Zwischen dem Traum Real und dem Alltag Bellinzona
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Einer der grössten Erfolge der Vereinsgeschichte muss gebührend gefeiert worden, und so genossen Trainer, Betreuer und Funktionäre der Young Boys den wunderbaren Moment in Istanbul am Mittwoch bei edlem Wein und Bier bis tief in die Nacht. Die Spieler, die zuvor 1:0 bei Fenerbahçe Istanbul gewonnen hatten, betraten nach Mitternacht zur Erholung noch den Wellnessbereich – nach dem Gang in den Whirlpool stiessen auch sie auf den überraschenden, aber verdienten Erfolg an.
«YB hat in den letzten Jahren selten so stark gespielt wie in diesen Spielen gegen Fenerbahçe», sagt Alain Baumann. Der Sportchef stand als YB-Fussballer 1988 im Viertelfinal des damaligen Cupsiegercups gegen Ajax Amsterdam, aber das seien andere Zeiten gewesen. «Fenerbahçe hat nicht gut gespielt, doch es ist dennoch ein europäischer Topverein», sagt Baumann. «Eine Gruppenphase zu erreichen, ist für YB ein toller Erfolg.»
St. Petersburg spielt bereits
Heute Freitag geniessen die Spieler ihren freien Tag, während Alain Baumann zusam-men mit seiner Assistentin Claudia Birri an die Auslosung der Champions-League-Playoffs nach Nyon fährt. Kurz nach 12 Uhr erfahren die Young Boys die letzte Hürde auf dem Weg in den bedeutendsten Klubbewerb der Welt. «Es sind fünf starke Gegner möglich», sagt Baumann. Und: «Ich möchte einfach nicht auf St. Petersburg treffen.» Im Gegensatz zu Sevilla, Bremen, Tottenham und Ajax Amsterdam stehen die Russen mitten in der Saison. Als krasser Aussenseiter wird YB gegen jeden aus dem illustren Quintett gelten.
Verein und Fussballer wissen den Grosserfolg am Bosporus einzuschätzen. «Der wichtigste Bewerb für uns ist weiter die Super League», sagt Baumann. «Nur wenn wir dort erfolgreich sind, können wir auch nächstes Jahr im Europacup spielen.» Nach dem Fehlstart (zwei Punkte in drei Partien) steht YB in der nationalen Liga schwer unter Druck. Und das Beispiel des FC Zürich, der letzte Saison unter der Dreifachbelastung Champions League, Meisterschaft und Pokal fürchterlich kollabierte, ist auch YB bekannt. «Wir haben jetzt ein viel breiteres Kader als letztes Jahr», sagt Vladimir Petkovic. Der Trainer hat zwar sein System verändert und in Istanbul in einer sehr kompakten, vernünftigen 4-2-3-1-Formation agieren lassen. Aber: Petkovic hat seine Philosophie nicht verraten. Und so stürmte YB auch bei Fenerbahçe frech und munter und attraktiv drauflos – und diktierte das Geschehen wie bereits im Hinspiel deutlich.
Kleiner Liga-Krisengipfel
Die Gefahr des reizvollen, aber strengen Parcours im Herbst ist nicht zu unterschätzen. Durch acht weitere Europacup-Partien erhöht sich die Zahl der Pflichtspiele bis nicht einmal Mitte Dezember auf vermutlich 26 (!) – 15 in der Liga, 8 im Europacup und wohl 3 im Cup. Sportchef Baumann dementiert, bis Ende August weitere Zuzüge tätigen zu wollen: «Wir haben gerade in der Defensive talentierte junge Spieler, die man jederzeit einsetzen kann.» Weil Abwehrspieler Hassan Lingani die gesamte Vorrunde verletzt ausfällt, ist die Verteidigung für das strapaziöse Programm eher dünn besetzt. Doch mit Mario Raimondi oder Christoph Spycher stehen bei YB polyvalente Spieler im Aufgebot, die bei Bedarf in der Viererkette links verteidigen könnten.
Und einen ersten Vorgeschmack auf die unterschiedlichen, auch mental schwierig zu verarbeitenden Fussballwelten haben die Berner ja am letzten Wochenende erlebt, als sie drei Tage nach der starken Vorstellung gegen Fenerbahçe (2:2) in Bellinzona eine indiskutable Leistung zeigten und 1:2 verloren. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Traum von Real Madrid und der Realität Bellinzona, zwischen dem grossartigen Fussballstadion Sücrü-Saracoglu und dem verlotterten FC-Luzern-Provisorium «Gersag-Stadiönli» zu Emmenbrücke.
Übermorgen geht es für YB vorerst im Letzigrund in vermutlich eher trister Ambiance gegen das ebenfalls schwach gestartete GC weiter. Der Dritte der Vorsaison empfängt den Zweiten zum ersten kleinen Krisengipfel in der Super League. Und wenn YB nicht aufpasst, sind die europäischen Sternenfänger am Sonntagabend auf dem letzten Platz der Liga klassiert. Die Alltagskost kann grässlich schmecken – besonders nachdem man den Duft der grossen Fussballwelt gerochen hat.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 06.08.2010, 08:26 Uhr
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