Mehr Spannung und Unterhaltung, bitte!

Die Challenge League kämpft um Aufmerksamkeit und tut sich mit dem aktuellen Modus schwer, im Schatten der Super League ihre Rolle zu finden.

Kantonsderby: Nach dem Abstieg war der FC Zürich zu Gast auf der Winterthurer Schützenwiese. Foto: Andy Mueller (freshfocus)

Kantonsderby: Nach dem Abstieg war der FC Zürich zu Gast auf der Winterthurer Schützenwiese. Foto: Andy Mueller (freshfocus)

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Wieso geht ein Zuschauer zu einem Challenge-League-Spiel? Entweder ist er ein unglaublicher Fan, oder er will etwas erleben, das Spannung verspricht. Spannung ist etwas vom Wichtigsten. Wer nicht unterhalten wird, ist schnell wieder weg.

Derzeit wird wieder einmal darüber diskutiert, ob der Modus im Schweizer Fussball geändert werden soll. Modelle mit Final- und Abstiegsrunde werden besprochen, in denen selbst der Sieger der Abstiegsrunde eine Chance auf einen Platz in der Europa League bekommen soll.

Die Challenge League mag professionell daherkommen, aber ihre Meisterschaft ist mässig unterhaltend.

Die Challenge League müsste mehr als 10 Mannschaften umfassen. Sie mag jetzt professionell daherkommen, aber ihre Meisterschaft ist mässig unterhaltend, ausser man findet es reizvoll, dass seit ihrer Einführung vor fünf Jahren schon vier Mannschaften abgestiegen sind, weil sie keine Lizenz mehr bekamen oder beantragten (Bellinzona, Servette, Biel und Le Mont). Wer will schon viermal Winterthur - Chiasso sehen? Das liesse sich bei einem Modus mit mehr Teams vermeiden.

Ein Fehler war, dass die Barrage nach oben und nach unten gestrichen wurde. Letzte Saison konnte der FC Wil machen, was er wollte. Er hielt finanzielle Versprechungen nicht ein, spielte eine jämmerliche Rückrunde, war Tabellenletzter – und stieg wegen des freiwilligen Rückzugs von Le Mont trotzdem nicht ab. Aber hätte er als Neunter in eine Barrage mit einem Promotion-League-Club gehen müssen, wäre er für sein Handeln vielleicht doch noch bestraft worden.

 Was ist schon das Problem, wenn in einer Liga drei, vier Mannschaften durch Auf- oder Abstieg ausgetauscht werden? Das ist der Reiz. 

Die Barrage wurde aus Angst vor zu grossen Veränderungen abgeschafft. Was ist schon das Problem, wenn in einer Liga drei, vier Mannschaften durch Auf- oder Abstieg ausgetauscht werden? Das ist der Reiz. Der FCZ ist auch abgestiegen und hat das Beste daraus gemacht. Wir leben in einer Unterhaltungsindustrie und müssen dem Kunden etwas bieten, damit er kommt. Darum würde ich eine 10er-Liga mit Barrage einer Liga mit kompliziertem Modus vorziehen.

Eine Frage ist, was das Land für den professionellen Fussball hergibt. Was geht finanziell in der Challenge League? Wie kann sie kommerziell funktionieren? Die Anforderungen der Swiss Football League sind dauernd gewachsen. Das Flutlicht muss wegen des Fernsehens besser werden, es braucht Sektorentrennungen, mehr Notausgänge, Klappstühle und so weiter. Wir dürfen uns nicht an der 2. Bundesliga orientieren, wir müssen uns die Verhältnisse der Schweiz vor Augen halten. Das heisst: Die öffentliche Hand, die meistens im Besitz der Stadien ist, ist nicht mehr bereit, einfach zu zahlen.

Die Anforderungen der Swiss Football League sind dauernd gewachsen. Das Flutlicht muss wegen des Fernsehens besser werden, es braucht Sektorentrennungen, mehr Notausgänge, Klappstühle und so weiter. 

Zum Glück kam in unserem Fall die Stadt Winterthur noch für die Zusatzbeleuchtung an den beiden Tribünendächern auf. Natürlich mögen die 30'000 bis 40'000 Franken, die dafür nötig waren, nicht viel Geld sein. Aber für uns, für den FC Winterthur, ist das viel.

Wenn ich unsere Rechnung anschaue, zahlen wir allein für Energie, Stadionmiete und Sicherheit rund 500'000 Franken. Wir müssen sparen, wo wir können – erst recht, weil unser alter Präsident Hannes W. Keller ab jetzt keine Defizitgarantie mehr bis zu 1,5 Millionen Franken pro Saison leistet.

Favoriten für den Aufstieg sind andere als wir; das sind Servette, Xamax, Vaduz, vielleicht auch Schaffhausen und Aarau. Wir dagegen gehen in eine Übergangssaison. Die Mannschaft ist nochmals verjüngt worden, das Budget haben wir von 4,4 auf 3,9 Millionen gekürzt.

Der Club gehört weiterhin Hannes W. Keller, und sein Sohn Mike amtet als Vizepräsident. Aber einen Präsidenten haben wir weiterhin nicht. Diese Position haben wir offengehalten, falls jemand bei uns seriös einsteigen will. Das ist noch nicht gelungen, es ist auch nicht so einfach. Wer kommen will, muss die Stadt und die Region kennen und den Stellenwert des FCW. Dann kann ein Engagement auch erfolgreich sein. Sonst fehlt ihm jede Nachhaltigkeit.

Meine Botschaft ist, dass jeder Verein ein eigenständiges Profil erarbeiten muss. Der FCW ist ein Teil der Stadt. 

Meine Botschaft ist, dass jeder Verein ein eigenständiges Profil erarbeiten muss. Der FCW ist ein Teil der Stadt. Was bei uns läuft, auf der Schützenwiese, gehört zu ihr. Wer zu uns kommt, soll sich hier wiedererkennen. Ich möchte, dass der FCW ein Aushängeschild der Stadt ist. Wenn ich in der Zeitung lese, der Verein sei Kult, er zeige, was wahrer Fussball noch sei, dann weiss ich, dass wir einiges richtig gemacht haben.

Der Fussball ist bestens geeignet, soziale Arbeit zu leisten. Vor ein paar Tagen fand der «Steigemer Kick» statt. Das war zwar in erster Linie ein Schülerturnier, aber es war deshalb von Bedeutung, weil es um Integration ging, und das in einem Quartier im Süden der Stadt, das einen schlechten Ruf hat. Die NZZ hat letztes Jahr einen Artikel über Steig geschrieben, von der Entwicklung zu einer Parallelgesellschaft, die hier zu beobachten sei, von Jugendlichen, die vom IS rekrutiert worden seien.

Das kleine Turnier hat ein anderes Gesicht gezeigt. Gemischte Mannschaften spielten Fussball, lokale Politiker und Politikerinnen machten mit, Eltern und Kinder unterschiedlicher Herkunft feierten zusammen, und es gab Videobotschaften von Ermir Lenjani und Pajtim Kasami, die wie Amir Abrashi in diesem Quartier aufgewachsen sind und jetzt schon lange im Ausland spielen. Diese Veranstaltung hat mir erneut gezeigt, dass wir die Kraft des Fussballs nutzen müssen, um einen wichtigen Teil zur Integration zu leisten.

Ich weiss, am Banalen für die neue Saison ändert das nichts. Der FCW muss wieder an die Spitze der Challenge League zurückkommen. Nicht gleich heute. Aber bald.

* Andreas Mösli (52) war früher Journalist und ist seit 2003 Geschäftsführer des FC Winterthur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 23:17 Uhr

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Challenge League

36. Runde

03.06.FC Aarau - Neuchatel Xamax FCS2 : 0
03.06.FC Wil 1900 - FC Schaffhausen2 : 1
03.06.FC Winterthur - FC Chiasso3 : 1
03.06.FC Zürich - FC Wohlen3 : 0
03.06.FC Le Mont LS - Servette FC0 : 1
Stand: 03.06.2017 19:48

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Zürich36267391:3085
2.Neuchatel Xamax FCS36227766:3673
3.Servette FC361881055:4362
4.FC Schaffhausen361631764:5951
5.FC Aarau361361757:6445
6.FC Winterthur361181745:6241
7.FC Wohlen361232142:6039
8.FC Chiasso369101743:6337
9.FC Le Mont LS368111731:5435
10.FC Wil 1900361071935:5834
Stand: 03.06.2017 19:48

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