US-Open-Halbfinal gegen Roger Federer, den er nach zwei abgewehrten Matchbällen noch gewann, setzte sich am Ende aber doch Djokovic durch.
Auf den ersten Blick hat der Weltranglistenerste damit gegen jeden seiner drei Erzrivalen einen psychologischen Vorteil, der für ihn sogar die grösste aller Leistungen im Tennis möglich erscheinen lässt: den Gewinn des Grand Slam, der sich aus Siegen bei allen vier Major-Turnieren innerhalb eines Jahres zusammensetzt. Zuletzt gelang es 1969 dem Australier Rod Laver, Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open in ununterbrochener Reihenfolge für sich zu entscheiden.
«Novak spielt sogar sauberer als Federer»
Mats Wilander, in den Achtzigern selbst die Nummer 1 des ATP-Rankings und Sieger von sieben Grand-Slam-Turnieren, sieht auf technischer und athletischer Ebene keine Argumente dafür, dass Djokovic den Grand Slam nicht realisieren sollte. «Er schlägt unheimlich sauber und kann beschleunigen, wenn es ihm passt. Nadal dagegen besitzt diese Fähigkeit einfach nicht. Novak spielt sogar sauberer als Federer. Er ist wie ein Marat Safin, der sich bewegt. Es ist die gleiche Art von Power», erklärte der Schwede, der in Melbourne als TV-Experte für Eurosport weilte, gegenüber der «New York Times».
Djokovics Körpersprache ist in den Augen Wilanders dagegen problematisch. «Der einzige Grund, weshalb er womöglich einen Match verliert, ist der, dass er es allen zeigt, wenn er um Atem ringt. Das ist unprofessionell», so der frühere Weltklassespieler. «Der einzige Grund, weshalb Nadal ganz vorne mitspielt, ist der, dass er nie erkennen lässt, dass er erschöpft ist. Wenn Novak das auch noch lernt, wird er seine Rivalen noch für lange Zeit in den Hintern treten.»
Der Grand Slam ist heute viel schwieriger als zu Lavers Zeiten
Djokovic selbst glaubt fest an seine Chance, in Rod Lavers Fussstapfen zu treten. «Ich spiele das beste Tennis meines Lebens», sagte der 24-Jährige nach seinem Australian-Open-Triumph. Dass er Nadal auch auf der roten Erde schlagen und am French Open entthronen könne, habe er in der vergangenen Saison mit seinen Siegen an den Masters-1000-Sandplatzturnieren von Madrid und Rom bewiesen. «Ich nehme jedes Turnier nach dem anderen, mein Fokus liegt aber ganz klar auf den Majors und den Olympischen Spielen», führte Djokovic aus.
Bei aller Verehrung für den grossen Rod Laver, der ihm in Australien nach dem Final-Krimi gegen Nadal den Pokal überreichte, scheut sich Djokovic nicht davor auszusprechen, dass ein Grand Slam heute wertvoller wäre als zu den Aktivzeiten der heute 73-jährigen Tennis-Legende: «Die Zeiten sind offensichtlich anders. Das heutige Tennis ist viel kompetitiver und physischer, das macht es noch schwieriger, das grosse Ziel zu erreichen.»
Neben der Körpersprache, die Wilander als Djokovics Achillesferse ausgemacht hat, hat der Branchenleader noch drei weitere Probleme. Sie heissen Rafael Nadal, Roger Federer und Andy Murray. Jeder von ihnen hat es geschafft, Djokovic in die Enge zu treiben, und jeder von ihnen gesehen, dass dies auch den anderen beiden Verfolgern gelungen ist. Wenn Nadal nach seiner Finalniederlage in Melbourne sagte, er sei vor allem mit seiner mentalen Vorstellung sehr zufrieden und habe wieder das Selbstvertrauen seiner besten Tage, war dies keine leere Floskel. Djokovic hat sein Tennis im letzten Jahr auf ein neues Niveau gehoben, aber auch den Ehrgeiz seiner Gegenspieler neu entflammt. Nadal, Federer und Murray sind heute stärker als noch vor zwölf Monaten. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.01.2012, 13:09 Uhr

