Wüten und Schweigen nach Provokationen
Von Thomas Schifferle. Aktualisiert am 13.04.2010 8 Kommentare
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Am Sonntagabend in Hamburg rief ein Zuschauer zu Paolo Guerrero: «Geh doch nach Peru zurück!» und: «Arschloch!» Der HSV hatte eben gegen Hannover nur ein 0:0 zustande gebracht.
Am Montag in St. Gallen wurde Massimo Busacca von den lokalen «Fans» mit Pfiffen begrüsst und während des Spiels gegen Lausanne mit «Vaffanculo» («Leck mich am Arsch») beschimpft. Sie bewarfen den gegnerischen Goalie mit Feuerzeugen und brannten Fackeln ab.
In Hamburg kam der rüpelnde Zuschauer von der Haupttribüne, aus dem «Schnittchenbereich», wie die Deutschen die Tribüne der gut zahlenden Gäste bezeichnen. In St. Gallen war es die Provinzjugend, die sich in der Provokation gefiel.
Was muss sich ein Spieler, was ein Schiedsrichter gefallen lassen?
Ob grosse Bundesliga oder Schweizer Cup, die Frage ist die gleiche: Was muss sich ein Spieler, was ein Schiedsrichter gefallen lassen? Alles, glaubt man Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender beim Hamburger SV. Der 26-jährige Peruaner Guerrero dachte in einer ersten Kurzschlussreaktion anders, nahm sich eine gefüllte Plastikflasche und traf den Zuschauer im Gesicht. «Inakzeptabel», sagte Hoffmann und büsste den Spieler mit einem Betrag angeblich zwischen 50 000 und 100 000 Euro. Guerrero entschuldigte sich anderntags öffentlich, die Staatsanwaltschaft besänftigte das nicht. Gestern hat sie ein Ermittlungsverfahren gegen den Spieler eingeleitet – «wegen des Anfangsverdachts der gefährlichen Körperverletzung».
Busacca erlebte das, was ihm in St. Gallen widerfuhr, nicht zum ersten Mal. Berühmt ist seine Reaktion vom vergangenen September, als er beim Cupspiel in Baden von YB-«Fans» so angepöbelt wurde wie jetzt wieder. Als Antwort zeigte er ihnen den «Stinkefinger». Er wurde für drei Spiele gesperrt.
Schiedsrichter-Chef Urs Meier erhebt zum Credo: Schmährufe dürften nicht in das Herz eines Schiedsrichters gelangen, man müsse die Ohren auf Durchzug stellen. Denn für ihn ist klar, als Schiedsrichter habe man in dem Moment verloren, in dem man auf die Provokation eingehe.
Ein stolzer Schiedsrichter
An diesem Montag befolgte Busacca die Worte von Meier, er tut es auch am Tag danach. «Ich will nicht viel denken, nicht viel sagen», sagt er, «ich gehe auf den Platz und leite das Spiel, aber was sonst ist, interessiert mich nicht mehr. Das enttäuscht mich nicht einmal mehr.»
Beobachter erzählten, Busacca sei direkt nach dem Spiel tief getroffen gewesen. In der Öffentlichkeit, am Telefon, bemühte er sich, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Es muss ihm schwerfallen, weil der stolze Tessiner auch ein stolzer Schiedsrichter ist. Er sieht sich in der Weltspitze. Er pfeift Champions League, den Final im letzten Mai zwischen Barcelona und Manchester United, den Viertelfinal Arsenal gegen Barcelona letzte Woche. International wird er respektiert, «Barças» Captain Carles Puyol akzeptiert einen diskutablen Platzverweis ohne Widerrede. Fünf Tage später aber ist Busacca Freiwild in einem Cup-Halbfinal.
Busacca: Alles für die WM
Damit muss er umgehen können. Das hat er eingesehen. Er tut es, indem er sagt: «St. Gallen ist vorbei, ich denke ans nächste Spiel, wo immer das ist.» Vor allem denkt er an die WM in Südafrika, darauf richtet er seinen Blick, seine Konzentration. Da bleibt kein Platz, um national lustvoll Schiedsrichterkurse zu besuchen. In seinen Kreisen wird er deshalb nicht als Teamplayer wahrgenommen, sondern als Solist.
An der letzten EM pfiff er einen Halbfinal, jetzt hat er den nächsten Schritt im Kopf: den Final vom 11. Juli in Johannesburg. Auf dem Weg dorthin will er sich nicht ablenken lassen. Da schluckt er auch Ausfälligkeiten à la St. Gallen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.04.2010, 08:18 Uhr
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8 Kommentare
Emotionen gehören zum Sport. Aber Provokationen entsprechen nicht dem Fairplay. Als Fans erwarten wir das von den Spielern, die Spieler von uns Fans. Dass ein Spieler gegen einen Fan ausfällig wird, geht gar nicht an - er gehört lebenslang gesperrt. Bei den sogenannten Abzockern spricht man nur von Bankern, die Millionensaläre der Bundeslige, Premier League-Spieler werden nie thematisiert. Antworten
Viele "Fans" vergessen, dass auf dem Spielfeld Menschen stehen. In der Gruppen-Anonymität denken sie, dass sie diese Menschen straflos beleidigen und beschimpfen können. Auf der offenen Strasse getraut sich niemand weil er weiss, dass er dafür strafrechtlich belangt werden könnte. Wäre ich Spieler, so würde ich mich gegen solche "Fans" strafrechtlich zur Wehr setzen. Mir tut Paolo Guerrero leid. Antworten
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