Das Laufwunder ist tot

Ed Whitlock war eine Legende der Marathonszene, noch mit 85 Jahren stellte er einen Weltrekord auf. Nun ist der Kanadier gestorben.

Drei Laufleben in einem – Ed Whitlock im Porträt. Video: Canadian Running Magazine


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ed Whitlock war der weltbeste Läufer, der eines nicht mochte: laufen. «Aber jeder hat sein Gefängnis», sagte er «Runner’s World» einst ironisch zu seinem zeitraubenden Hobby. Es machte ihn in der angelsächsischen Marathonszene zum Vorläufer der Veteranen. Whitlock, schlohweiss und dünn wie ein Strich, absolvierte im fortgeschrittenen Alter nicht einfach die magischen 42,195 km. Er überflog sie.

Als Erster vermochte er jenseits der 70 Jahre, die «Schallmauer» von drei Stunden zu brechen, das grosse Ziel vieler passionierter Läufer in ihren besten Jahren. 2:54:48 Stunden rasant war Whitlock mit 73. Die Zeit soll, auf die Elite übertragen, 2:04 entsprechen. Der Weltrekord beträgt 2:02:57 Stunden.

Ed Whitlock nach dem Marathon in Toronto 2012. Bild: Getty Images

Whitlock hielt von solchen Spielereien wenig, wie ihm das ganze Tohuwabohu um seine Person ohnehin eher seltsam vorkam. Er fand, als Vorbild wenig zu taugen, weil er sich um vieles foutierte, das man als ambitionierter Läufer angeblich tun sollte. Krafttraining? Interessierte Whitlock nicht. Stretching? Geschenkt. Ausgeklügeltes Essen? Für Profis. Statt sich mit solchen Nebenaspekten des Laufens aufzuhalten, wie er es bezeichnete, nutzte er die Zeit lieber fürs Laufen.

Bis zu vier Stunden rannte er täglich, und zwar bis zu drei Wochen lang. «Trotten» nannte er sein Tempo, das ungefähr sechs Minuten pro Kilometer entsprach. Auf alle anderen Laufformen wie Intervalls oder Schwellentrainings verzichtete Whitlock. Dafür sammelte er fleissig Kilometer. In seinen besten Wochen erreichte er um die 140 bis 170 km. Und übertrieb er das Malochen für einmal, pausierte er ganz einfach – manchmal über Monate.

Trotzdem begann er immer wieder zu rennen, weil ihn reizte, was er aus seinem Körper noch würde herauskitzeln können. Darin fand er seine Leidenschaft. Das Laufen war sein Mittel zum Zweck. Es hat ihn in drei Lebensabschnitten geprägt: In England geboren und aufgewachsen, rannte er als Teenager, ehe er als Ingenieur nach Kanada auswanderte, heiratete und eine Familie mitgründete. Anfang 40 begann er wieder zu rennen, primär auf der Bahn und bald als einer der weltbesten Senioren.

Training auf dem Friedhof

In dieser Zeit stellte er – quasi nebenbei – seine Marathonbestzeit auf. Einer seiner Söhne, damals 14, wollte die 42,2 km absolvieren. Als Whitlock diesem den Plan nicht ausreden konnte, startete er ebenfalls und erreichte als 48-Jähriger starke 2:31:23 Stunden. Ohne weitere Ziele lief seine zweite Laufbahn bald aus. Er hatte keine Lust mehr am Rennen. Nach seiner Pensionierung folgte die Rückkehr und der späte Aufstieg zum Veteranenstar.

Dass Whitlock jedes Training auf einer nahen Friedhofstrecke von einigen Hundert Metern abspulte, gehört ebenfalls in diese schillernde Vita eines Mannes, der eines tunlichst vermeiden wollte: stillzustehen. Anfang dieser Woche aber war sein Körper stärker: Ed Whitlock starb 86-jährig an den Folgen seines Prostatakrebses. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.03.2017, 12:32 Uhr

Artikel zum Thema

Der Lauf gegen die Marathon-Schallmauer hat begonnen

Geht es nach Nike, soll noch in diesem Jahr der erste Mensch einen Marathon unter zwei Stunden laufen. Jetzt steht fest: Das Projekt findet auf der Rennstrecke in Monza statt. Mehr...

Der verwegene Traum von den zwei Stunden

In einem Jahr den Marathon drei Minuten schneller laufen: Nike will das Rezept dafür gefunden haben und erntet dafür Zweifel und Aufmerksamkeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...