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Die Rekonstruktion des Monsters Federer
Aktualisiert am 06.07.2012 46 Kommentare
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Alexander Kühn, Sportredaktor DerBund.ch/Newsnet.
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Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass Roger Federer in Wimbledon nach einer 2:0-Satzführung gegen Jo-Wilfried Tsonga noch den Halbfinal-Einzug verspielte. Es war eine Niederlage, die ein Heer von Skeptikern auf den Plan rief – und sie schrieben Federer mit einer noch nie dagewesenen Vehemenz ab. Er sei zu alt, zu satt und als Vater von Zwillingen nicht mehr bereit, alles ins Tennis zu investieren, hiess es. Nun hat der Baselbieter, der am Sonntag seinen siebten Titel im All England Club gewinnen kann, gezeigt, dass die Grabesreden auf seine Tenniskünste respektlos und verfrüht waren. Es ist so, wie es Boris Becker vor dem kapitalen Duell mit Novak Djokovic sagte: Federer mag nicht mehr der dominante Spieler der Vergangenheit sein, aber wenn bei ihm alles zusammenpasst, kann er noch immer jeden schlagen. Auch den in den letzten eineinhalb Jahren über weite Strecken unwiderstehlich scheinenden Djokovic.
Nun trennt Roger Federer noch ein Schritt von drei weiteren Meilensteinen in seiner Karriere: von der siebten Wimbledon-Krone, vom 17. Triumph an einem Grand-Slam-Turnier und von der 286. Woche als Nummer 1 der Weltrangliste. Er würde damit in der ewigen Ranking-Hitliste zum Rekordhalter Pete Sampras aufschliessen und den US-Amerikaner eine Woche später automatisch hinter sich lassen. Das grosse Ziel, das Federer auch zahlreiche Experten nicht mehr zutrauten, ist auf einmal zum Greifen nah. Das Wissen um die historische Chance hat dem bald 31-Jährigen gegen Djokovic einen zusätzlichen Schub verliehen – das war mit Ausnahme des etwas schwächeren zweiten Satzes deutlich zu sehen. Und vielleicht war es auch ein wenig Trotz. Seht her, ihr habt euch geirrt, ich kann es noch immer, lautet die sportliche Botschaft des grössten Sportlers, den die Schweiz jemals hatte.
Wenn es Federer gelingt, seine herausragenden Qualitäten – einen bestechend sicheren Aufschlag, Effizienz bei den Schlüsselpunkten, fast schon klinische Präzision, Mut und Aggressivität – am Sonntag annähernd so gut abzurufen wie gegen Djokovic, sollte dem grossen Coup nichts mehr im Wege stehen. Auch Andy Murray nicht. Und sollte der Brite über sich hinauswachsen, bleibt immer noch eine Neueuntdeckung des aktuellen Wimbledon-Turniers: der Kämpfer und Läufer Federer. Ausgerechnet ein genialer und in extremis gespielter Verteidigungs-Lob war es nämlich, der Djokovic in diesem denkwürdigen Halbfinal den Zahn zog. Der Schlag verhalf Federer im dritten Satz bei 5:4 zu zwei wegweisenden Satzbällen, von denen er schliesslich profitierte.
Federer hat mit dem Triumph über Djokovic den psychologischen Bock umgestossen. Egal, wer im Final nun gegen ihn spielt, er wird in Federer weit mehr das furchteinflössende Monster aus den Tagen der grossen Dominanz sehen als den von vielen zu früh abgeschriebenen und vermeintlich alternden Star, der sich wegen einer gewissen Verunsicherung und wiederkehrenden Blessuren auch einmal eine schlechtere Partie leisten muss. Noch ist Federer nicht der neue und alte König von Wimbledon, aber mit Sicherheit der König der Stunde. Ihm ist an diesem Freitagnachmittag die Rekonstruktion jenes Monsters gelungen, zu dem er sich einst mit unglaublichen Siegesserien gemacht hatte. Dass das Monster Federer ein besonnenes und freundlich lächelndes ist, macht es kein bisschen weniger gefährlich. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.07.2012, 17:26 Uhr
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