Sport
«Was ist das nur für ein verrücktes Team»
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 18.04.2012
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NLA-Playoff, 7. Spiel
Bern - ZSC Lions 1:2 (0:1, 1:0, 0:1)
PostFinance-Arena. - 17'131 Zuschauer (ausverkauft). - SR Kurmann/Massy, Arm/Küng. - Tore: 20. (19:18) Bastl (Monnet, Ambühl) 0:1. 22. Rüthemann (Martin Plüss, Neuenschwander) 1:1. 60. (59:57,5) McCarthy (Tambellini, Ambühl) 1:2. - Strafen: 0mal 2 Minuten gegen Bern, 2mal 2 Minuten gegen ZSC Lions. - PostFinance-Topskorer: Ritchie; Tambellini.
Bern: Bührer; Kinrade, Philippe Furrer; Roche, Beat Gerber; Jobin, Hänni; Pascal Berger, Ritchie, Dumont; Neuenschwander, Martin Plüss, Rüthemann; Déruns, Gardner, Vermin; Scherwey, Froidevaux, Reichert.
ZSC Lions: Flüeler; Geering, Blindenbacher; McCarthy, Seger; Stoffel, Daniel Schnyder; Bastl, Pittis, Monnet; Kenins, Cunti, Tambellini; Patrik Bärtschi, Ambühl, Kolnik; Chris Baltisberger, Schäppi, Bühler; Schommer.
Bemerkungen: Bern ohne Vigier, Kwiatkowski, Dominic Meier, Adrian Brunner (alle überzählig), Morant (gesperrt) und Lötscher (verletzt), ZSC Lions ohne Cory Murphy, Ziegler, Ulmann, Phil Baltisberger (alle überzählig), Down und Camperchioli (beide verletzt).
IIHF-Regel Nummer 470, Punkt 7:
«Das Tor ist gültig, wenn sich ein angreifender Spieler zum Zeitpunkt, da der Puck die Torlinie überquert, im Torraum befindet und in keiner Art und Weise den Torhüter dabei hindert, den Schuss abzuwehren (ausgenommen die beschriebenen Situationen in der Regel 471).»
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Noch lange wird an der Aare und im Grossraum SC Bern darüber diskutiert werden, ob das 2:1 von Lions-Verteidiger Steve McCarthy zweieinhalb Sekunden vor Schluss regulär gewesen sei oder nicht. Denn Andres Ambühl stand beim letzten Treffer der Schweizer Eishockey-Meisterschaft im Berner Torraum, behinderte jedoch Goalie Marco Bührer nicht. Fakt ist, dass die Heads Danny Kurmann und Didier Massy das Video konsultiert hatten, bevor sie den Treffer endgültig anerkannten. Dabei bezog sich Kurmann auf Passus 7 der Regel Nummer 470 – und gemäss dieser Regel durfte das entscheidende Goal in dieser Finalserie auch anerkannt werden (siehe Infobox).
Matchwinner McCarthy, der nun in der ZSC-Fangemeinde ebenso in den Olymp gehoben wird wie die Meisterschützen Adrien Plavsic (Finalserie 2000) und Morgan Samuelsson (2001), erklärte gegenüber den nationalen TV-Kameras: «Ich bin einfach sprachlos. Das Team musste eine Zeit lang unten durch. Beim entscheidenden Tor hatte ich freie Bahn und schoss.» Und er traf, wie nun die gesamte Eishockey-Schweiz weiss. Der kanadische Verteidiger, der erst während der Saison von Turku PS zu den Lions gestossen war, half mit seiner soliden und kämpferischen Spielweise, das Defensivgefüge beim ZSC zu verbessern.
Hartleys Lob und Dank an die Mannschaft
Natürlich freute sich auch Stanley-Cup-Sieger und Fuchs Bob Hartley über den siebten Titel der Klubgeschichte. Dennoch blieb er gefasst. «Das Spiel war ein Spiegelbild unserer Saison. Wir gewinnen wenige Sekunden vor Schluss – was ist das nur für ein verrücktes Team!» Der Frankokanadier lachte, erinnerte aber daran, dass der überraschende Triumph des Siebten der Qualifikation nur mit harter Arbeit möglich gewesen sei. «Ich hoffe, wir haben den Leuten gezeigt, dass es sich lohnt, nie aufzugeben.» Und dann vergass der Mann, der noch nie eine Playoff-Finalserie verloren hat, sein Personal, aber auch den Club nicht. «Ich arbeite mit unglaublichen Sportlern und in einer sehr professionellen Organisation.» Nicht zuletzt dank der konsequenten Arbeit des Headcoaches während des Winters waren seine Spieler fit und im wichtigsten Moment der Meisterschaft bereit für den Höhenflug.
ZSC-Goalie Lukas Flüeler, der in dieser langen Saison wie soviele seiner Teamkollegen grosse Fortschritte erzielt hat, bedankte sich bei seinen Vorderleuten. «Die Verteidiger und Stürmer wehrten wohl mehr Schüsse ab als ich. Und dann haben wir wenige Sekunden vor Schluss das 2:1 erzielt. Besser kann man es einfach nicht machen.»
Segers grosszügige Geste
Wie gut das interne Klima im Löwenrudel ist, bewies die Szene mit Captain Mathias Seger und Stürmer Patrik Bärtschi bei der Pokalübergabe. Nicht Seger, sondern Bärtschi durfte als erster Zürcher die Trophäe in die Höhe stemmen. «Patrik ist zuvor noch nie Meister geworden. Und er ist nicht nur eine aussergewöhnliche Persönlichkeit, sondern auch ein ganz wichtiger Spieler für uns. Er hat ein unglaubliches Playoff gespielt», erklärte der Schweizer Rekordinternationale die Gründe für seine Geste. Der Erfolg gegen den SCB, so der Routinier weiter, sei glücklich zustande gekommen. «Aber wir haben nie aufgegeben. Und die Moral ist bei uns intakt.»
Der dramatische Sieg der Lions in Bern wird nach einer hart umkämpften, spannenden und intensiven Finalserie in die Geschichte des Schweizer Eishockeys eingehen. Dazu gehört aber auch die bewundernswerte Fairness des unterlegenen Finalisten. Das Publikum in der ausverkauften «Pöstler-Arena» pfiff zwar und war – wie die SCB-Spieler auch – nach der letzten Sirene der Saison masslos enttäuscht. Aber Berner Fans und Profis akzeptierten den Entscheid der Refs und liessen eine würdige Pokalübergabe zu.
Rüthemanns Plädoyer für die Sportlichkeit
SCB-Captain Martin Plüss erklärte gegenüber dem Schweizer Fernsehen: «Sicher ist das eine sehr bittere Niederlage. Wir hatten das Gefühl, dass wir klar besser waren. Es war ein unglückliches Tor. Die Zürcher hatten am Schluss mehr Raum, um erstmals etwas kreieren können. Wir hatten vorher mehrere Chancen, um mehr als nur dieses eine Tor zu erzielen. Letztlich warteten sie auf Fehler, wir konnten den Druck nicht aufrechterhalten.» Und das entscheidende Goal? «Unsere Führung sagte, dass es klar Torraum-Offside war. Ich selber kann nicht viel dazu sagen.»
Exemplarisch fair verhielt sich Berns Headcoach Antti Törmänen: «Für mich war es ein regulärer Treffer. Ich habe keine Behinderung von Ambühl gesehen. Überdies standen die Schiedsrichter sehr gut.» Auch Ivo Rüthemann beeindruckte die Nation mit seinen Schilderungen zu dieser Finalissima. «Das Momentum kippte am Schluss. Zuvor waren wir 40 Minuten lang die bessere Equipe gewesen. Ich hatte ein enges Spiel erwartet, das war dann auch der Fall.» Der Flügelstürmer des SCB vergass nicht zu erwähnen, dass «wir den Gegner respektieren. Das ist die Grundlage für den Sport. Der ZSC, der sehr gut kontern kann, hat den Titel nicht gestohlen. Sie haben hart für diesen Erfolg gearbeitet.» Hut ab von solch sportlichen Äusserungen unmittelbar nach einer hart umkämpften Finalserie und einem umstrittenen Treffer, der die Berner Meisterparty endgültig platzen liess.
Ambühls brillante Bilanzen
Obwohl ihm vieles nicht gelang, gehörte Ambühl wiederum zu den Schlüsselfiguren an diesem denkwürdigen Abend. Der Ur-Davoser, der läuft und läuft, hatte das 1:0 eingeleitet und war auch beim 2:1 von McCarthy massgeblich beteiligt. Überdies hat der wendige Center und Flügel nun eine unglaubliche Statistik vorzuweisen: Achtmal stand er bei Playoffspielen Nummer 7 auf dem Eis, achtmals verliess er den Arbeitsplatz als Sieger. «Das liegt wohl kaum an mir», meinte der ZSC-Motor bescheiden. «Heute haben wir Glück gehabt, wir sind lange Zeit nicht gut gewesen. Am Ende hat es aber dennoch gereicht, darüber bin ich schon sehr froh.» Ambühl, in der Saison 2011/12 endgültig in Oerlikon angekommen, feierte damit bereits seinen fünften Meistertitel. Nicht schlecht für einen 28-jährigen Eishockey-Profi.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.04.2012, 01:03 Uhr
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