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Die Nadel hüpft ins Nirgendwo
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Aussergewöhnlich lange sass Grädel letzten Samstag mit geschundener Seele am Küchentisch und philosophierte bei einem Gutenacht-Bier über die berühmten letzten und kompakten Worte von «Chrigel» als Trainer in Bern: YB fehle leider noch immer das Siegergen. Quod erat demonstrandum, schoss es ihm zuvor im Stadion durch den Kopf, als Gygax dem FC Luzern mit einem Penalty in extremis einen Punkt rettete. «Veryoungboysen» würden das nun also wohl viele wieder nennen, aber Grädel ahnte, dass das Problem tiefer lag; schuld war wohl tatsächlich ein bloss klitzekleiner Defekt in einem klitzekleinen Gen.
Grädel hatte ja wirklich keine grosse Ahnung von der Materie, aber er stellte sich den Aufbau der DNA in etwa vor wie die Rille einer alten Vinyl-Schallplatte, mit zahllos verschiedenen Vertiefungen, aus denen eine Nadel ihre Informationen erhält. Immer genau an der Stelle, wo der Refrain kommen müsste, hüpft auf der YB-Platte die vermaledeite Nadel ins Nirgendwo zurück. Und jedes Mal, wenn man sich wieder anschickt, in den Refrain einzustimmen, kommt dieser doofe Kratzer erneut. Aber auf welcher Rille oder – richtig gefragt – in welchem Teil des Körpers hätte sich, wenn dem so wäre, das Siegergen eingenistet? Kann man es, wenn es unauffindbar ist, nachträglich einpflanzen? Grädel konnte es sich nicht so recht vorstellen, wie man ein Gen einfach auf eine Spritze ziehen und den Spielern schwuppdiwupp injizieren könnte. Moralisch wäre eine solche Methode zudem verwerflich, gerade jetzt, wo vor Gendoping gewarnt wird. Ist so ein kleinstmögliches Fitzelchen menschlicher Masse unter einem Mikroskop erkennbar, und gäbe es eine dermassen präzise Waage, um es wiegen zu können? Wohl kaum, so gesehen handelt es sich bei diesem Siegergen um ein extremes und somit eigentlich nicht weiter beachtenswertes Leichtgewicht. Ganz im Gegensatz zur Seele, deren Masse exakt 21 Gramm beträgt und somit dem Äquivalent von etwa fünf Häuselchen Schokolade entspricht, wie Grädel kürzlich irgendwo im Netz aufschnappte. Vielleicht lag der Schlüssel zum Erfolg aber doch nicht in einer Schallplattenrille der menschlichen Genetik versteckt; möglicherweise entstanden die lästigen Dissonanzen erst hinter der Nadel, irgendwo in den Untiefen der Elektronik. «C’est le ton qui fait la musique», brachte Grädel seine spätabendlichen Betrachtungen zu Ende, trank sein Bier aus und ging zu Bett. (Der Bund)
Erstellt: 10.05.2012, 07:15 Uhr
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