Der Col du Galibier auf 2645 Meter über Meer ist ein Radmythos und heute erstmals Zielort. Ihn wollten am Tag vor der Prestige-Etappe schon viele Hobbyfahrer spüren – 100 Jahre nach der Erstbefahrung.
1/12Mythos Col du Galibier: Die Fahrer haben heute kaum Zeit, die Bellevue zu bestaunen. Immerhin: Die Wetterprognosen lauten sonnig und Temperaturen um die 20 Grad – das ist doch angenehmer als Nässe, Kälte oder gar leichter Schneefall. Die Passhöhe von 2645 Meter ist erstmals auch Etappenziel – die höchste Ankunft in der Geschichte der Tour de France. Vor 100 Jahren wurde der Pass im Rahmen der Tour erstmals bezwungen. Bild: Reuters
Live-Berichterstattung
DerBund.ch/Newsnet berichtet live von der 18. Etappe ab 14.15 Uhr.
Eine Schinderei: Die Fahrer müssen heute rund 4500 Höhenmeter bewältigen. (Bild: TA-Graphik)
Wer zu spät kommt, wird auch im Leben eines Velofans bestraft. Die besten Plätze hinauf zum Col du Galibier sind bereits besetzt. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich die Camper der Radenthusiasten auf bereits über 2000 Meter über Meer mehrere Hundert Meter vor der Abzweigung zum Pass auf 2645 m ü. M aneinander. Seit gestern Morgen um 8 Uhr ist die Strasse von da an gesperrt. Wer zuvor schon hier war und für seinen Camper keinen Platz mehr fand, muss zelten. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt wirkt das wie eine Überlebensübung von Rekruten. Die ganz grosse Masse aber folgt den Kältetrotzern erst heute mit unzähligen Rennvelos und zu Fuss nach: Bis 400 000 Zuschauer werden entlang des gesamten Aufstiegs zum höchsten Etappenziel in der Geschichte der Tour erwartet. Noch höher hinauf geht es zu Beginn dieser 18. Etappe, wenn der Colle d’Agnello (2744 m ü. M.) von der italienischen Seite her befahren wird.
Verschiebbares Ziel
Schnee, wie er vorgestern im letzten Drittel der Galibier-Strecke fiel, wird es wohl keinen mehr geben. Gemäss Wetterbericht soll es trocken sein. Wobei die Tour seit ihrem ersten Aufeinandertreffen mit dem Riesen vor 100 Jahren weiss, wie tückisch er sein kann. 1996 begann es am Renntag so stark zu schneien, dass der Galibier für die Fahrer unbezwingbar wurde. Insofern sind die Organisatoren vorsichtig geworden. Das Ziel liesse sich bis eine Stunde vor dem berechneten Ende noch den Berg hinunterrücken, allenfalls bis auf die Schulter des Lautaret-Passes (2058 m ü. M.), von dem sich die Fahrer in die finalen 8,5 Kilometer hinauf zum Galibier schicken.
Bereits gestern lockte er viele Hobbyfahrer an, obschon neben der Strasse noch Schnee lag und Nebel den Pass wie ein bleierner Vorhang verhüllte. Einen rechten Hobbykletterer aber bringt das Grollen des Riesen keineswegs zum Zittern. Einzeln oder in kleinen Gruppen schleppten sie sich dem Gipfel entgegen. Nach Vergnügen sah es bei kaum einem aus. Wer das Ziel schliesslich erreichte, fragte sich, wie der Tourtross heute mit seinen knapp 170 Fahrern und allen Begleitern hier Platz haben will. Von Zuschauern ganz zu schweigen. Die Passhöhe ist ein Plätzchen von wenigen Meter Breite und Länge.
Aber eben: Er ist für Radfahrer ein Mythos, seit er 1911 erstmals im Tourprogramm figurierte. Darum reisen sie inzwischen aus allen Kontinenten an, um seine Aura zu spüren und ihre Erlebnisse auf Websites wie Quaeldich.de zu verewigen. Schliesslich gilt der Galibier gerade wegen seiner langen Tourgeschichte, seiner Bellevue bis zum Mont Blanc und seinen vielen Höhenmetern zu den wertvollsten Schätzen eines jeden Kletterfreundes. Auch Tony Rominger erinnert sich gerne an den Galibier. Als einziger Schweizer erklomm er ihn bei einer der bisher 56 Überfahrten der Tour am schnellsten, das war 1993.
1911 eine Etappe mit 366 km
Im Gegensatz zu Emile Georget verfügte Rominger über viele Gänge. Georget musste sich bei seiner Tour-Erstbefahrung, damals auf Naturstrasse, mit einem einzigen Gang begnügen. Ganz nebenbei war die Etappe von Chamonix nach Grenoble auch noch 366 Kilometer lang. Als Banditen soll er Henri Desgrange, den Gründer der Tour de France und Chefredaktor der Zeitschrift «L’Auto», wegen der Neuerung beschimpft haben (für diesen wurde beim Galibier-Tunnel ein Denkmal errichtet). Desgrange besang Georget trotzdem, schrieb in seiner legendären Verehrung zur Galibier-Premiere: «Haben sie nicht Flügel, unsere Männer, die sich höher erheben als die Adler? Oh Sappey! Oh Laffrey! Oh Bayard-Pass! Oh Tourmalet! Ich würde meine Aufgabe nicht erfüllen, wenn ich euch im Vergleich zum Galibier nicht als faden Abklatsch bezeichnen würde.»
Der Franzose begründete damit eine neue Art der Sportberichterstattung: jene der Heldensaga, die auch am Galibier heute nicht zeitgemäss scheint. Denn die Liste jener, die zuletzt den Riesen jeweils als Erste bezwangen, ist ebenso eine von überführten Dopern wie Stefan Schumacher (08), Michael Rasmussen (06) oder Alexander Winokourow (05).
Georget und sein Fussmarsch
2011 aber bleibt: Wer bequem im Auto den Galabier hinauffährt, applaudiert jedem Radfahrer, der es aus eigener Kraft bis zuoberst schafft. Und er staunt über die Profis, die davor mit dem Col Agnel und dem Col d’Izoard (2360 m ü. M.) schon viele Kilometer in den Beinen haben werden. Wer den Galibier übersteht (morgen müssen ihn die Fahrer auf dem Weg zum Alpenfinale auf der Alpe d’Huez noch von der anderen Seite hochklettern), ist an der Tour noch keineswegs am Ziel. Das musste Premierensieger Emile Georget spätestens im Elsass erfahren, als er bei einer Abfahrt in einen Graben flog, die Felgen beschädigte und erst nach einem Fussmarsch über acht Kilometer im nächsten Dorf (Selbst-)Hilfe fand. Der Leader kam als 43. ins Ziel. Die Tour war für ihn verloren. Der Galibier hat ihn trotzdem in die Radsportgeschichte gebracht. (Tages-Anzeiger)
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Da ist sie doch wieder die "andere" geschichte, die den Sportteil des tagi so lesenswert macht und viel Lesefreude (wie zu goldenen Zeiten als Freddy Wettstein die Rubrik "ein WM- tag mit... " bei der Alpinen Ski-WM in crans-Montana mit Leben erfüllte oder auch die unvergessliche 87er Schnee- Gavia Etappe des Giro von herrn Casanova) beschert! wäre im hochradelnden Selbstversuch noch lebendiger!Antworten
Es ist schon erstaunlich, mit was für einer Beharrlichkeit die Tour de France sich weiterhin behauptet. Zuschauer, Sponsoren, heroische Fahrer, Medienleute, Millionen von Menschen, insgesamt ein Milliardenbusiness. Und das obwohl man doch weiss, dass dieser Sport (und nicht nur der), total verseucht ist. Alle sind abhängig und lächeln die Bedenken weg, niemand geht richtig ran, gell Hr Montgomery?Antworten