Gelb-Schwarz unter dem Seziermesser
Von Ruedi Kunz. Aktualisiert am 02.12.2011 7 Kommentare
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Sonntag, 27. November: Die Cup-Schmach auf der Winterthurer Schützenwiese bringt die YB-Fangemeinde zur Weissglut. Eine Gruppe hartgesottener Anhänger stürmt wutentbrannt auf den Platz. Die YB-Spieler Spycher, Wölfli, Nef und Degen können die aufgebrachten Gemüter besänftigen. Später am Abend schreiben sich erzürnte Fans in den einschlägigen Foren den ärgsten Frust von der Seele. Im Zentrum der Kritik: Trainer Christian Gross und YB-Chef Ilja Kaenzig. Weit weniger hart ins Gericht geht die Online-Gemeinde mit den Spielern, die sich in der grossen Mehrzahl auch nicht eben mit Ruhm bekleckert haben in den letzten Wochen.
Montag, 28. November
•Die Cup-Verlierer besammeln sich am Vormittag zum lockeren Footing im Stade de Suisse. Nicht präsent ist Christian Gross. Der Coach ist unterwegs Richtung Danzig, wo er am Abend den Match Lechia Gdansk - Ruch Chorzow verfolgt. Wie eine Woche zuvor in Dänemark hat er die Reise nach Polen unternommen, um Stürmer zu beobachten.
•Die Suche nach neuen Offensivspielern hält auch Gross’ direkten Vorgesetzten Hansruedi Hasler auf Trab. YBs Technischer Direktor hat sich am Wochenende einen Stürmer angeschaut, den die Scouting-Abteilung bereits mehrmals spielen gesehen hat. «Es ist ein sehr interessanter Mann», sagt Hasler nach seiner Rückkehr am Montagabend. Mehr ist ihm nicht zu entlocken.
Dienstag, 29. November
•YBs Tauchgang im November wird in verschiedenen grossen Deutschschweizer Medien prominent abgehandelt. Die NZZ wirft die Frage auf, ob den Bernern wirklich nur bessere Stürmer fehlen oder ob die Probleme nicht tiefer gründen. Der Autor ist sich nicht sicher, ob alle Spieler mit dem rigiden Regime von Christian Gross klarkommen.
Der «Blick» macht den grossen Check zwischen Gross und seinem Vorgänger Vladimir Petkovic. Der Direktvergleich endet – wen wunderts – zugunsten des im Mai entlassenen Petkovic.
Die Agentur Sportinformation erinnert daran, dass bei YB in der Vergangenheit schon Trainer entlassen wurden, «die nicht schlechtere Resultate lieferten, aber nicht den gleichen Respekt genossen wie Erfolgscoach Gross».
•Im Stade de Suisse ist es ausgesprochen ruhig. Die Spieler nutzen den trainingsfreien Tag, um im Kreise ihrer Familien, Freundinnen oder Kollegen etwas Distanz zu gewinnen zu ihrem gut bezahlten Beruf. Mario Raimondi sagt gegenüber Newsnet.ch: «Ein solches Spiel zu verdauen, ist schwierig.»
Mittwoch, 30. November
• Im Stade de Suisse beginnt um 10 Uhr das Morgentraining. Assistent Laurent Hagist führt das Kommando, Gross ist zumeist nur aufmerksamer Beobachter. Bei einem Spiel auf vier kleine und zwei grosse Tore zeigt sich, wer gut drauf ist und wer weniger. Farnerud ist eine Klasse für sich, Costanzo und Schneuwly rackern und rennen, doch sie bleiben (zu) oft an einem Gegenspieler hängen, Degen redet viel und verwirft häufig die Hände, Nuzzolo trifft auch aus günstiger Position das Tor nicht, Zverotic und Raimondi bleiben unauffällig.
Nach dem Training stellt sich Alain Nef den Fragen des Reporters.
Alain Nef, erzeugen Vereinsleitung und Trainer zu viel Druck auf die Spieler?
Nein. Es ist doch normal, dass ein Verein wie YB hohe Ziele hat. Wäre das nicht der Fall, wäre ich nicht nach Bern gekommen.
Wie erleben Sie Christian Gross?
Er ist ein Trainer, der viel von den Spielern verlangt und der Dinge beim Namen nennt.
Basel hat Leaderfiguren wie Frei, Huggel und Streller. Solche Figuren sucht man bei YB vergebens.
Es stimmt nicht, dass wir keine Leaderfiguren haben. Christoph Spycher ist eine Persönlichkeit. Und Marco Wölfli kann durchaus laut werden, wenn es sein muss. Aber einverstanden: Es würde noch den einen oder anderen lauten Spieler vertragen.
•Christian Gross und Teamcoach Heinz Schneiter treffen sich im Restaurant Büner zum Mittagessen. Der Zürcher und die YB-Legende verstehen sich sehr gut. Nach der Rückkehr ins Stade de Suisse sagt Schneiter, Gross sei angespannter als sonst, er wirke aber keinesfalls ratlos. «Er hat klare Vorstellungen davon, was zu tun ist in dieser schwierigen Situation.» Er widerspricht Behauptungen, wonach Gross auf niemanden höre: «Er holt sich immer wieder Meinungen von Drittpersonen ein.» Der 76-Jährige ist überzeugt vom Leistungsdenken, welches der Coach tagtäglich propagiert: «Die Spieler verdienen alle sehr gut. In diesem Preis ist auch die Kritik des Trainers und der Presse inbegriffen. Wer mit diesem Umstand nicht umgehen kann, ist im falschen Beruf.»
Donnerstag, 1. Dezember
•Gespräch mit Hansruedi Hasler im Stadionrestaurant. Er beurteilt die Arbeit von Gross und dessen Staff als «sehr gut». Die Frage, ob der Erfolgscoach zu dominant auftrete, verneint er: «Gross ist kein Diktator.» Es gebe aber einzelne Spieler, die immer noch zu viel Respekt vor ihm hätten. Wie erklärt sich Hasler die Tatsache, dass sich mehrere Spieler seit Wochen in Unterform präsentieren? Zum Teil seien es private Gründe, zum Teil habe es mit dem Kulturwandel zu tun, den Gross in die Wege geleitet habe. «Die Spieler werden zeitlich und mental stärker beansprucht.» Wie sich das Team leistungsmässig entwickelt hat in diesem Jahr, gefällt Hasler nicht: «Wir haben zu viele durchschnittliche Akteure.»
•Nachmittagstraining im Stade de Suisse. Farnerud, Costanzo, Nuzzolo und Raimondi, die Spezialisten für stehende Bälle, schlagen Flanken auf den hinteren Pfosten. Goalietrainer Zuberbühler kommentiert lautstark jeden Ball. Nach Trainingsende werden Spieler und Staff sofort nach Niederwangen verschoben. Sie haben beim Hauptsponsor einen Termin zu erfüllen, der schon vor längerer Zeit festgelegt wurde: Autogramme schreiben. (Der Bund)
Erstellt: 02.12.2011, 08:16 Uhr
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7 Kommentare
Sämtliche Zielvorgaben verpasst z.T. äusserst peinliche Niederlagen und die YB-Verantwortlichen hinterfragen den teuersten Klubtrainer der Schweiz nicht? Dies ist schlicht und einfach unverantwortlich. Das Geld wäre besser in die Verstärkungen auf dem Platz investiert worden. Antworten
Das Gerüst der Mannschaft hat letzte Saison im Europapokal überwintert und dabei immer wieder attraktive Heimspiele abgeliefert (neben ein paar Gurkenspielen). Gross hat den Stamm übernommen und mit eigenen Neuanschaffungen (Silberbauer und Co.) "angereichert". Aber es klappt nicht, unattraktiv wie noch nie. Überall weg.
Wann merkt Christian Gross, dass seine Zeit abgelaufen ist?
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