Sport
Hinkender Riese, flinker Zwerg
Von Ruedi Kunz. Aktualisiert am 24.03.2012 1 Kommentar
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Zwischen den Young Boys und dem FC Thun liegen Welten. Gelb-Schwarz operiert aktuell mit einem Budget von rund 25 Millionen Franken. Den Berner Oberländern stehen knapp 5 Millionen zur Verfügung (siehe unten stehende Aufstellung). YB leistet sich Spieler wie Farnerud, Simpson, Silberbauer und Bobadilla, deren Jahresgehälter sich um die Millionengrenze bewegen. Bei Thun kommen Leistungsträger wie die Gebrüder Schneuwly, Captain Bättig und Ghezal auf eine Summe von höchstens 250'000 Franken.
Riesig ist die Differenz auch beim Betreuerstab. YB-Trainer Christian Gross, Assistenzcoach Laurent Hagist und Goalietrainer Pascal Zuberbühler verdienen gesamthaft mindestens 2 Millionen Franken. In Thun kostet das vierköpfige Coachingteam unter der Leitung von Bernard Challandes weniger als 1 Million Franken.Ganz anders präsentieren sich die Kräfteverhältnisse auf dem Feld. Dort ist der flinke Zwerg aus dem Oberland drauf und dran, den hinkenden Riesen aus der Hauptstadt zu überholen.
Gewinnen die Thuner morgen im Stade de Suisse, liegen sie zwei Punkte vor YB. Ein durchaus mögliches Szenario, denn Thun war im Herbst an gleicher Stätte siegreich und hat in der Rückrunde von fünf Spielen nur eines verloren. Für YB wäre es ein weiterer Tiefschlag in einer Saison, die so gar nicht nach Plan verlaufen ist. Statt um Titelehren kämpft das Team gegen den Absturz ins Niemandsland der Tabelle. Zuletzt blieb es gegen Luzern, Lausanne sowie die Grasshoppers tor- und sieglos. Die von Hilflosigkeit, offensiver Harmlosigkeit und Konfusion geprägten Auftritte sorgen für viel Ärger unter den Fans. Ihnen will nicht in den Kopf, wieso es die teuerste Mannschaft aller Zeiten nicht fertigbringt, mediokre bis schwache Gegner in die Knie zu zwingen.
Zu wenig volksnah, zu asketisch
Im Zentrum der Kritik stehen zwei Personen, die gar nicht auf dem Feld stehen: Stade-de-Suisse-Chef Ilja Kaenzig und Trainer Christian Gross. Viele Berner tun sich schwer mit dem Disziplinfanatiker Gross, der mit GC und Basel grosse Erfolge gefeiert hat. Er ist ihnen zu wenig volksnah, zu verbissen, zu asketisch. Vor allem aber nehmen sie es ihm übel, dass er weniger spektakulären Fussball spielen lässt als sein Vorgänger Petkovic. Nach neun Monaten im Amt ist klar: Der Zürcher Coach wird das Berner Publikum nur dann für sich gewinnen können, wenn er mit YB eine Meisterschaft oder einen Cupfinal gewinnt.
Im Moment plagen Gross ganz andere Sorgen. Weil es ihm bisher nicht gelungen ist, eine durchschlagskräftige Equipe zu formen, steht er unter zunehmendem Druck. «Der Trainerstab und die Spieler müssen eine Reaktion zeigen», fordert Kaenzig vor dem Derby.
Der Delegierte des Verwaltungsrates ist unbestritten ein Experte mit guten Verbindungen in der Fussballszene. Was dem gebürtigen Innerschweizer aber fehlt, ist das Charisma, die Hemdsärmligkeit, das Kumpelhafte und das lokale Netzwerk des früheren Stadionchefs Stefan Niedermaier. Das erschwert es ihm, die Marke YB glaubhaft zu verkaufen. Zumal diese im August 2010, als Niedermaier abgesetzt wurde, neu positioniert wurde. Damals läuteten die Investoren die «Wachstumsphase 3» ein, die in eine YB-Dominanz in der Super League und in regelmässigen Champions- League-Teilnahmen münden soll.
Stadionbesitzer als Mäzene
Die Vorwärtsstrategie war bisher ein Rohrkrepierer. Die vergangene Saison beendeten die Berner Young Boys auf dem 3. Schlussrang, 16 Punkte hinter Meister Basel. Heuer weisen sie nach 24 Spielen 35 Punkte auf. Diese Bilanz ist umso enttäuschender, als im letzten Sommer und während der Winterpause eine stattliche Summe für Neuverpflichtungen wie Silberbauer, Mveng, Veskovac, Zverotic, Ojala, Simpson, Vitkieviez und Bobadilla ausgegeben wurde.
Die mässigen Resultate drücken auf Zuschauerzahlen, Saisonkarten-Verkauf und Umsätze im VIP-Bereich. Für ein Unternehmen, das 70 bis 80 Prozent seiner Einnahmen über den Spielbetrieb generiert, eine besorgniserregende Entwicklung. Vorbei sind die Zeiten, als sich Einnahmen und Ausgaben ungefähr die Waage hielten. Die Löcher stopfen bis auf weiteres die Gebrüder Rihs und Benno Oertig, die sich lange Zeit dagegen sträubten, als Mäzene zu fungieren. Nicht auszudenken, was passiert, wenn den Stadionbesitzern eines Tages die Lust vergeht, Jahr für Jahr Millionen einzuschiessen.
FC Thun – Insel der Harmonie?
Ein minimales Budget, viele Spieler aus der Region, ein bodenständiger Sportchef, keine Hotelübernachtungen vor den Spielen: Der FC Thun ist so etwas wie der Gegenentwurf zu YB. Mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln haben es die Oberländer geschafft, sich nach einem zweijährigen Intermezzo in der Challenge League wieder in der obersten Liga zu etablieren. Was mittelfristig betrachtet fast wichtiger ist: Sie geniessen einen guten Ruf. Speziell bei jungen Schweizer Spielern hat sich herumgesprochen, dass sie in Thun bessere Perspektiven haben als bei Basel, YB oder Sion.
«Wir bewegen uns in einer Nische», sagt Sportchef Andres Gerber. Das hat seine Vorteile. Einerseits kann Thun seine Arbeit meistens fernab des Scheinwerferlichts erledigen. Andererseits ist die Erwartung bei Publikum und Sponsoren geringer als bei einem Spitzenclub. Gerber: «Wir dürfen vorne mitspielen, müssen aber nicht.» Diese Lockerheit färbt auf die Spieler ab. Sie geniessen es, bei der Vergabe der Europa-League-Plätze mitzumischen.
Der FC Thun eine Insel der Harmonie? Mitnichten. Der Verein lebt auch nach dem Umzug ins neue Stadion von der Hand in den Mund. Hätte er in der laufenden Saison nicht Andrist und Lezcano verkauft, könnte er keine ausgeglichene Rechnung präsentieren. Zudem liegen die Thuner seit längerem im Clinch mit der Stadionbesitzern. Der Machtkampf könnte den Verein zum zweiten Mal innert weniger Jahre in seinen Grundfesten erschüttern.
(Der Bund)
Erstellt: 24.03.2012, 09:52 Uhr
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1 Kommentar
Sehr geehrter Herr Kunz
wenn Sie beim Satz: "Speziell bei jungen Schweizer Spielern hat sich herumgesprochen, dass sie in Thun bessere Perspektiven haben als bei Basel, YB oder Sion" Das Wort Basel herausstreichen mag er stimmen. Für Junge Spieler (falls sie über ein gewisses Mass an Fussball-Qualität aufweisen vorausgesetzt) bietet der FCB wohl die besten Perspektiven für einen jungen Spieler.
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