Das innere Auge des US Open
Von René Stauffer. Aktualisiert am 01.09.2010
Elektronik- und Technologiefreaks kommen dieses Jahr in Flushing Meadows auf ihre Kosten wie nie zuvor. Wer nur schon die kostenfreie offizielle Turnier-App auf sein iPhone lädt, ist jederzeit auf dem letzten Stand der Resultate und erhält unzählige Zusatzinformationen. Die Zuschauer in Flushing Meadows – erwartet werden 750'000 – können sich dabei direkt über den ebenfalls gratis angebotenen Wifi-Zugang ins Internet einloggen. An den Wochenenden sind Fans zu Hause bei entsprechender Infrastruktur nun auch in der Lage, TV-Übertragungen wichtiger Partien in 3-D-Technologie zu empfangen.
Längst ist der Konsument auch nicht mehr darauf angewiesen, dass der Sender (in den USA übertragen ESPN, der Tennis-Channel und CBS) genau jene Partie zeigt, die er unbedingt sehen will. Schon auf der offiziellen Website (Usopen.org) kann er aus bis zu fünf parallel laufenden Partien auswählen, welche ihn interessiert. Einen ähnlichen Service bieten ESPN und in Europa Eurosport (über den kostenpflichtigen Player) im Internet. Richtig: Tennis schaut man heute über den Browser.
Eine Kamera an vier Drahtseilen
Dabei werden die angebotenen Bilder immer besser und spektakulärer. So schwebt heute eine an vier Drahtseilen befestigte Kamera ferngesteuert durch den Luftraum des Ashe-Stadion, die nach oben entschwinden und wieder nach unten tauchen kann wie ein aufgeschreckter Vogel (was für die Spieler einer gewissen Angewöhnung bedarf). Fast schon revolutionär ist die Technologie, die uns Medienvertretern erstmals im dunklen Bauch des Ashe-Stadions angeboten wird. Die TV-Bildschirme auf den einzelnen Arbeitsplätzen wurden konsequent durch neue, fest verkabelte Laptops ersetzt, die mit einem Touchscreen gesteuert werden und eine «turbogeladene Medienerfahrung» (Eigenwerbung) bringen sollen.
Big Brother im Stadion
Hier, am inneren Auge des Turniers, können etwa fünf TV-Sender (oder auch fünf Tennispartien) gleichzeitig verfolgt werden. Natürlich sind auch die Interviewräume abhör- und einsehbar. Aber dass die Zeit bis zum letzten Matchball des Turniers reichen wird, um herauszufinden, was das Wunderspielzeug sonst noch alles kann, wage ich nicht mit Bestimmtheit zu behaupten.
Da frage ich mich nur, weshalb wir uns manchmal etwas wehmütig an die Achtziger erinnern, als wir unsere Texte noch auf der Hermes Baby schrieben und die Zwischenstände der Partien von richtigen Menschen mit Funkgeräten ins Pressezentrum gemeldet wurden, wo man sie auf einer grossen Wandtafel mit Kreide und Schwamm aktualisierte. Unser Arbeitsplatz lag damals noch auf dem obersten Rand des inzwischen verkleinerten Armstrong-Stadions, und von dort aus hatte man einen herrlichen Blick auf die Skyline von Manhattan und spektakuläre Sonnenuntergänge. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2010, 14:59 Uhr

