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Systemneustart und Fragen um Bührer
Von Emil Bischofberger. Aktualisiert am 16.04.2012
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So ein Drittel hatte dieser Playoff-Final noch nicht gesehen. Sechs Tore waren in diesen zweiten 20 Minuten gefallen. So viele wie im ersten Spiel in 60 Minuten, so viele wie in der Folge höchstens noch in zwei Spielen zusammen.
Was war geschehen? Erstens passierte Unglaubliches: Die ZSC Lions, das Team mit dem schlechtesten Powerplay der Liga, erzielten zwei Tore in Überzahl. Klar kann man aus Berner Sicht sagen: Mit solchen Toren muss man rechnen, auch das schlechteste Powerplayteam hat in der Situation einen Mann mehr auf dem Eis. Es waren auch weniger die beiden Tore, die dem SCB den Atem raubten, sondern die zwei davor.
Monnet zog nach einem Puckverlust in der Mittelzone ab, Bührer kriegte seinen Fanghandschuh nicht ganz hin. 30 Sekunden später doppelte Ambühl nach. Und wieder zwei Minuten später stand es 3:0. «Unser Defensivsystem soll kollabiert sein? Schauen Sie, wie die Tore passiert sind. Die Puckverluste geschahen in der neutralen Zone!», rechtfertigte sich Antti Törmänen nach dem Spiel. Gespielt waren erst 27 Minuten, aber die Berner schienen geschlagen, und zwar vernichtend. «La Ola» ging durchs Hallenstadion, als die Gäste ein Powerplay erhielten. Gardner lenkte schön ab zum 3:1. Bei seinem nächsten Einsatz reagierte er nach dem Bully am schnellsten – 3:2 (36.). Die Berner waren zurück, die Moral wieder auf ihrer Seite, der Meistertitel nur mehr zwei Tore entfernt. Durchaus realistisch, nach so einer Reaktion.
Doch die kam, anachronistisch, wie diese Partie lief, wieder von den Zürchern in Form ihres zweiten Powerplaytreffers. «Das 4:2 tat uns weh», sagte Törmänen. Und übers zweite Drittel generell: «Plötzlich liegst du zwei, drei Tore zurück. Dann triffst du, baust dich wieder auf, sagst: ‹Wir sind ja ein gutes Team!› Und dann das.»
Wieder Wechsel bei Ausländern
Das Spiel ging ähnlich wirr weiter. Auf das nächste SCB-Comeback (42. Plüss 4:3) folgte Bärtschis 5:2 (46.). Von System und Organisation war gerade in der SCB-Defensive nicht mehr viel zu sehen. Bei Bärtschis 5:2 hatte Namensvetter Christoph Bertschy den Puck verloren – in der neutralen Zone. Der Youngster hatte wieder einen festen Platz im Team erhalten, nachdem Törmänen erneut auf den Ausländerpositionen gewechselt hatte: Kwiatkowski für Roche, Vigier für Dumont. Von aussen gesehen ohne Not. «Darüber sprechen wir nach der Saison», sagte der Finne nur dazu, womit er antönte, dass Dumont (Schulter) wie Roche (Knie) eben doch schwerer verletzt sind als allgemein angenommen.
Die erneuten Spielerwechsel und die damit einhergehenden Umstellungen in den Linien waren nicht die einzigen diskutablen Entscheide des SCB-Trainers. Da war auch noch die Auswechslung von Bührer nach dem 5:3. «Ach was, das macht Bühri nichts aus. Ich hatte schon zuvor mit ihm darüber gesprochen, wollte ihn später wieder einwechseln. Aber es fehlte die Zeit dazu. Zudem hatte Gigon schon lange nicht mehr gespielt», tat Törmänen die kritische Frage ab. Er wusste, wie diffizil die Frage war, nach dem Overtime-Treffer am Donnerstag war sein Torhüter erneut nicht bei allen Gegentoren stilsicher gewesen. Ein Boulevard-Medium spekulierte gar über eine mögliche Verletzung Bührers, die dieser im Spiel 5 erlitten haben soll, als er von Freund und Feind über den Haufen gefahren worden war.
Für Dienstag erscheinen beide Siegszenarien gleich plausibel. Der SCB gewann in gleicher Konstellation (nach zwei vergebenen Matchpucks) das siebte Spiel beim Titel 2010, die ZSC Lions gewannen so (nach zwei abgewehrten Matchpucks) den Titel 2001.
Streits Vorfreude auf Spiel 7
Auch der prominenteste Eishockey-Zuschauer wollte sich nicht auf eine Seite schlagen. NHL-Verteidiger Mark Streit hatte das Spiel live mitverfolgt und zog danach vor der Zürcher Kabine mehr Medieninteresse auf sich als alle verbliebenen ZSC-Spieler zusammen. Wohlweislich schlug er sich auf keine Seite. Mit den Lions gewann er 2000 seinen einzigen Titel, bei den Bernern genoss er zuletzt jeweils im Sommer Gastrecht. Nur so viel sagte er: «Das Spiel 7 in Bern ist das Beste, was dem Schweizer Eishockey passieren konnte.» Tatsächlich stösst das Duell in eine neue Dimension vor, die grössten Stadien der Schweiz waren stets ausverkauft, damit wird erstmals ein Final über 100'0000 Zuschauer anziehen.
Törmänen, der in der Niederlage einen gewissen Hang zum Sarkasmus zeigt, meinte auf das Spiel 7 von 2010 angesprochen nur: «Keine Ahnung, ob die Erfahrung ein Vorteil ist. Ich muss die Spieler erst fragen, ob sie damals absichtlich zwei Mal verloren haben . . .»
Am Sonntag gab er seinen Spielern frei, sie sollten ihren Kopf durchlüften. Für Dienstag fordert er die Rückkehr zur harten Arbeit, mit der sein Team das Glück wieder auf seine Seite zwingen werde. Dass ihn die Niederlage schmerzte, konnte er nicht verbergen. Darauf angesprochen, welche positiven Punkte er mitnehme aus dem Spiel, zählte er die geschossenen Tore, die Entschlossenheit im Powerplay auf – und kam von sich aus wieder auf die gemachten Fehler zu sprechen. «Wir müssen aber auch die schlechten Dinge vor Augen führen!»
Entsprechend deutlich dürfte die Matchanalyse heute Morgen ausfallen. (Der Bund)
Erstellt: 16.04.2012, 06:45 Uhr
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