Das Pomme frite

Ob das Pomme frite auf dem Weg durch Grädel auch dem Bier begegnet ist?

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«13 Sekunden!», sagte Grädel, sein Bier in der linken Hand haltend. Ein Schluck war unfreiwillig über den Rand seines Bechers auf seine Hose geschwappt, ein nasser Fleck lag jetzt dort auf seinem Oberschenkel. Yoric Ravet war losgestürmt, mit der Dynamik eines Orkans, er spielte eine Art Doppelpass und legte dann – ja, da musste es passiert sein – den Ball in die Tiefe auf Miralem Sulejmani. Das Bier musste dann irgendwann über den Plastikrand dieses Bechers geschwappt sein, ungefähr zeitgleich mit dem Schuss: das Bier auf seiner Hose, der Ball in der hohen Ecke. «13 Sekunden!», sagte Grädel.

«11 Sekunden, Grädel», sagte ein Kollege später in der Gartenbeiz, er habe die 11 auf der Anzeigetafel gesehen, ganz deutlich. Zweimal die 1 und ein paar Zerquetschte. «Grädel, du bist zu langsam, du musst schneller leben, schneller denken, schneller schauen, du fällst aus der Welt.» 11,8 Sekunden hatte es tatsächlich gedauert vom Anstoss bis zu diesem 1:0. Die Leute vom TV hatten das so verkündet, die Zeit gestoppt.

Ja, Grädel war langsam. Zu langsam? Grädel hatte das natürlich auch schon bemerkt, er war vielleicht nicht sofort darauf gekommen, nein, aber ja, Grädel hängt manchmal einem Satz nach, einem einzelnen Wort, wartet, bis er ihn, es verstanden hat, bis er, es im Innern seines Kopfes angekommen ist – klar, deutlich, unmissverständlich.

Vor Grädel lag ein Teller mit ein paar verbliebenen Pommes frites. Es lagen eigentlich noch eine ganze Menge da. Die Teller der Kollegen waren leer und weiss gegessen. Grädel nahm ein Pomme frite, kostete diesen schmalen kleinen Balken in seinem Mund, mit der Zunge, dem Gaumen, zerkleinerte ihn mit seinen Zähnen hinten rechts und links, er spürte die Hitze aussen, die Kruste, das Fett, aber auch das Weiche im Innern des Pomme frite, dann schluckte er die fein zerkleinerte Masse, verfolgte ihren Fall in den Magen und stellte sich später vor dem Einschlafen vor, wo dieses Pomme frite jetzt wohl war: im Dünndarm, im Dickdarm schon?

Am übernächsten Tag (langsame Verdauung) musste Grädel irgendwann aufs stille Örtchen. Das müssten jetzt die Reste des Pomme frite sein, dachte sich Grädel, und der Pommes frites auch, klar, aber eben auch des einen kleinen Pomme frite. Grädel schaute auf die Uhr, rechnete und schickte noch vom stillen Örtchen eine Nachricht an seine Kollgen: «43 Stunden und 41 Minuten für die Seelenwanderung eines Pomme frite wieder in die Welt.» (Der Bund)

Erstellt: 18.05.2017, 06:59 Uhr

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