Ein Pechvogel versucht zu fliegen
Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 22.06.2011 3 Kommentare
Der Slice als einzige Option: Romina Oprandi (hier auf einem Bild aus ’s-Hertogenbosch) konnte wegen einer
Handgelenksverletzung die Rückhand nicht doppelhändig spielen und stand daher auf verlorenem Posten. (Bild: Keystone )
Es ist kurz nach 14 Uhr Ortszeit. Romina Oprandi schlägt sich mit Marc Frey, Mitglied des TC Münsingen und dezentraler Nationaltrainer Kondition von Swiss Tennis, im Aorangi Park ein. Die Bernerin bereitet sich auf der Trainingsanlage des All England Lawn Tennis and Croquet Club auf ihren Einsatz an den Championships von Wimbledon vor. Oprandi spielt, wie es am Matchtag üblich ist, ganz locker. Doch es fällt auf, dass sie auf der Rückhandseite die linke Hand nicht zu Hilfe nimmt.
Romina Oprandi ist, seit sie am vergangenen Freitag im Halbfinal von ’s-Hertogenbosch gegen Jelena Dokic (Au) auf die linke Hand stürzte, verletzt. Wieder einmal. Denn die Bernerin, die als Doppelbürgerin für Italien antritt, hat derzeit eine Pechsträhne. In der wettkampffreien Zeit hatte sie einen Bänderriss im linken Knöchel erlitten, worauf sich der Saisonstart harzig anliess. Dann zog sie sich im kalifornischen Indian Wells eine Knieverletzung zu, die sie zwei Monate von den Tenniscourts fernhielt. Trotzdem jammert Oprandi nicht. «Es bringt nichts, dich über Dinge zu ärgern, die du nicht ändern kannst.»
Der Sturz im Fussball
Die Bolligerin, die als Juniorin weltweit zu den grössten Talenten zählte, hat, selbst wenn sie als gesund gilt, ein grosses Handicap. Die rechte Schulter, nach einem Sturz beim Fussballspielen zweimal operiert, hält der Belastung intensiver Trainings nicht mehr stand. Um Entzündungen zu vermeiden, hält Oprandi, die zudem an Asthma leidet, das Pensum bewusst tief. Auf die Frage, welche Körperteile noch nie verletzt gewesen seien, antwortet sie: «Der Kopf ist top.» Trotz dosiertem Trainingseinsatz und grosser Willenskraft sind Probleme nicht zu vermeiden. Gemäss WTA-Statistik hat sie seit Beginn ihrer Profikarriere im Frühling 2005 19-mal aufgeben und 4-mal Forfait erklären müssen.
Der Sieg gegen Clijsters
Unter diesen Umständen ist es erstaunlich, wie erfolgreich die Bernerin spielt. In der Weltrangliste figuriert sie auf Position 67, nur zwei Plätze hinter Timea Bacsinszky, der besten Schweizerin. Die Waadtländerin fehlt in Wimbledon übrigens verletzungsbedingt. Erst letzte Woche schlug Oprandi in Holland die Weltnummer 2, Kim Clijsters, und feierte damit den wertvollsten Sieg in ihrer Laufbahn. Es gab zahlreiche Reaktionen. «Es haben sich viele gemeldet, die sich sonst nie melden», sagt sie mit einer Prise Sarkasmus. Doch selbst nach ihrem grössten Triumph war die Freude nicht ungetrübt, hatte sie sich gegen die Belgierin doch eine Zerrung im rechten Oberschenkel zugezogen.
Die drei Bandagen
Doch diese ist derzeit nicht das Hauptproblem. Oprandi leidet an angerissenen Bändern und einer Knochenkontusion im linken Handgelenk. Deswegen verbrachte sie fast den ganzen Montag bei Ärzten und Physiotherapeuten in London. Und auch jetzt, nach dem Einspielen, sucht die 25-Jährige noch einen Spezialisten des italienischen Tennisverbands auf. «Die Hand tut extrem weh», sagt sie. Trotzdem will sie unbedingt antreten zum Match gegen Lourdes Dominguez Lino. «Ich will unbedingt auf den Platz – es geht um Wimbledon, nicht um irgendein Grümpelturnier.» Medizinisch sinnvoll ist ein Einsatz kaum, doch die Kämpferin aus Bolligen sagt: «Die Ärzte können nur Ratschläge geben, die Entscheidung liegt bei mir.» Sie hofft noch, dass ihre Partie auf den Mittwoch verschoben wird. Doch der erwartete Regen kommt nicht. Das überrascht freilich nicht – welcher Pechvogel hat schon Glück?
Kurz nach 20 Uhr betritt Romina Oprandi den Rasen von Court 19. Es weht ein kühler Wind über die prächtige Anlage an der Church Road. Die linke Hand der Bernerin ist eingebunden, der rechte Oberschenkel einbandagiert, und am linken Knie trägt sie eine Stütze, denn auch diese Verletzung ist nicht vollständig ausgeheilt.
Der kurze Auftritt
Dominguez (WTA 48) ist eine solide Arbeiterin ohne ausgeprägte Stärken, aber auch ohne gravierende Schwächen. Die Spanierin verfügt über weniger Talent als die Italo-Bernerin. Die ersten vier Games sind umstritten, gehen alle über Einstand. Und doch liegt Oprandi 0:4 zurück. Sie punktet zwar mit sehenswerten Stoppbällen, und ihr gelingt sogar ein Schlag zwischen den Beinen hindurch, aber letztlich lässt sich das Handicap, die doppelhändige Rückhand nicht einsetzen zu können, nicht kompensieren. Die laufstarke Gegnerin hält den Ball geschickt im Spiel und nützt die Schwäche ihrer Gegnerin, die mit der Rückhand nur mit dem Slice operieren kann, gnadenlos aus. Nach einer knappen Stunde ist der Spuk vorbei, Oprandi 0:6, 1:6 geschlagen. Mit dermassen gestutzten Flügeln kann selbst ein an viel Pech gewöhnter Vogel nicht richtig fliegen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 22.06.2011, 12:11 Uhr
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