«Fussball wird sehr emotional gelebt»
Von Ruedi Kunz. Aktualisiert am 15.09.2011 1 Kommentar
Vladimir Petkovic ist in aufgeräumter Stimmung, als er dem «Bund» zwischen zwei Trainings telefonisch Auskunft gibt über die ersten Monate bei Samsunspor Kulübü. «Mir geht es sehr gut. Das Wetter ist perfekt: 28 Grad, keine Wolke am Himmel. Gestern, als wir trainingsfrei hatten, war ich den ganzen Tag am Strand», berichtet der 48-jährige aus Samsun am Schwarzen Meer, wo er seit Anfang Juli tätig ist. Der Einstand in der türkischen Meisterschaft ist Petkovic geglückt. Samsunspor gewann das erste Heimspiel gegen Gençerbirligi 3:2. Unter die Torschützen reihten sich Álvaro Dominguez, der zuletzt für Sion spielte, und der Ex-Mainzer Aristide Bancé.
Vladimir Petkovic, wie haben Sie die Premiere in der Süper Lig erlebt?
Es war ein sehr aufregendes Spiel. Wir gingen schnell 3:0 in Führung, kontrollierten den Gegner eine Stunde lang, ehe wir nach dem ersten Gegentor etwas den Faden verloren. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass das Team noch nicht gefestigt ist.
Wieso nicht? An der Vorbereitungszeit kann es nicht gelegen haben. Die war wegen der mehrwöchigen Verschiebung des Saisonstarts so lange wie nie in den letzten Jahren.
Bei Samsunspor ist in den letzten zwei Monaten etliches umstrukturiert worden. Mehr als die Hälfte der Aufstiegsmannschaft hat den Klub verlassen, 22 neue Spieler sind gekommen. 10 der 22 sind von unserem neuen Sportdirektor Adnan Sezgin erst unmittelbar vor Ablauf der Transferfrist am 5. September verpflichtet worden. Deshalb musste ich letzte Woche viel improvisieren.
Wieso hat Samsunspor Sezgin erst kurz vor dem Saisonstart angestellt?
Das ist Teil der Professionalisierung, die der Präsident von Samsunspor nach der Rückkehr in die Süper Lig vorantreibt. Sezgin, der bis im Frühling bei Galatasaray als Generaldirektor gearbeitet hat, soll die Voraussetzungen schaffen, damit sich der Klub in der vorderen Hälfte der obersten türkischen Liga etabliert.
Hatten Sie etwas zu sagen zu den «Last Minute»-Transfers?
Nicht viel. Sezgin hat mir gesagt, dass etliche unserer Spieler qualitativ nicht genügten. Dann ist er – mit dem Segen des Präsidenten wohlverstanden – auf Einkaufstour gegangen.
Ist das nicht frustrierend für Sie?
Nein. Ich bin froh, habe ich einen Sportdirektor zur Seite, der mit den Gepflogenheiten des Geschäfts bestens vertraut ist und mir den Rücken stärkt. Vor Sezgins Ankunft geschah bei Samsunspor vieles eher zufällig.
Der türkische Fussball ist in diesem Sommer von einem grossen Wettskandal erschüttert worden, in den unter anderen Meister Fenerbahçe Istanbul verwickelt ist. Wegen der umfangreichen Untersuchungen startete die Saison erst am 9. September. Wie haben Sie mit Ihrem Team die Wartezeit überbrückt?
Die Vorbereitung war für alle sehr anstrengend. Wir hatten unsere Form für den 5. August terminiert, als die Süper Lig beginnen sollte. Nach der Verschiebung mussten wir eine Erholungsphase einschalten, ehe wir den Motor ein zweites Mal hochfahren konnten. Hinzu kommt, dass viele Trainings ohne Ernstkämpfe eine mentale Herausforderung sind für Spieler und Betreuerstab. Ich bin froh, ist unter diesen schwierigen Umständen der Start gut gelungen.
Wie stark stufen Sie Ihre Mannschaft ein?
Das ist schwierig zu sagen. Was ich weiss: Mit 25 bis 30 Millionen Euro hat Samsunspor das zweitkleinste Budget der Liga. Für diese Saison lautet die Zielsetzung: Ligaerhalt. Mittelfristig sind die Ambitionen aber höher. Der Präsident möchte gerne in der Europa League spielen.
Sie haben Ihren Erfahrungsrucksack schon ordentlich füllen können innert kürzester Zeit?
Das kann man sagen. Ich habe hier Dinge erlebt, mit denen ich in der Schweiz nie konfrontiert worden wäre.
Wie erleben Sie den Fussball in der Türkei?
Er wird sehr emotional gelebt, im positiven wie im negativen Sinn. Die Türken identifizieren sich viel stärker mit dem Fussball als die Schweizer.
Wie ist Ihr Verhältnis zur Presse, die als nicht gerade zimperlich gilt?
Bis jetzt habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht. Das Interesse ist sehr gross. In jedem Training sind sieben bis acht Journalisten und Fernsehleute. Auch das zeigt, wie hoch der Stellenwert des Fussballs hierzulande ist.
Wie gut sprechen Sie schon Türkisch?
Noch nicht mehr als einige Worte. Ich habe einen Dolmetscher, der mir alles auf Deutsch übersetzt. Zudem sprechen einige meiner Spieler Deutsch, Französisch oder Italienisch. Das hilft mir, um zu überleben. (Lacht.)
Haben Sie noch Zeit, den Schweizer Fussball zu verfolgen?
Ich verfolge ihn sehr intensiv. Von YB habe ich fünf Partien am TV gesehen.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Berner?
Ich möchte keine Aussage dazu machen. Ich habe gute Erinnerungen an YB. Wir haben in der vorletzten Saison 77 Punkte geholt, viele spektakuläre Spiele gezeigt, viele Tore geschossen, in Europa mitgespielt. Ich erinnere daran, dass wir in den drei Jahren, in denen ich YB coachte, im Durchschnitt zwei Punkte erzielten. Das ist ein stolzer Wert.
Wenn Sie mit Samsunspor eine solche Quote erreichen, dann . . .
. . . sind wir nächste Saison im Europacup dabei. (Lacht.)
(Der Bund)
Erstellt: 15.09.2011, 07:33 Uhr
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