Schwere Vorwürfe, Millionen, Kokain: Und mittendrin ein Schweizer
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 17.09.2010 4 Kommentare
Auf die Empfehlungen von Robin Boksic war fast immer Verlass. Woher er seine Informationen hatte, war den Zockern zwar schleierhaft. Doch letztlich interessierte sie nur, dass der in München wohnhafte Kroate Torabfolgen und Schiedsrichterentscheide ziemlich präzis voraussagen konnte. Auf diese Weise verdiente Boksic bei Wetten auf manipulierte Fussballspiele viel Geld, und er gab sein Wissen Freunden und Bekannten weiter. Auf dem Balkan trägt er den Übernamen «bester Tipp».
Ein gewendeter Agent
Wäre Boksic lediglich ein gewiefter Zocker, hätte die Enthüllung des deutschen Nachrichtenmagazins «Stern» in dessen neuesten Ausgabe vor allem die Strafermittlungsbehörden interessiert. Weil Boksic für die Uefa arbeitet, sind die Recherchen von sportpolitischer Brisanz. Der Kroate ist die rechte Hand von Peter Limacher, Vorsitzender der Disziplinarkommission des europäischen Fussballverbandes. Limacher hatte Boksic letztes Jahr engagiert, um Wettspielmanipulationen aufzudecken. Der Kroate ist sozusagen ein gewendeter Agent.
Glaubt man dem «Stern», hat sich Boksic in seiner Funktion als Uefa-Ermittler darauf versteift, der Führungsriege von Bayern München eine Manipulation des Uefa-Cup-Halbfinals gegen Zenit St. Petersburg 2008 (0:4) nachzuweisen: Bayern soll das Spiel an russische Mafiosi verkauft haben. Er und Limacher wollen im Besitz von Beweisen sein, darunter Belegen für eine Geldüberweisung in achtstelliger Höhe auf ein Konto des FC Bayern. Zudem soll die Münchner Polizei Hausdurchsuchungen durchgeführt haben bei Bayern-Präsident Uli Hoeness, Finanzvorstand Karl Hopfner und einem ungenannten Spieler, in dessen Wohnung 1 Million Dollar und Kokain gefunden worden seien.
Bereits letztes Jahr eine Voruntersuchung
Bereits letztes Jahr führte die spanische Staatsanwaltschaft eine Voruntersuchung durch, stellte sie mangels Beweisen aber schnell wieder ein. Damals waren Auszüge aus Telefongesprächen von mutmasslichen russischen Mafiosi in Spanien an die Öffentlichkeit gelangt. Darin war die Rede davon, dass Bayern für das Ausscheiden gegen Zenit 50 Millionen (in nicht genannter Währung) bezahlt worden seien.
Laut «Stern» flogen Limacher und Boksic diesen Frühsommer eigens nach Spanien, um die Staatsanwaltschaft über die neuen Beweise zu informieren. Nachgereicht haben sie die angeblichen Belege aber nie, sodass die Staatsanwaltschaft das Verfahren nicht wieder eröffnet hat.
Bayern München hat die Manipulationsvorwürfe stets als «aus der Luft gegriffen» bezeichnet. Uli Hoeness erklärte am Donnerstag gegenüber dem TA, die Polizei habe weder bei ihm noch bei sonst jemandem Hausdurchsuchungen durchgeführt. Auch sei nie ein UefaErmittler nach München gekommen, um den Verein mit den Vorwürfen zu konfrontieren. «Limacher und Boksic scheinen eine Bayern-Phobie zu haben», sagt Hoeness. Der Klub hat eine Verleumdungsklage gegen die beiden UefaMitarbeiter eingereicht. Zudem fordert Hoeness, dass die beiden entlassen werden.
Auf Hochstapler hereingefallen?
Gemäss «Stern» hat Limacher der Arbeit von Boksic vertraut und dessen Vorwürfe an Bayern München mitgetragen. Das Nachrichtenmagazin insinuiert, Limacher sei letztlich einem Hochstapler auf den Leim gekrochen. Der Chef der Uefa-Disziplinarkommission war am Donnerstag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.
Die Tatsache, dass die Uefa einen früheren Zocker als Ermittler angestellt hat, ist allein noch nicht ungewöhnlich. Ermittlungsbehörden und Geheimdienste engagieren seit jeher ehemalige Kriminelle als V-Leute. Sie erhoffen sich von ihnen einen Zugang ins Milieu.
Laut «Stern» hat die Uefa vor der Anstellung von Boksic allerdings elementare Fehler begangen. Der Kroate gab sich als Mitarbeiter des deutschen Inlandgeheimdienstes (BND) aus. Das ist nachweislich falsch und wurde von der Uefa nicht überprüft.
Recherchen des «Tages-Anzeigers» legen zudem den Schluss nahe, dass Boksic auch als Uefa-Ermittler an Wettspielmanipulationen beteiligt war. Vor drei Wochen meldete sich ein Hotelier aus der kroatischen Küstenstadt Crkvenica in den dortigen Medien: Boksic soll ihm zum Wetteinsatz auf ein norwegisches Ligaspiel geraten haben, das schliesslich genau so verlief, wie Boksic es prognostiziert hatte.
Unterwanderung der Uefa?
Bei der Uefa war am Donnerstag niemand bereit, genauere Auskünfte zu erteilen. In einer ersten Mitteilung vom Dienstagabend zeigte sich der Verband erstaunt über die Verleumdungsklage der Bayern und stellte sich vorbehaltlos hinter Limacher. Einen Tag später wollte die Uefa dann doch nicht zur Tagesordnung übergehen und kündigte eine interne Untersuchung an.
Darin dürfte die Frage eine wichtige Rolle spielen, ob Boksic Zugang zum Frühwarnsystem der Uefa hatte, das Auffälligkeiten auf dem Wettmarkt meldet. Falls ja: Konnte er dank dem Informationsvorsprung Wetten platzieren und Tipps an alte Freunde weitergeben?
«James Bond vom Balkan»
Laut «Stern» läuft in München ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, weil er Immobilienanleger um rund 220 000 Euro betrogen haben soll. Gemäss Polizeiprotokoll bezeichnete sich Boksic während der Einvernahme als «James Bond vom Balkan». Er habe zu den Vorwürfen nichts weiter zu sagen. Das war im Januar dieses Jahres, als er schon auf der Lohnliste der Uefa stand.
Laut einem Fifa-internen Bericht behauptet Boksic, zahlreiche WM-Spiele in Südafrika seien manipuliert worden. Der Kroate stützte sich dabei auf chinesische Geheimdienstquellen. «Es könnte sein, dass die Uefa ihre eigene Unterwanderung finanziert und dadurch Spielmanipulationen unterstützt», heisst es in dem Fifa-Bericht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2010, 09:45 Uhr
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4 Kommentare
tja es gibt ein zweites statement der uefa nach einem gespräch der UEFA mit dem FCB vorstand . auffälig in diesem zweiten statement ist das der name Peter Limacher nirgends erscheint und die UEFA volles verständnis für den FCB bekundet. einfach bei der uefa nachlesen oder morgen hier Antworten
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