Hungriger denn je

In London bestreitet Maja Neuenschwander am Sonntag ihren ersten Marathon als Profiläuferin. Es war ein langer Weg an die Spitze Europas.

«Die Erholung ist entscheidend, dass ich so lange im Geschäft sein kann»: Maja Neuenschwander. Foto: Franziska Rothenbühler

«Die Erholung ist entscheidend, dass ich so lange im Geschäft sein kann»: Maja Neuenschwander. Foto: Franziska Rothenbühler

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Gestern Morgen kam der mühsame Teil dieser Woche zu einem Ende. Wie ­immer vor einem Marathon hatte sich Maja Neuenschwander die Saltin-Diät verordnet. Diese beginnt mit einem langen, sogenannten Entleerungslauf, alles Vorhandene in den Speichern wird aufgebraucht. Es folgen einige Tage, in denen sie möglichst auf Kohlenhydrate ver­zichtet, die letzten leichten Trainings­­einheiten aber dennoch absolviert. Sie fühlt sich dann leer, müde und gereizt. Niemand sollte in dieser Zeit zu viel von ihr wollen. «Das Schöne daran ist jedoch», sagt sie, «dass sich die Vorfreude, der Hunger, der Fokus auf den Marathon exponentiell entwickeln.» Seit gestern Morgen nun überfüllt sie ihre Energiespeicher, «und man fühlt sich von Tag zu Tag stärker». Die Abreise nach London sei dann der letzte Teil der Vorbereitung.

Die Profiläuferin
Die nächsten Jahre: All-in

Neuenschwander hat nach Rang 29 an den Olympischen Spielen in Rio einen zweiten grossen Schritt gemacht: Sie ist Profiläuferin geworden, nachdem ihr befristeter Vertrag beim Bundesamt für Sport ab­gelaufen und die Stelle einem Sparpaket zum Opfer gefallen war. Bereits 2012 hatte sie sich zugunsten eines 50-Prozent-Jobs an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen vom Lehrerberuf verabschiedet. Leicht ist ihr der Entscheid im August nicht gefallen – vor allem aus finanzieller Sicht. Sie sagt: «Meine Trainer Sandra Gasser und Beat Aeschbacher hätten ihn aber schon länger gern gesehen, nun hat mich auch meine Partnerin dazu ermuntert.» Jetzt heisse es: All-in, wenn nicht jetzt, wann dann? Und schon jetzt, wenige Monate danach, empfindet sie es als «das Beste», was sie habe tun können.

Auf den Trainingsumfang, der sich bei ihr in Spitzenphasen bis auf 230 Kilometer in der Woche beläuft, hat sich die neue Situation kaum ausgewirkt. Auf ihre Erwartungshaltung und die Regeneration hingegen schon. «Ich fühle, dass ich mehr Zeit brauche, um mich zu ­erholen. Aber ich habe noch nicht herausgefunden, ob dies mit dem Alter ­zusammenhängt oder weil ich nun eben ge­nügend Zeit dazu habe», sagt sie und schmunzelt.

Seit die 37-Jährige im September 2015 in Berlin in 2:26:49 Schweizer Rekord lief, hat sie mit Nike nicht nur einen Ausrüster-, sondern einen leistungsbezogenen Vertrag. In vielen Gesprächen hätten sich weitere Finanzierungsmöglichkeiten ergeben, «auch solche, die ich nicht suchte», gibt sie zu. So sei ihr an einem frühen Morgen unten an der Aare ein Mann begegnet, dessen Hund ihr nicht ganz geheuer gewesen sei und sie habe auf Schritttempo bremsen lassen. «Der Mann hat mich erkannt und gefragt, ob ich tatsächlich schon so früh unterwegs sei», erzählt sie. Und: Er habe dann auch gefragt, wie teuer es sei, mit einem Logo auf ihrem Trainer präsent sein zu dürfen. «Ein paar Stunden später hatte ich von seinem Treuhänder eine Sponsoring-Offerte.»

Das Prestigerennen
Als Nr. 3 Europas am Start

Dreimal ist sie den Marathon bisher unter zweieinhalb Stunden gelaufen, letztmals vor gut einem Jahr in Tokio (2:27:36), damit war die Bernerin 2016 die drittschnellste Europäerin. Als sie sich für einen Startplatz am Prestige­rennen in London interessierte, sei das schnell gegenseitig gewesen, sagt sie ­zufrieden: «London ist vom Renommee her wie New York: super. Nur hat London die schnellere Strecke, da ist Paula Radcliffe Weltrekord gelaufen.»

Es ist das erste grosse Rennen, das Neuenschwander seit Rio bestreitet. Die Pause nach einem Wettkampf sei enorm wichtig, die Erholung entscheidend. «Es ist für mich die Voraussetzung, dass ich so lange im Geschäft sein kann», sagt sie. Und es verlange von ihr immer wieder unpopuläre Entscheide wie beispielsweise jenen um ihr «Heimrennen». «Ich habe noch nie den GP Bern bestritten, weil ich immer in der Erholungsphase bin», bedauert sie, «s isch zum Gränne».

Die Ausgangslage am Sonntag wird sein wie an Olympia oder an einer WM, weil das Elitefeld der Frauen 40 Minuten vor den Männern startet (10.20 Uhr) und keine Pacemaker hat. Neuenschwander erwartet eine kleine Spitze um Favoritin Mary Keitany (KEN), dahinter hofft sie in einer zweiten Gruppe unterzukommen und schielt dabei auf die schnellsten Britinnen, «die sich dort für ihre Heim-WM im August qualifizieren wollen». Das Unvorteilhafteste wäre, wenn sie über eine längere Distanz ­allein laufen müsste. «Aber auch dafür bin ich bereit im Kopf», sagt sie.

Die Vorbereitung
Neuer Reiz in Südafrika

Die nötige mentale Härte hat sie sich im Januar zugelegt, als sie erstmals in Dullstroom in Südafrika auf 2100 Meter über Meer trainierte. Der Vorteil sei gewesen, dass die ganze Familie sie habe begleiten können. «Das wäre im kenianischen Alltag nicht möglich gewesen», sagt sie. Nachteile hatte der Aufenthalt dennoch: Südafrika ist kein Läuferland, es laufen nur jene, die des Trainings wegen hierhergekommen sind. Sie sei deshalb sehr viel allein unterwegs gewesen. Und: Rundstrecken gebe es kaum, man laufe sehr eintönig einen Weg hin und denselben wieder ­zurück.

Kennen gelernt hat Neuenschwander ein Land, das sie von der Apartheid befreit glaubte. «Es hat mich deshalb sehr irritiert, wie klar noch immer ist, wer die Besitzer eines Hauses sind und wer putzt.» Als sie im März zum wiederholten Mal nach Iten ins kenianische Hochland zurückkehrte, schlug ihr Läuferherz wieder höher. «Dieser Sport verbindet dort, man findet sich übers Laufen. Schön ist auch, dass ich inzwischen viele Leute, auch Einheimische, von den ­letzten Aufenthalten her kenne.»

Die Kontrollen
In Kenia getestet

Nicht am Start sein wird am Sonntag Vorjahres- und Olympiasiegerin Jemima Sumgong. Der Kenianerin wurde bei einer Trainingskontrolle im Februar EPO nachgewiesen. Einerseits stimmt dieser Testerfolg Neuenschwander positiv, ­anderseits machen sie die «schwarzen Schafe» aber auch wütend: «Es hinterlässt den Eindruck, dass Spitzen­leistungen nur mit Doping möglich sind – das stimmt einfach nicht.»

Wie Sumgong wurde auch sie in Kenia kontrolliert. Die World Marathon ­Majors, der Zusammenschluss der sechs grossen Veranstaltungen, unterstützen dabei ein Testprogramm des Internationalen Leichtathletikverbandes für Top-Marathonläufer. Auch vor dem Start bei den jeweiligen Rennen verlangen sie von den Athleten Blutproben.

Bezüglich Nachkontrollen alter ­Dopingtests hat Neuenschwander jedoch zwiespältige Gefühle: «Es stimmt mich traurig», sagt sie, «was mit der Italienerin Anna Incerti geschehen ist.» Als Dritte der EM 2010 kam sie jüngst noch zur Goldmedaille, weil den vor ihr ­Klassierten nachträglich Doping nach­gewiesen werden konnte. «Sie ist heute Europameisterin, konnte sich aber nie als solche vermarkten und verpasste auch alle Emotionen, die ein Sieg mit sich bringt.» Neuenschwander fragt ­sogar: Was und wem bringt das etwas?

Der Bogen
Olympia 2020 im Hinterkopf

Genau 30 Jahre ist es her, seit sie erstmals in Turnschuhen einen Lauf be­-stritt – den damaligen Volksbank Grand Prix in Bern. Es war da noch ein langer Weg bis zu ihrem Marathon-Debüt 2006 in Zürich (2:44:23). Und seither war es nochmals ähnlich weit bis in die europäische Spitze – mit drei Zeiten unter 2:30 sowie Rang 2 in Hamburg 2013 und dem triumphalen Sieg in Wien, der sich am Sonntag zum zweiten Mal jährt.

Nun plant Neuenschwander konkret bis zur EM 2018 in Berlin. Auf die Weltmeisterschaften in diesem Sommer verzichtet sie zugunsten eines Herbstmarathons entweder ebenfalls in Berlin oder in den USA. Im Hinterkopf schwirren aber bereits die Olympischen Spiele 2020 in Tokio herum. Sie sagt: «Diese werden allerdings nur ein Thema, wenn ich in den nächsten Rennen spüre, dass ich noch Steigerungspotenzial habe. Wenn ich merke, dass ich nur noch ­erhalten kann, was jetzt vorhanden ist, dann habe ich es ausgereizt.» Man glaubt herauszuhören: Am Hunger würde es nicht fehlen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 22:31 Uhr

Abraham

Wasser statt Rekord

Seine Pläne waren ambitioniert gewesen: Nach dem Schweizer Rekord (2:06:40) in Seoul, EM-Doppelgold und dem Olympia­diplom 2016 war Tadesse Abrahams nächstes Ziel kein geringeres, als am London Marathon den Europarekord anzugreifen. Dieser liegt eine halbe Minute unter seiner Bestzeit. Es ist anders gekommen: Im März musste der für den LC Uster laufende Genfer sein Training in Äthiopien abbrechen – eine Stressfraktur am Kreuzbein änderte sein Pläne. Mittlerweile ist Abraham schmerzfrei und hat eben mit Aqua-Jogging begonnen. «Natürlich tut es weh, jetzt nach London zu blicken», sagt der 34-Jährige, er hat den Fokus aber bereits auf den Herbst gerichtet. «Wenn alles optimal verläuft, sollte es eigentlich möglich sein, Ende September in Berlin laufen zu können», hofft er. Das bedingt, dass er sein Trainingsprogramm ab Juni ohne Komplikationen durchziehen kann. (mos)

London Marathon

Bekeles Ziele

Meistgenannter Favorit ist am Sonntag der dreifache Olympiasiger Kenenisa Bekele. Der Äthiopier gewann 2016 in Berlin in 2:03:03, der zweitschnellsten je gelaufenen Zeit. Bekele blieb nur 6 Sekunden über dem Weltrekord. Der 34-Jährige wurde im Vorjahr Dritter – hinter Stanley Biwott, der diesmal verletzt absagen musste, und Sieger Eliud Kipchoge. Dieser ist in zwei Wochen Hauptakteur im Breaking2-Projekt in Monza, bei dem er als Erster unter zwei Stunden bleiben will. Mindestens der Streckenrekord (2:03:05) ist das Ziel Bekeles, doch wenn er läuft, ist immer auch der Weltrekord ein Thema. Zu den Gegnern gehört Ghirmay Ghebreslassie, der New-York-Sieger, der in 3 Wochen auch am GP Bern starten wird. Bei den Frauen strebt Mary Keitany ihren 3. London-Sieg an und schielt dabei auf den Weltrekord in einem reinen Frauenrennen, den Paula Radcliffe 2005 in 2:17:42 erzielte. (mos)


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