Sport
Die Fussball-Legende der DDR lebt wieder
Die Stimmung im Stadion
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Während die Schweizer Lucien Favre (Gladbach), Pirmin Schwegler (Frankfurt) und Diego Benaglio (Wolfsburg) gegen den Abstieg aus der Bundesliga kämpfen, schickt sich der achtfache DDR-Meister Dynamo Dresden am letzten Spieltag der 3. Liga an, das Ticket für die Barragespiele gegen den Drittletzten der 2. Bundesliga zu lösen. Siegen die Dynamos am Samstag in Offenbach, haben sie ihr Etappenziel erreicht, ansonsten können sie immer noch darauf hoffen, dass auch der Viertplatzierte SV Wehen-Wiesbaden bei den Amateuren von Werder Bremen nicht gewinnt. Die Euphorie in und um Dresden ist jedenfalls riesengross. Zum letzten Heimspiel, das Dynamo gegen die von Mario Basler trainierten Burghauser 2:0 gewann, kamen fast 30'000 Fans ins Stadion. Wäre dessen Kapazität nicht begrenzt, hätte der Klub wohl gegen 50'000 Tickets absetzen können.
Das Spiel gegen Offenbach wird in voller Länge im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein. Im Osten Deutschlands ist Dynamo auch 16 Jahre nach seinem letzten Bundesliga-Heimspiel und fast 22 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer noch immer der mit Abstand beliebteste Fussballklub. In den regionalen Ausgaben der «Bild»-Zeitung gehören die grossen Schlagzeilen nicht Borussia Dortmund oder Bayern München, sondern der SGD. So nennen die leiderprobten Dynamo-Fans ihren Verein, der sich vor einigen Jahren wieder den alten DDR-Namen Sportgemeinschaft Dynamo Dresden gegeben hat.
Reiner Calmund zieht im Hintergrund die Fäden
Neben dem neuen Trainer Ralf Loose, einst Nationalcoach in Liechtenstein, hat ein alter Bekannter aus der Bundesliga beträchtlichen Anteil am Höhenflug der Dresdner, die vor der Saison eigentlich nur die Klasse halten wollten: Reiner Calmund. Der schwergewichtige Ex-Manager von Bayer Leverkusen steht Dynamo als Berater zur Seite und fliegt regelmässig nach Sachsen, um die traditionell zerstrittenen Gremien der Vereinsführung auf eine gemeinsame Linie einzuschwören und Konzepte für die Zukunft zu erarbeiten. «Hier gibt es so viele positiv bekloppte Fussballanhänger, hier habe ich so viele Emotionen erlebt, die ich nie vergessen werde», erklärte Calmund seine Motivation, als er das Ehrenamt antrat. Nun sagt er: «Die Chance, dass es mit dem Aufstieg klappt, ist riesengross.»
Der Torhüter feiert mit verbotenem Feuerwerk
Einer der grössten sportlichen Hoffnungsträger in Dresden trägt den berühmten Nachnamen Kirsten. Benjamin Kirsten ist aber im Gegensatz zu seinem Vater Ulf, der 1996 mit Deutschland Europameister wurde, nicht Stürmer, sondern Torhüter. Der 23-Jährige hat sich nach der Winterpause den Platz im Dynamo-Kasten gesichert und seinen Klub mit einer ganzen Reihe grossartiger Paraden im Aufstiegsrennen gehalten. Für «Benni» ist der Goalie-Job in Dresden die Erfüllung eines Traums. Obwohl er im Rheinland aufwuchs, fieberte er stets mit Dynamo. Als er noch für den Nachwuchs von Bayer Leverkusen spielte, sammelte er mit einer grossen Fahrradtour Geld für den sächsischen Traditionsverein, wann immer er konnte, reiste er zu den Spielen der Schwarz-Gelben. Im Sommer 2009 brockte ihm die Liebe zu Dynamo jedoch gehörigen Ärger ein: Er feierte den Sieg im Sachsenpokal im Meer der Fans mit verbotenem Feuerwerk und musste dafür rund 6000 Franken Strafe zahlen.
Zwangsrelegation und Sturz in die Viertklassigkeit
Die Episode um Benjamin Kirsten ist nur einer von vielen Skandalen in der wechselvollen Geschichte von Dynamo Dresden, dessen dunkelste Stunde wohl die Zwangsrelegation in die Regionalliga zum Ende der Saison 1994/95 war. Unter dem hessischen Baulöwen Rolf-Jürgen Otto hatten die Dresdner Schulden in zweistelliger Millionenhöhe angehäuft und die Lizenzunterlagen mit falschen Zahlen gefüttert. Ein Jahr zuvor war Dynamo wegen Manipulationen bei der Lizenzierung bereits mit vier Punkten Abzug bestraft worden, schaffte den Klassenerhalt aber dank einer glücklichen Transferpolitik doch noch. Der sportliche Tiefpunkt folgte im Jahr 2000: Dynamo Dresden sank in die viertklassige Oberliga ab und entkam ihr erst im Sommer 2002 wieder. Das erste Oberligaspiel verloren die Schwarz-Gelben beim Provinzklub Eintracht Sondershausen 0:1. Die mitgereisten Fans vergossen hinter zur Abgrenzung aufgestellten Bauzäunen bittere Tränen.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.05.2011, 12:59 Uhr
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