«Es wird irgendwann Tränen geben»
Ralph Krueger versucht, den Anschein von Normalität zu wahren, als er an diesem Mittwochnachmittag im Winterthurer Hotel Banana City über die Saison des Nationalteams spricht. Für ihn sei alles wie immer, sagt der Deutschkanadier etwa. Tatsächlich ist vor der 13. Saison des Nationaltrainers aber vieles anders. Zum Beispiel, dass er vor dem ersten Spiel weiss, dass es seine letzte Saison sein wird. Oder dass er am «Kickoff-Tag» im Herbst nicht weiss, wie lange sie dauern wird.
Philippe Gaydoul habe ihm auch persönlich gesagt, dass er das Team nur bis Ende Saison leiten werde, falls es an den Olympischen Spielen unter die besten acht vorstosse, sagt Krueger. Und er sagt auch, dass er sonst noch nicht oft mit dem neuen Verbandspräsidenten gesprochen habe. Viel gibt es zwischen den beiden zurzeit auch nicht zu bereden. Das könnte sich allenfalls dann ändern, wenn der 50-Jährige die Zielvorgabe im Februar nicht erreicht. Denn einen Plan für diesen Fall hat der Verband bisher nicht. «Wir sind optimistisch», sagt Verwaltungsrat Pius-David Kuonen dazu. «Die Situation nach Olympia analysieren wir dann.» Kruegers Nachfolger Sean Simpson wird das Amt definitiv erst im Juni antreten.
Die WM ist noch kein Thema
Krueger selbst, der bisher stets über mehrere Saisons hinaus plante, macht sich offensichtlich keine Gedanken zur WM im April in Deutschland und beantwortet dazu auch noch keine Fragen. Stattdessen tippt er auf den Olympia-Pin an seinem Revers und sagt: «Ich konzentriere mich jetzt ganz darauf.» Weniger als vier Monate und nur zwei Zusammenzüge bleiben ihm bis Vancouver, wo er «das beste Eishockeyturnier aller Zeiten» erwartet. Anders als in früheren Jahren will er seine verbleibende Zeit mit dem Nationalteam nicht für umfangreiche Kadersichtungen verwenden. Der Deutschland-Cup von übernächster Woche werde nicht mehr den Charakter einer Aufnahmeprüfung haben, sagt er. «Wir spielen im November und im Dezember mit der stärkstmöglichen Mannschaft, die uns momentan zur Verfügung steht.»
Damit würde er jene Forderung Gaydouls erfüllen, die im Sommer für einigen Wirbel sorgte. Die Aussage rief aber in Erinnerung, dass ihm eben nicht alle Spieler zur Verfügung stehen – etwa Reto von Arx und Michel Riesen, die auf ihre Rücktritte vom Nationalteam bisher nicht zurückgekommen sind. Ebenfalls nicht zur Verfügung steht ihm Beat Forster, der während des Turniers zum zweiten Mal Vater werden soll. Auch nicht dabei sind die in Nordamerika engagierten Spieler, zumindest die NHL-Stammspieler Streit, Hiller und Sbisa dürften für Olympia gesetzt sein. Weber hat ebenfalls gute Chancen. Einziger Neuling in Kruegers erstem Aufgebot ist Luganos eingebürgerter Kanadier Hnat Domenichelli. Noch kein Aufgebot erhielt der aktuelle NLA-Topskorer Damien Brunner. «Er ist ein Kandidat», sagt Krueger. «Die Chancen für Neulinge sind aber sehr klein, weil Erfahrung in Vancouver sehr wichtig ist.»
Zukunft unbekannt
Solche Aussagen hörte man von Krueger in der Vergangenheit nicht. Auf seiner Abschiedstournee setzt er auf die Spieler, mit denen er über Jahre gearbeitet hat; neue Freunde muss er keine gewinnen. Was für ihn danach komme, wisse er noch nicht, betont er – obwohl er viele Angebote erhalten habe. «Ich kann meinen Spielern nicht Loyalität predigen und selber meine Zukunft planen, während ich mich auf ein Turnier konzentrieren müsste.» Klar ist aber, dass das absehbare Ende seiner Ära auch den scheinbar so kontrollierten Coach nicht kalt lässt: «Ich bin sicher, es wird irgendwann Tränen geben.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.10.2009, 09:35 Uhr
