«Mit Gross haben wir den Nachbrenner gezündet»
Von Ruedi Kunz. Aktualisiert am 12.08.2011 5 Kommentare
Ilja Kaenzig
Ilja Kaenzig, 1973 in Sursee geboren, ist seit dem 9. August 2010 Delegierter des VR der Sport & Event Holding AG, die Besitzerin des Stade de Suisse und von YB ist. Seine ersten Sporen hat sich der Fussball-Manager bei GC abverdient (1994 bis 1998). Danach wechselte er in die Bundesliga. Bei Bayer 04 Leverkusen stieg Kaenzig innert kurzer Zeit zum «Koordinator Gesamtfussball» auf. Im Juli 2002 wurde er gar zum Manager befördert. Zwei Jahre später ging der Innerschweizer zu Hannover 96. 2006 trennte sich der Klub von seinem Manager. Es folgten die Gründung eines eigenen Unternehmens (Boutique Football), das Klubs mit Investoren zusammenführen wollte, und schliesslich das Engagement als «Blick»-Sportchef.
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Herr Kaenzig, als Sie vor einem Jahr Stefan Niedermaiers Job übernommen haben, wurden Sie alles andere als freundlich empfangen. Haben Sie sich eine dickere Haut zugelegt in den ersten Monaten?
Auf jeden Fall. Alles, was ich gemacht habe, wurde kritisch hinterfragt, und ich musste anfangs enorm viel Überzeugungsarbeit leisten. Unterdessen hat sich die Situation entspannt.
Woraus schliessen Sie das?
Auf die vielen positiven Reaktionen, die ich und mein Team beim Saisoneröffnungsfest am 7. Juli erlebt haben. Ich spürte erstmals eine positive Einstellung, die ich zuvor nie in diesem Masse gespürt habe von den Fans. Es war, als wollten sie nicht mehr länger in der Vergangenheit wühlen, sondern nur noch gemeinsam mit uns nach vorne schauen. Das war für mich eine sehr angenehme Erfahrung und hatte etwas Befreiendes.
Waren die Schatten der Vergangenheit eine Belastung?
Manchmal schon. Ich habe nicht erwartet, dass die Reaktionen wegen der Entlassung meines Vorgängers Stefan Niedermaier derart heftig ausfallen würden. Wir mussten etliches in die Wege leiten, bis das Eis gebrochen war.
Sie haben in Ihrem ersten Amtsjahr etliche Pflöcke eingeschlagen mit den Verpflichtungen von Alexander Farnerud, Hansruedi Hasler, Christian Gross und Stadionchef Thomas Gurtner. Welches war der wichtigste Transfer?
Jeder dieser Pflöcke ist wichtig. Farnerud ist ein absoluter Topspieler. Hasler ist eine ganz wichtige Bezugsperson für Gross. Dieser wiederum ist der erfolgreichste Schweizer Trainer der Neuzeit. Mit Gurtner haben wir jemanden, der weiss, wie ein Stadion von der Grösse des Stade de Suisse zu führen ist.
Farneruds Verpflichtung war ein Glücksfall?
Dass er so einschlägt, konnte man nicht erwarten. Wir wollten ihn unbedingt. Ich bemühte mich während meiner Weihnachtsferien in Arosa sehr intensiv um ihn. Doch hätten die Investoren nicht das Portemonnaie geöffnet und hätte Farnerud nicht auf Geld verzichtet, wäre er nicht in Bern gelandet. Er hat seinen Entscheid noch keine Sekunde bereut. Er sagt, die Betreuung der Spieler und ihrer Familien sei noch nirgends so gut gewesen wie bei YB.
Das Engagement von Christian Gross hat etliches ausgelöst bei YB.
Das ist so. Es brauchte etwas Mut, Gross zu holen. Seine Verpflichtung ist auch eine Verpflichtung für den Klub. Wir können uns nicht mehr länger mit Ehrenplätzen zufriedengeben, sondern müssen Titel holen – und das eher früher als später.
Gross ist ein Mensch, der von seinem Umfeld sehr viel fordert. Wie erleben Sie ihn?
Er tut alles für den Erfolg. Er nennt die Dinge beim Namen. Er sucht nicht nach Alibis, wenn etwas nicht klappt, sondern betreibt sofort Ursachenforschung. Das bringt den ganzen Klub weiter. Mit Gross haben wir den Nachbrenner gezündet.
Besteht nicht die Gefahr, dass sich YB mit der forschen Vorwärtsstrategie die Finger verbrennt?
Es ist für den ganzen Betrieb eine grosse Herausforderung. Jeder Mitarbeiter ist gefordert, bis ans Limit zu gehen, damit wir Erfolg haben. Die ganze Schweiz erwartet von uns, dass wir Erfolg haben. Das erzeugt Druck, mit dem wir umzugehen lernen müssen.
Kann YB mit diesem Druck umgehen?
Das werden wir erst in ein paar Wochen sehen. Aber seien wir ehrlich: Es interessiert die wenigsten Aussenstehenden, ob wir damit umgehen können.
Mit Hasler, Gurtner und Gross sind drei Alphatiere zu YB gekommen. Haben Sie nicht zu viele Häuptlinge an Bord?
Meiner Meinung nach haben wir ein sehr gut funktionierendes Team. Es gibt keinen, der meint, er stehe über allen anderen. Das ist ein Glücksfall. Zudem ist uns allen bewusst, dass wir nur zusammen das grosse Ziel, einen Titelgewinn, erreichen können. Gross und Hasler beispielsweise haben eine sehr konstruktive Zusammenarbeit gefunden. Sie tauschen sich rege aus und finden immer wieder Kompromisse.
Dabei wird Gross nachgesagt, er lasse sich von niemandem dreinreden.
Ich erlebe ihn nicht so. Er respektiert Hasler sehr. Hasler seinerseits hat einen guten Draht zu ihm gefunden.
Wo steht YB im August 2011 auf sportlicher Ebene?
Rein von der Qualität her haben wir einen riesigen Schritt gemacht. In dieser Saison haben wir ein Kader, in dem jede Position mit zwei nahezu gleichwertigen Spielern besetzt ist. Positiv ist, dass gute Typen zu uns gestossen sind, die unbedingt dabei sein wollen, wenn wir den nächsten Titel holen und Klubgeschichte schreiben.
Wie steht der Klub im internationalen Vergleich?
Wir sind einiges weiter als vor zwölf Monaten. Wir haben uns Respekt verschafft und im Uefa-Teamranking etliche Ränge gutgemacht. Nun geht es darum, uns zu etablieren. Deshalb ist es für uns auch eminent wichtig, dass wir die Gruppenphase der Europa League erreichen. Mit dem letztjährigen Finalisten Braga haben wir jedoch einen sehr schwierigen Gegner zugelost bekommen. Wir hätten es etliches leichter haben können, wenn wir zu den gesetzten Teams gehört hätten in der Playoff-Runde.
Was den sportlichen Bereich betrifft, ist YB sehr gut aufgestellt. Wie sieht es im kommerziellen Bereich aus?
Da besteht Nachholbedarf. YB und das Stadion können und müssen noch besser vermarktet werden. Wir können mehr Werbeflächen verkaufen, wir haben Steigerungspotenzial im Hospitality-, Kongress- und Gastronomiebereich, wir machen uns Überlegungen über andere Grossevents als Konzerte.
Wieweit lassen sich die Einnahmen steigern?
Das ist schwierig zu sagen. Wir möchten der erste Schweizer Klub sein, der jährlich 100 Millionen Franken umsetzt.
Ist das nicht unrealistisch? Stadion und Klub setzen derzeit rund 50 Millionen Franken um.
Nicht, wenn wir in der Champions League mitspielen – was nach wie vor unser Ziel ist. Grundsätzlich gilt: Wir wollen irgendwann so viel erwirtschaften, dass wir Reserven äufnen können. Gelingt uns das, können wir auch einmal eine schlechte Saison überstehen, ohne Spieler verkaufen zu müssen. In diesem Fall wären wir nicht nur in der Schweiz eine Macht, sondern könnten uns auch international sehen lassen.
Von der Zukunft zurück in die Gegenwart: YB sucht ein Terrain für zwei bis drei Naturrasenplätze. Wo steht das Projekt?
Wir haben uns einen umfassenden Überblick verschafft in den letzten Monaten. Das Resultat ist sehr ernüchternd. In Bern und Umgebung gibt es nicht ein einziges Grundstück, wo wir in vernünftiger Zeit und zu einem guten Preis Trainingsfelder erstellen können. Wir überlegen uns nun, nach Kerzers auszuweichen.
Meinen Sie das ernst?
Ja. Es scheint nun mal keine einzige schnelle und für uns auch zahlbare Lösung zu geben in Bern und Umgebung. Wir können aber nicht ewig zuwarten, sondern müssen eine Entscheidung treffen, damit wir im nächsten Sommer den Kunstrasen ersetzen können im Stade de Suisse.
Hätten Sie mehr Unterstützung seitens der lokalen Politik erwartet?
Sagen wir es so: Sie hat uns nicht die Unterstützung zukommen lassen, wie sie in Basel oder Luzern spürbar ist. Für uns ist es schwer nachvollziehbar, wieso die für uns naheliegendste Lösung mit zwei Plätzen auf der Grossen oder der Kleinen Allmend politisch nicht durchsetzbar ist.
Im Zusammenhang mit der kürzlichen Gründung der Stiftung Foundation For Talents war die Rede von einem neuen YB-Campus. Wie seriös sind solche Gedankenspiele?
Wir können uns keinen Campus leisten wie GC oder Basel – es sei denn, wir finden jemanden, der uns 15 bis 20 Millionen à fonds perdu zur Verfügung stellt. (Der Bund)
Erstellt: 12.08.2011, 07:29 Uhr
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5 Kommentare
Ui, 3 Dinge stören mich. 1. Klar ist die EL wichtig aber noch wichtiger ist die Meisterschaft. 2. Ja, das Kader ist breiter, allerdings im Sturm nicht qualitativ besser geworden und 3. Nachwuchsarbeit ist immens wichtig! Die grössten Konkurrenten waren uns in diesem Bereich schon immer voraus. Ansonsten einverstanden. Antworten
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