Sankt Fallen
Von Dario Venutti, St. Gallen. Aktualisiert am 05.11.2010 33 Kommentare
Live-Ticker
Heute um 13.30 Uhr tritt die Führung des FC St. Gallen vor die Medien und informiert, ob man nun Investoren gefunden hat, die das Millionenloch stopfen. DerBund.ch/Newsnet berichtet live.
Dossiers
Artikel zum Thema
- Reiche Ostschweizer wollen den FC St. Gallen vor dem finanziellen Kollaps retten
- Balsam auf die St. Galler Wunden dank Schenkel
- Kantonsrat vertagt Entscheid im «Fall FC St. Gallen»
Stichworte
Es war ein Projekt, das fast ungeteilte Unterstützung genoss. 2008 eröffnet, sollte das Fussballstadion Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der Ostschweiz sein. Für jene, die mit dem Auto von Zürich nach St. Gallen fahren, wirkt es, direkt an der Autobahn gelegen, monumental. Was als Wahrzeichen gedacht war, könnte als Modernisierungsruine enden. Die Betreibergesellschaft und der Fussballverein brauchen 16 Millionen Franken, sonst bricht das Konstrukt in sich zusammen. Der Klub müsste in die Amateurliga absteigen.
Das Netzwerk droht zu reissen
Wie konnte es so weit kommen? Und was hat es zu bedeuten, dass das Stadtparlament letzte Woche die Unterstützung von 2 Millionen Franken verweigerte? Dreimal wurde der FC St. Gallen in den letzten 30 Jahren vor dem Konkurs gerettet, hauptsächlich mit Steuergeldern.
Doch damit ist es vorbei. «Was heute in St. Gallen passiert, ist ein Gesellschaftskrimi», sagt Daniel Kehl, SP-Stadtparlamentarier und bekennender FCSt.-Gallen-Fan. Lange Jahre hielt das Netzwerk aus FDP, CVP und Wirtschaftsfürsten, die sich den Fussballklub leisteten. Unter den jetzigen Belastungen droht es zu reissen.
Das Opium des Meistertitels
Wer verstehen will, was in St. Gallen gegenwärtig geschieht, begibt sich unweigerlich auf eine Reise in eine untergehende Schweiz. Man erkennt Parallelen zur Swissair, wenngleich in einem kleineren Massstab. Zwei St. Galler Bonmots erklären die wesentlichen Punkte.
Das erste lautet: Seit Jahren glauben die St. Galler, der Rest des Landes meine, die Schweiz höre hinter Winterthur auf. Es stammt vom Publizisten Jörg Krummenacher, der es in einem NZZArtikel unter dem Titel «Endstation Sehnsucht» prägte.
St. Gallen ist eine Randregion, die Geld aus dem Finanzausgleich bezieht. Die Einwohnerzahl der Kantonshauptstadt stagniert seit Jahrzehnten bei 70 000, und die letzten grossen Würfe stammen aus den 60er-Jahren: Damals baute man das Stadttheater und die Universität.
Bedingungslose Solidarität
Als der FC St. Gallen 2000 Meister wurde, glaubten Politiker und Wirtschaftsleute, ein Vehikel entdeckt zu haben, um aus der peripheren Lage auszubrechen. Der Funke des Wir-Gefühls entzündete eine Euphorie, die selbst die Regierung mitriss: «Spitzenfussball ist heute ein wesentlicher Standortfaktor für die Stadt und die Region St. Gallen und damit auch für den ganzen Kanton», schrieb sie damals. «Damit waren alle Warnlampen von Anfang an ausgeschaltet», sagt der langjährige SP-Kantonsrat Fredy Fässler.
Wenn es um Ostschweizer Angelegenheiten geht, wird der Ton rau – und bedingungslose Solidarität eingefordert. Das musste kürzlich die grüne Nationalrätin Yvonne Gilli erfahren: Als sie nach den Bundesratswahlen bekannte, nicht für die FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Sutter gestimmt zu haben, wurde sie als Verräterin diskreditiert.
Das Parlament als Fankurve
In der Stadionfrage hatten Kritiker ebenfalls einen schweren Stand: Im Abstimmungskampf zur Umzonung des Grundstücks, auf dem das Stadion heute steht, stellte das «St. Galler Tagblatt» den Befürwortern Gratisinserate zur Verfügung. Und als die Stadionbauer forderten, die Stadt solle ihnen nicht wie ursprünglich vorgesehen die Hälfte des Landes schenken, sondern das gesamte, war der Wunsch dem Parlament ein Befehl. CVP- und FDP-Politiker hielten während der Abstimmung FC-St.-GallenSchals in die Höhe.
Das geschenkte Land verkauften die Stadionbauer an Jelmoli und Ikea für 42 Millionen Franken, die im Gegenzug die Mantelnutzung erhielten. Damit war, so die Rechnung, die Stadionfinanzierung von 52 Millionen gesichert.
Das zweite Bonmot lautet: St. Gallen hängt seine Fahne hoch, damit sie die umliegenden Hügel überragt. Es stammt aus der kleinen, aber feinen Alternativszene, die sich in den Restaurants Stickerei und Engel trifft.
Die gefangene Stadt
Die Stadt ist in einer «Arschfalte» gefangen, sagen bekennende St. Galler mit Sinn für Selbstironie. Eingezwängt zwischen zwei Hügeln und zwei Tobeln, fehlt es an Weite, geografisch und in den Köpfen. Die Stadt kann eigentlich nur in die Höhe wachsen.
Und sie hat eine Vergangenheit, die «im kollektiven Unterbewusstsein weiterlebt», wie es der SP-Politiker Daniel Kehl formuliert. St. Gallen war mit seiner Stickereiindustrie um 1900 ein wichtiger Industriestandort – und das im europäischen Vergleich. Es existierten direkte Zugverbindungen nach Paris und Wien. Die Gegend um den Bahnhof erinnert noch heute daran, dass hier einst ein weltläufiger Charme herrschte. Als der SC Brühl 1915 Schweizer Meister wurde, war ein Brasilianer Topskorer. Dessen Vater arbeitete auf der brasilianischen Botschaft, die ihren Sitz in St. Gallen hatte.
Und dass der FC St. Gallen, 1879 gegründet, der älteste Verein der Schweiz ist, ist auch kein Zufall: Mit dem englischen Industriekapitalismus kam auch der Fussball auf den Kontinent.
Der «Stadionvater»
Der Untergang der Stickereiindustrie und der Erste Weltkrieg beendeten St. Gallens Entwicklung. Die Stadt regredierte zu einem mittleren und Kleingewerbezentrum, das bis heute von der CVP und der FDP und den beiden Parteien nahestehenden Wirtschaftsleuten dominiert wird.
Wie das Netzwerk funktioniert, zeigen der Bau und der Betrieb des Stadions exemplarisch. Der freisinnige Unternehmer Max R. Hungerbühler sitzt im Verwaltungsrat der Stadion AG, der Besitzerin der Arena. Er präsidiert die Betriebs AG des Stadions. Der langjährige CVP-Kantonsrat Franz Peter Oesch, Verwaltungsratspräsident der St. Galler Kantonalbank, war ebenfalls Verwaltungsrat der Stadion AG. Hans Hurni, ebenso im Verwaltungsrat der Stadion AG und pensionierter Chef der Kantonalbank, hat gute und direkte Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern. Er gilt als «Stadionvater».
Zum erweiterten Kreis dieser drei zählen Leute aus Politik und Gewerbe, die langjährige Verbindungen zum FC St. Gallen haben und eine Zeitlang auch im Verwaltungsrat der Stadion AG oder der Betriebs AG sassen. Das Geflecht ist dermassen kompliziert, dass die Geschäftsprüfungskommission des Stadtparlaments eine farbige Grafik erstellen liess, um sich eine Übersicht zu verschaffen.
Die Ironie der Geschichte
Aussergewöhnlich ist die Doppelfunktion von Rainer Siegrist. Als Chef der Generalunternehmung HRS, die das Stadion baute, verdiente er viel Geld. Gleichzeitig ist er im Verwaltungsrat der Betriebs AG, die für die kommerzielle Nutzung des Stadions zuständig ist und einen Teil des erwirtschafteten Geldes dem FC St. Gallen zukommen lässt. Die gleiche Betriebs AG hat Zusatzkredite zu hohen Zinssätzen aufgenommen, die das ganze Konstrukt ins Debakel stürzten. Wofür das Geld gebraucht wurde, ist weitgehend unbekannt.
Sicher ist nur, dass es auch für den Bau zusätzlicher Logenplätze eingesetzt wurde. Darin liegt eine Ironie der Geschichte: Die Logenplätze sollten Geld für den FC St. Gallen generieren und den Verein so «auf eine nachhaltige wirtschaftliche Basis stellen», wie das jeweils formuliert wird. Jetzt drohen sie, dem Spitzenfussball das Genick zu brechen.
Die Wut der Politiker
In diesen Tagen wird in Erinnerung gerufen, dass für den Stadionbau kein Architekturwettbewerb durchgeführt wurde und dass «von Anfang an klar war, dass die HRS das Stadion planen und bauen würde», wie Sven Bradke mit entwaffnender Offenheit sagt. Der Geschäftsführer des Kommunikationsunternehmens Mediapolis, das die politische Arbeit für das Stadion machte, war früher Präsident der städtischen FDP. Seine Verbindung zum Netzwerk ergab sich im Militär: Er ist Oberst im gleichen Stab, in dem Max Hungerbühler Oberstleutnant ist.
Der Verdacht, beim Bau und Betrieb des Stadions sei gemauschelt worden, erzürnte die Stadtparlamentarier bis in die bürgerlichen Reihen. SP-Politiker Kehl beschreibt die Stimmung während der Ratsdebatte wie folgt: «Es war wie eine Abzockerdebatte.»
Das St. Galler Establishment habe mit an Arroganz grenzender Selbstverständlichkeit Geld verlangt, ohne Transparenz in die Geldströme bringen zu wollen. Selbst der FDP-Politiker Daniel Rietmann, Bruder des früheren St. Galler Fussballers Beat, war sauer und sagte an die Adresse der Stadionbetreiber: «Ärgern Sie sich nicht über die Politiker, sondern über sich selbst.»
Es gab immer eine Rettung
Der Entscheid des Stadtparlaments hat wohl Signalwirkung. Nicht einmal Sven Bradke erwartet, dass der Kanton seinen Teil zur Sanierung beitragen wird. Und die Weigerung der Stadt deutet auf eine Eruption hin: Selbst im St. Galler Fussball, ist Kehl überzeugt, können sich die Reichen und Mächtigen nicht mehr alles leisten.
Heute wird bekannt werden, ob sich das Netzwerk selber zu helfen weiss. In den letzten Tagen sickerten Namen von Investoren durch, die angeblich Geld einschiessen wollen. Für Bradke ist der Fall klar: «Der Verein war oft am Abgrund. Immer gab es eine Rettung.»
Auch Kehl glaubt, dass der Klub nicht untergehen wird, wenn auch aus einem andern Grund: Im Konkursfall müssten die Bücher geöffnet werden.
Daran hat das St. Galler Establishment kein Interesse. Wer vielleicht eine Leiche im Keller hat, kauft am besten das ganze Haus. Dann muss er den Keller nicht öffnen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.11.2010, 10:07 Uhr
Kommentar schreiben
33 Kommentare
Ein Abgesang auf die Stadt St.Gallen wegen dem FC ist schon eine starke Überzeichnung. Da ich in St.Gallen aufgewachsen bin, sind mir die Verfilzungen schon bekannt und der Druck, der teilweise sehr massiv ausgeübt wurde - wegen dem FC. Wirtschaftskreise um den FC haben ihre Lieferanten stark "animiert". Ein Schreiben einer Baufirma an einen örtlichen Stahllieferanten habe ich gesehen... Antworten
Einer der besten Artikel welcher ich je gelesen habe. Ich habe auch ein bisschen in die nur zum Teil offen gelegten Bücher geschaut. Was da gemauschelt wird ist ein Skandal sonder gleichen. Darlehen mit Rangrücktritt in der einten Periode und in der anderen ist das Darlehen nicht mehr da, aber man hat 16 Millionen Schulden. Debakel ist auch Fussballverband welcher bestimmt Stadion muss sein ! Antworten
Sport
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.



