Sport
Jenseits der Schwelle zur Grausamkeit
Paris–Roubaix live
DerBund.ch/Newsnet berichtet am Sonntag ab 13.45 Uhr mit einem TV-Ticker über den Radsport-Klassiker Paris–Roubaix und beliefert Sie nach dem Rennen mit den eindrücklichsten Bildern und Reaktionen aus der Hölle des Nordens.
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Der frühere Tour-de-France-Direktor Jacques Goddet sagte einmal, Paris–Roubaix sei der letzte Wahnsinn des Radsports, eine Veranstaltung jenseits der Schwelle zur Grausamkeit. Sieht man in die Geschichtsbücher des Rennens mit den zermürbenden Kopfsteinpflasterpassagen, ist man geneigt, dem vor zwölf Jahren verstorbenen Franzosen recht zu geben. Ein Fünftel der rund 250 Kilometer langen Strecke verläuft auf den sogenannten Pavés. Das längste Stück davon führt durch den Wald von Arenberg, misst 2,4 Kilometer und trägt den martialischen Namen La Tranchée, was auf Deutsch so viel wie Schützengraben bedeutet. Der gefürchtete Abschnitt, eigentlich ein Weg für Pferdekarren aus der Zeit Napoleons, muss vor Paris–Roubaix jeweils mühsam von Moos und anderen Pflanzen befreit werden, damit er überhaupt befahrbar ist.
Das Massaker von 1998 und die unglückliche Flucht eines Schweizers
1998 ereignete sich im auch bei Tag düsteren Wald von Arenberg ein Massensturz, den die französische Sportzeitung «L'Equipe» mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination als Massaker bezeichnete. Dabei ging unter anderem die Kniescheibe des dreifachen Paris-Roubaix- und Flandern-Rundfahrt-Siegers Johan Museeuw zu Bruch. Der später mit einer Schweizer Lizenz fahrende Deutsche Steffen Wesemann erlitt Schädelverletzungen, der Italiener Stefano Zanini schwere Blessuren im Gesicht. «Die Männer gehen zu Boden, als streue ein Maschinengewehrnest wahllos Salven in ihre Reihen», schrieb der US-Journalist Sebastian Moll in seiner Reportage mit dem Titel «Die grosse Schlacht» über jenen Tag. Ähnlich dramatisch ist das Paris-Roubaix-Fazit des zweimaligen Siegers Marc Madiot: «Jeder, der ankommt, ist ein Überlebender.»
Immer wieder prägten auch Schweizer Radprofis das Geschehen in der Hölle des Nordens. Fabian Cancellara mit seinen Siegen in den Jahren 2006 und 2010 etwa, aber auch Thomas Wegmüller, der 1988 mit dem Belgier Dirk Demol eine heroische Flucht über 222 Kilometer unternahm und undankbarer Zweiter wurde. Wer nachempfinden will, welche Qualen die Athleten bei Paris–Roubaix auf sich nehmen, kann die Strecke am 10. Juni unter der Regie des Vélo Club de Roubaix abfahren inklusive der Zielankunft im Vélodrome von Roubaix und eines Pflastersteins als Erinnerung.
Als ein Hund in die Entscheidung eingriff
In Abwesenheit des am Schlüsselbein verletzten Berners Cancellara ist der Belgier Tom Boonen, frisch gebackener Sieger der Flandern-Rundfahrt, der grosse Favorit bei der Königin der Klassiker. Boonen hat bei der Glücksgöttin bezüglich Paris–Roubaix noch etwas gut. Im vergangenen Jahr band ihn die Defekthexe zurück, beim Versuch, das Loch zur Spitze wieder zuzufahren, stürzte der dreifache Gewinner des Rennens, der nun mit dem alleinigen Rekordsieger Roger de Vlaeminck gleichziehen könnte.
Boonens Erlebnisse von 2011 sind nur eines von vielen Dramen bei der knallharten Prüfung, deren erster Sieger im Jahr 1896 der Deutsche Josef Fischer war. Fischer, so ist im Buch «Paris–Roubaix: Die Hölle des Nordens» zu lesen, verdankte den Triumph unter anderem einem Hund, der seinen härtesten Widersacher Arthur Linton kurz hinter Amiens zu Fall brachte. Der Sieger selbst hatte auf den letzten 40 Kilometern die Angriffe eines Pferdes und einer ganzen Kuhherde zu kontern, ehe ihm das Preisgeld von 1000 Francs sicher war. Die Summe entsprach damals ungefähr drei Monatsgehältern eines Minenarbeiters.
Heute beträgt der Lohn für den Sieg bei Paris–Roubaix rund 30'000 Euro. Nicht viel, wenn man bedenkt, wie sauer verdient das Geld ist und dass der Tennisstar Rafael Nadal für den Gewinn des French Open im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Euro einstrich. Sehr anschaulich umschreibt ein Ausspruch des Österreichers Bernhard Eisel den Preis für den Ruhm in der Hölle des Nordens: «Du bist permanent am Anschlag, der Leistungsdurchschnitt liegt bei diesem Rennen bei 300 Watt, und selbst Stunden nach dem Zieleinlauf kannst du nichts ordentlich anfassen, weil es dich noch am ganzen Körper schüttelt.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.04.2012, 09:52 Uhr
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