Der einsame Zürcher Dopingkampf

Vor dem Zürich Marathon müssen die Athleten negative Kontrollen vorweisen können. Die Zahl der Interessenten brach daraufhin plötzlich ein.

Schnelle, schwarze Marathon-Beine, aber nicht für alle gibt es die in Zürich gewünschten Belege. Foto: Filrom (Getty Images)

Schnelle, schwarze Marathon-Beine, aber nicht für alle gibt es die in Zürich gewünschten Belege. Foto: Filrom (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als die Leichtathletik das schlimmste Seuchenjahr der Neuzeit durchmachte, sagten sich die Macher des Zürich Marathons vor zwei Jahren: Auch wir wollen uns gegen Doper wehren, stammen sie nun aus Russland oder anderen Nationen. In der Szene mit den ausdauernden Beinen kommen die Besten primär aus Ostafrika, also fanden die Zürcher: Wer als Kenianer oder Äthiopier bei uns über 42,195 km rennen will, muss drei negative Dopingkontrollen innert eines ­Jahres vorweisen. Antidoping Schweiz applaudierte, sprach von Vorbildfunktion und Verantwortung.

Mittlerweile aber sind die Zürcher ­ernüchtert, weil sie erkannt haben: So einfach ist ihr Vorhaben nicht umzusetzen, obschon die Botschaft durchaus verstanden wird. Gemäss Nico Schefer, der die internationalen Athleten verpflichtet, ist das Startinteresse auf dieses Jahr hin eingebrochen. «Mich haben circa 50 Prozent weniger Manager kontaktiert.» Trafen bei ihm noch im letzten Jahr rund 70 Anfragen ein, waren es nun noch die Hälfte.

Der scheinbar nächstliegende Grund dürfte ­dabei der unbedeutendste sein: Den ­Managern geht es kaum darum, ­gedopte Athleten zu schützen. In der Praxis ­werden Läufer der zweiten oder dritten internationalen Stärkeklasse, wie sie ­die Zürcher verpflichten, schlicht nicht kontrolliert. Nur schon die besten ­Afrikaner ausserhalb der Wettkämpfe überprüfen zu können, ist für die internationalen Dopingbekämpfer und den Leichtathletik-Verband eine diffizile Aufgabe – nicht zuletzt, weil sich das einzige Kontrolllabor des ­Kontinents in Süd­afrika befindet. Blut aber richtig ­gelagert und gekühlt über Tausende ­Kilometer zu bringen, ­verlangt Know-how, zeitlichen Aufwand und ein sattes Budget. Also verzichtet man meist darauf, die Unbekannten zu überprüfen.

Der Verband priorisiert anders

Dies bedeutet für die Zürcher Veranstalter, die sich mit ihrem knappen Budget auf solche Athleten spezialisiert haben: Werden diese Läufer nicht ­getestet, ­können sie auch keine entsprechenden Belege vorweisen. Zumal alle Sportler bei einer ­negativen Probe gar nicht mehr informiert ­werden. Sie müssten sich also selber um einen ­Beleg kümmern, damit sie ein entsprechendes Papier präsentieren könnten. Für Nico Schefer wäre ­darum schon viel ­getan, wenn der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) die Kontroll­bescheinigungen ­wenigstens sammeln und Veranstaltern via eine Datenbank zugänglich machen würde.

Die Prioritäten der IAAF sind im ­Dopingkampf allerdings andere: Sie muss weiter die Situation in Russland in den Griff ­bekommen. Wichtige Detailarbeiten, wie der Aufbau einer solchen Datenbank, verschiebt sie deshalb.

Für Zürichs Organisatoren ist es eine ­ernüchternde Erfahrung, einen Beitrag zur Dopingbekämpfung leisten zu wollen, aber den eigenen Ansprüchen kaum gerecht zu werden – und es ist ihnen klar: Wir müssen unseren Ansatz überdenken. Mittlerweile nehmen sie wieder junge Afrikaner ins Feld auf, selbst wenn ihnen diese keine Belege liefern können, aber über eine gradlinige und unverdächtige Entwicklung verfügen.

Die Veranstalter schauen weg

Für kurze Zeit dachten die Zürcher ­daran, keine Afrikaner mehr zu engagieren. Sie verwarfen den Gedanken, da sie damit alle Athleten dieses Kontinents vorverurteilt hätten – ohne zu wissen, wie gross das Dopingproblem letztlich in diesen Ländern ist. Und überhaupt: Auch in China oder Osteuropa kommt der Anti-Doping-Kampf schleppend voran. Konsequenterweise hätten solche Läufer ebenfalls abgewiesen werden müssen. Also gleich ganz auf ein Elitefeld verzichten?

Dieses Gedankenspiel beendeten sie, weil die schnellste Zeit relevant ist. Wer glaubt, in Zürich nicht schnell rennen zu können, da die Besten bloss Allerweltszeiten aufstellen, interpretiert eine ­solche Marathon-Strecke als langsam. Vielen Teilnehmern geht es ­jedoch keineswegs nur ­darum, das Ziel zu erreichen – sie wollen dies auch möglichst schnell tun.

Diese verzwickte Lage macht die Zürcher ein wenig hilflos. Sie wollen Gutes tun und kommen doch nicht so recht vom Fleck. Zumal sie innerhalb der ­Marathon-Szene wohl einmalig sind mit ihrem Ansatz. Auch darum haben die Athleten problemlos Ausweichmöglichkeiten. Nico Schefer wünschte sich da­rum, seine Kollegen gingen das Thema ähnlich progressiv an wie sie. Im Moment aber ist sich noch jeder Veran­stalter am nächsten – und Zürich ein ­einsamer Rufer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2017, 21:34 Uhr

Artikel zum Thema

Auch im zweiten Wunderland der Läufer wachsen die Zweifel

Dopingfälle plagen Kenias Leichtathletik. Nun passiert dem ewigen Konkurrenten Äthiopien Ähnliches – auch wegen eines Mittels, das erst seit Januar verboten ist. Mehr...

In acht Schritten zum Superrekord

Kann der Mensch den Marathon unter 2 Stunden laufen? Dieses Wahnsinnsprojekt versucht es. Mehr...

So litten die «Tagi»-Journalisten am Zürich Marathon

Wer den Marathon im Team bewältigt, ist weniger lang auf der Marathonstrecke. Dafür hat sie oder er Zeit und Energie, nachzudenken – so zum Beispiel vier Journalisten des «Tages-Anzeigers». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Durch die Blume: Am Narzissenfest auf dem Grundlsee in Österreich zieht ein Boot einen Stier aus Blumen hinter sich her (28. Mai 2017).
(Bild: Leonhard Foeger) Mehr...