Sport
Nicht hören, nicht sehen, nicht handeln
Von Martin Born. Aktualisiert am 19.10.2012 7 Kommentare
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Artikel zum Thema
- Ferrari soll Doping-Vertrieb von St. Moritz aus geführt haben
- Nike löst Vertrag mit Armstrong auf
- Hamilton belastet die UCI schwer
Partner
Mehr Trennungen
Nach Sportartikelproduzent Nike und der Brauerei Anheuser-Busch kündigten weitere Sponsoren ihre Beziehungen mit Lance Armstrong. Fahrradproduzent Trek, mit dessen Velos der Amerikaner seine sieben Tour-Siege einfuhr, kündigte seinen Vertrag per sofort, die Fitnesskette 24 Hour Fitness sowie Honey Stinger, Hersteller organischer Sportlernahrung, taten es ihm gleich. Weitere Kündigungen zeichnen sich ab: Radio Shack gab bekannt, man habe gegenüber dem 41-Jährigen «keinerlei Verpflichtungen» mehr, Sonnenbrillenproduzent Oakley will seine Entscheidung davon abhängig machen, ob die UCI die Sanktionen der Usada anficht. (TA)
Justiz
Ermittlungen gegen Ferrari
Michele Ferrari, Lance Armstrongs früherem Arzt, wird von der Staatsanwaltschaft Padua (It) vorgeworfen, von seiner Wohnung in St. Moritz aus ein Millionengeschäft im Bereich der Betreuung von Athleten aufgebaut und diese bei der Einnahme von Dopingmitteln beraten zu haben.
Nach Angaben der «Gazzetta dello Sport» beträgt das Geschäftsvolumen des 59-Jährigen über 30 Millionen Euro. Nicht nur einzelne Radprofis, sondern total 20 Teams hätten in den letzten Jahren Ferraris Dienste beansprucht. Gemäss der Zeitung haben die Staatsanwälte ein kompliziertes System entlarvt, mit dem Teams Steuern hinterzogen, Geld wuschen und es damit ihren Profis ermöglichten, Ferraris Rechnungen zu begleichen. Von einem Teamkonto auf einer Schweizer Bank in Locarno hätten Radprofis systematisch Geld abgehoben, um Ferraris Rechnungen zu zahlen. Die Vorwürfe der Staatsanwälte sind gravierend: Bildung einer kriminellen Vereinigung mit dem Ziel des Handels, Schmuggels und der illegalen Verabreichung von Dopingprodukten; ausserdem Steuerhinterziehung und Geldwäsche.
Ferrari war 2004 wegen Sportbetrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und 2006 von Italiens Radsportverband mit lebenslangem Betätigungsverbot belegt worden. (Si)
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Stichworte
Wurde Lance Armstrong bei der Tour de Suisse 2001 positiv auf Epo getestet? Und kam er nur deshalb ohne Strafe davon, weil er sich mit zwei Spenden in der Höhe von 125'000 Dollar freikaufte? Ja, behaupten Floyd Landis und Tyler Hamilton in ihren unter Eid gemachten Aussagen im Report der Anti-Doping-Agentur der USA (Usada), in dem Armstrongs Dopingpraktiken aufgezeigt werden. Die beiden beziehen sich auf damalige Gespräche mit Armstrong. Sie hätten ihn erwischt, soll er ihnen erzählt haben, doch er werde das mit der UCI regeln können.
Spektakulärer Korruptionsvorwurf
Der Korruptionsvorwurf der beiden geständigen Doper und ehemaligen Teamkollegen Armstrongs ist der spektakulärste unter vielen Anschuldigungen, mit denen der Weltradsportverband in den letzten Wochen konfrontiert wurde. Gerichtspräsidentin Catherine Piguet, vom Tribunal d’Arrondissement de l’Est Vaudois in Vevey, hat ihn als nicht zutreffend erklärt. Sie hat Landis, den vermeintlichen Tour-de-France-Sieger von 2006, dazu verurteilt, dem UCI-Präsidenten Pat McQuaid und dessen Vorgänger Hein Verbruggen je 10'000 Franken Entschädigung zu bezahlen. Folgende Behauptungen darf Landis nicht mehr wiederholen: dass die UCI und die beiden Kläger Dopingfälle vertuschten, dass sie Geld dafür erhielten, von Armstrong bezahlt wurden, um einen Dopingfall zu vertuschen, gewisse Fahrer protegierten, Tests und Rennen manipulierten ... Die Liste der Richterin geht so weit, dass auch die Feststellung «sie sind voller Scheisse» ausdrücklich verboten ist.
Daran hat sich wohl auch derjenige zu halten, der das Verhalten der UCI und der beiden Präsidenten im Fall Armstrong durchleuchten will. Wenn die Anwälte der UCI Landis und auch den Journalisten Paul Kimmage (er steht am 12. Dezember vor Gericht) wegen Rufschädigung verklagt haben, heisst das auch: Sie müssen sich im von den beiden angesprochenen Fall zumindest sicher fühlen. Oder, wie sie behaupten, sogar ein gutes Gewissen haben.
Transparent und dokumentiert
McQuaid bestreitet nicht, dass Armstrong und Teamchef Johan Bruyneel damals nach Aigle zitiert wurden und die UCI zwei Spenden angenommen habe. Er kann sich sogar vorstellen, dass Landis und Hamilton richtig gehört haben. Aber er hält fest, dass alles transparent und dokumentiert sei, und beteuert, dass es in jener Tour de Suisse keinen positiven Fall gegeben habe. Das würden alle betroffenen Labors bestätigen.
Martial Saugy von jenem in Lausanne hat gegenüber der Usada bestätigt, dass es damals «verdächtige» Proben gegeben habe, auf die er die UCI aufmerksam gemacht habe, dass ihm der Chef der medizinischen Kommission mitgeteilt habe, dass eine der Proben Armstrong gehöre, es aber ausgeschlossen sei, «dass Mr. Armstrong Epo verwendete». «Verdächtig» hiess damals, dass 70 bis 80 Prozent der typischen Epo-Parameter erfüllt waren. Weil der Epo-Test eben erst eingeführt war, war man vorsichtig. Heute könnte der gleiche Prozentsatz als positiv bewertet werden.
Spenden von einem «verdächtigen» Fahrer
Bestehen bleibt als Tatsache, dass die UCI 2001 von einem «verdächtigen» Fahrer Spenden entgegengenommen hat, und selbst der edle (und zynische) Verwendungszweck (Dopingbekämpfung) macht die Sache nicht besser. Wie konnten die nur?, ist noch die harmloseste Frage, die sich da stellt. Vor allem auch, weil bekannt ist, dass Verbruggen mit Armstrong befreundet war (und ist?). Und weil es zwei Jahre zuvor in der Tour de France schon den Cortison-Fall gab.
1999 hatte die UCI ein nachgeliefertes Attest für die medizinisch indizierte Anwendung einer Salbe gegen einen wunden Hintern akzeptiert, um eine positive Kontrolle aus der Welt zu schaffen. Unter Eid sagte Kathy LeMond, die Frau des Tour-Siegers Greg, dass ihr Armstrongs damaliger Mechaniker Julian De Vries damals erzählt habe, Nike und Team-Mitbesitzer Thom Weisel hätten 500 000 Dollar auf ein Konto Verbruggens überwiesen (TA vom Donnerstag). De Vries bestritt die Aussage unter Eid.
Auffällige Blutwerte
Auch 2005, als die Zeitung «L’Equipe» anhand von nachträglichen Tests des Labors in Châtenay-Malabry nachweisen konnte, dass Armstrong 1999 Epo verwendet hatte, war die UCI auf der Seite des Amerikaners. Sie weigerte sich, ein Verfahren einzuleiten und gab bei Emile Vrijman, Landsmann und Vertrauter Verbruggens, eine Studie in Auftrag. Der Vrijman-Report zerpflückte die Laboranalyse und empfahl, Armstrong nicht zu bestrafen. Die Wada bezeichnete den Report als fehlerhaft und irreführend.
Als Armstrong 2009 sein Comeback gab, durfte er bei der Tour Down Under in Australien starten, obwohl die Frist von sechs Monaten, in denen er für Kontrollen hätte zur Verfügung stehen müssen, nicht ganz abgelaufen war. Es fehlten 13 Tage – eine Zahl, welche die UCI gerade sein liess, weil die PR-Maschinerie bereits angelaufen war.
Nach der Tour de France im gleichen Jahr veröffentliche Armstrong seine Blutwerte der Tour de France. Namhaften Experten wie Michael Ashenden kamen sie zumindest spanisch vor. Für den Australier waren sie genauso verdächtig wie jene von Franco Pellizotti, der überführt und bestraft wurde. Ashenden, der damals zu den Experten gehörte, die auffällige Blutprofile beurteilen mussten, hat, wie er erklärt, die UCI auf Armstrongs verdächtige Werte aufmerksam gemacht. Es ist auch ihm nicht bekannt, ob Armstrongs Werte der Expertenkommission vorgelegt wurden (und sich diese gegen ein Verfahren entschied) oder nicht.
Die Kontrolleure im Griff gehabt
In der Urteilsbegründung der Usada bestätigen mehrere Fahrer, dass Armstrongs Teamchef Bruyneel die UCI-Kontrolleure im Griff gehabt und jeweils im Voraus gewusst habe, wann sie kommen. Und wenn nicht, wie im Fall der Tour de France 2009 beim Astana-Team, gelang es ihm und seinen Helfern, die «Vampire» aufzuhalten. Da hatten Profis gegen Amateure offenbar ein leichtes Spiel. Es gab zu dieser Zeit sogar Journalisten, die wussten, ob es am nächsten Morgen eine Kontrolle geben würde.
Die UCI sah bis zuletzt nie einen Anlass, gegen Armstrong zu ermitteln. Und wehrte sich, als die Usada recherchierte, weil sie diese als nicht zuständig betrachtete (ein Argument, das von der Usada und einem Gericht in den USA zerpflückt wurde). Auf öffentliche Anschuldigungen wie jene von LeMond oder Landis reagierte sie nicht. McQuaid beschwor stets die Regeln von Wada und UCI, an die er sich halten müsse. Für eine Untersuchung brauchte es positive Tests, Geständnisse oder offizielle Gerichtsunterlagen. Ausführliche Geständnisse wie jenes von Jörg Jaksche nach dem Fuentes-Skandal hatten über den Geständigen hinaus aber keine Folgen. Möglich, dass die UCI sich davor fürchtete, Geld für unsichere Prozesse zu verschleudern – was im Fall von Armstrong mit seinen Anwälten ein achtbares Argument ist.
Einführung des Epo-Tests
Das, freundlich ausgedrückt, zögerliche Handeln, wenn es um Armstrong ging, steht im Gegensatz zu den Bemühungen der UCI gegen das Doping. Wobei in den Epo-verseuchten 90er-Jahren die Betonung auf der Mühe liegt. Gut gemeint war nicht immer auch gut. Als die UCI 1997 die «Tourenzahl» beschränken wollte und eine Obergrenze von 50 Prozent für den Hämatokritwert festlegte, wurde das von Fahrern wie Richard Virenque als «Legalisierung» von Epo verstanden. Und die Profis lernten sehr schnell, wie man den Wert innert 20 Minuten massiv senken konnte.
Die Einführung des Epo-Tests 2001 wurde von der UCI freudig begrüsst. Auch wenn Fahrer und Betreuer schnell erkannten, wie er gekontert werden konnte: Mit «Laden» in der Vorbereitung, Verschwinden, wenn die Kontrolleure kamen, Blutaustausch, Mikrodosierung. Erst der Fuentes-Skandal 2006, ein Jahr nach Armstrongs Rücktritt, mit der Operación Puerto schreckte die UCI auf. Da war sie der einzige Verband, der sich um Aufklärung bemühte, da kämpfte sie für die Herausgabe der Blutbeutel, versuchte den Schaden mit einem von allen Fahrern unterschriebenen Bekenntnis zu einem sauberen Sport im Rahmen zu halten, verlangte von den Teams, keine Puerto-Fahrer zu beschäftigen. Im Fall von Alejandro Valverde (und später auch in jenem von Alberto Contador) erkämpfte sie sich Sperren vor dem CAS.
Testen allein genügt nicht
Mit Anne Gripper setzte sie eine hartnäckige und initiative Australierin an die Spitze der Anti-Doping-Abteilung. Unter Gripper wurden die Trainingskontrollen vervielfacht und «intelligent» durchgeführt, wurde das Abwesenheitskontrollsystem Adams eingeführt und der biologische Pass entwickelt. Die UCI wurde zur Vorreiterin in der Dopingbekämpfung. Gripper trat 2010 «aus persönlichen Gründen» zurück. Heute sagt sie: «Ich weiss, dass McQuaid während meiner Zeit die Dopingbekämpfung sehr ernst nahm. Vielleicht hat es seither ein bisschen nachgelassen.» Nach ihrer Ansicht genügt es nicht, wenn der Ire sagt: «Wir testen und testen, so oft wir können. Dann senden wir die Proben in die Labors. Mehr können wir nicht tun.» «Wir können mehr tun, Pat», sagt sie auf «cyclingnews.com», «es geht um Kommunikation. Es ist Zeit, aufzustehen und Verantwortung für einen Teil der Vergangenheit zu übernehmen». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.10.2012, 10:11 Uhr
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7 Kommentare
Ich war vor über 20 Jahren flüchtig bekannt mit einem Profi-Velofahrer. Schon damals war "Dr. Ferrari" ein Begriff - natürlich nicht im Zusammenhang mit Doping, sondern als Ernährungsberater... haha!. Also: wenn sogar ein velotechnisch unbedarfter Laie den Braten riecht, dann haben im Verband und bei der Fachpresse so ziemlich alle geschlafen! Oder eigene Interessen verfolgt? Antworten
Ich bin ein ganz grosser Fan von Cancellara und habe grosse Achtung vor ihm als Mensch - und seinen Leistungen.
Aber langsam bekomme ich Angst um ihn wie es möglich war, besonders in den Klassikern, all den anderen gedopten Fahrern, er als einziger "NATUR" , so um die Ohren zu fahren !
Ich mag nicht daran denken,....auch bei diesen "Chef's" die er hatte....
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